Das Murmeltier grüßt nicht mehr täglich: Die laufende Bundesligasaison zeichnet sich besonders dadurch aus, dass eigentlich in der Spitzengruppe etablierte Klubs wie Leverkusen, Wolfsburg und Gladbach plötzlich ihrer Form weit hinterherlaufen. Andere, oft als „Überraschungen“ verschriene Vereine wie Köln, Frankfurt und Hoffenheim mischen derzeit die oberen Tabellenregionen auf. Auch Hertha BSC Berlin gehört dazu: der Hauptstadtklub, der sich schon in der letzten Saison die Teilnahme an der Qualifikation zum internationalen Geschäft gesichert hatte (und diese dann überragend vermasselte), greift auch in dieser Spielzeit wieder oben an. Ein Gesicht hat dieses neue Vereinsglück auch: Trainer Pal Dardai, Vereinsikone und ehemaliger Chef im Mittelfeld, ist untrennbar mit dem neugewonnenen Selbstvertrauen der Mannschaft und des Umfelds im Verein verbunden. Doch wie kann man die alte Dame Hertha weiter aufhübschen? Schließlich braucht sie doch neue Abendkleider, wenn sie bald wieder auf internationalem Parkett tanzen soll, oder? TK verrät euch, welches Umstyling der Mannschaft gut tun könnte…

Hertha und das Doppel-D: Dardai und Disziplin

Eigentlich sind wir keine Freunde von erlahmten Klischees und ja, in fast jedem halbwegs passablen Fußballartikel werden Dardai und Disziplin gleichgesetzt. Und dennoch: der mannschaftliche Erfolg ist strikt mit Dardais taktischem Mantra verknüpft. Dies zeigt sich nicht nur darin, dass die Mannschaft eine fast schon unheimliche Positionstreue und Aufgabenverteilung auf den Platz bringt; jeder scheint seine Rolle genau zu beherzigen und spult sein Pensum räumlich klar definiert ab. Natürlich verfügen viele Spieler in gewissen Situationen auch über die nötigen Freiheiten, diese werden schnellstmöglich jedoch durch kluges Verschieben der Mitspieler so kompensiert, dass kein räumliches Vakuum entsteht. Wie an der Schnur gezogen reiht sich der vorgestoßene Spieler im Regelfall nach erfolgreichem Pass oder Angriffsversuch wieder in die Grundformation ein. Die Folge: es ist unheimlich schwierig, die Hertha schnell zu überspielen oder durch situative Einfälle zu überraschen. Dardai hat es weitestgehend geschafft, die Disziplin, die er als Kapitän der Hertha damals selbst auf dem Feld vorgelebt hat, auf seine Mannschaft zu übertragen.

Die Stärke der Hertha ist die Organisation bei gegnerischem Ballbesitz, durch die sie die Gegner oft zu Abspielfehlern oder Ballverlusten zwingen, aus denen heraus sie in der Folge ihr eigenes vertikales Spiel aufziehen. Zentrale Fixpunkte in der Umschaltbewegung sind hierbei Antreiber Vladimir Darida und die schnellen Außenbahnspieler, die bei Bedarf durch die Außenverteidiger unterstützt werden. In der Zentrale gilt Offensivspieler Andrej Duda als Hoffnungsträger, muss aufgrund des Verletzungspech jedoch weiterhin darauf warten, dem Spiel seinen Stempel aufdrücken zu können.

Die neugewonnene Disziplin im Verein findet sich jedoch nicht nur auf dem Platz wieder: Dardai und der  in der Vergangenheit nicht unumstrittene Manager Michael Preetz haben es geschafft, auch organisatorisch überlegte Entscheidungen zu treffen. Diese schlagen sich nicht zuletzt auch in der Transferpolitik nieder: Hertha tätigt einerseits kluge Einkäufe zu relativ geringen Summen, welche die Mannschaft jedoch qualitativ nach vorne bringen. Beispiel gefällig? Talente wie Niklas Stark und Mitchell Weiser haben zusammen beispielsweise 3 Millionen an Ablöse gekostet (und das nur Stark) und sind für das Spiel der Berliner schon jetzt unbezahlbar geworden.  Andererseits haben es die Berliner in der neueren Vergangenheit durch die Transfers eines Salomon Kalou aber auch des umworbenen Duda auch geschafft, wieder Hauptstadtflair im Verein zu kreieren – schließlich war Berlin lange Zeit nahezu die einzige Hauptstadt-Metropole im europäischen Fußball ohne Spitzenmannschaft. Dies wird sich letztlich auch marketing-technisch gelohnt haben.

Das zweite Gewand: Qualität in Breite und Spitze

Was der Hertha noch fehlt, sind an einigen Stellen Kaderergänzungen in der Spitze, auf anderen Positionen wiederum Verstärkungen in der Breite. Kurz: die alte Dame braucht über Kurz oder Lang ein zweites Gewand. Was haben die angesprochenen Klubs wie Hertha BSC, Köln, Hoffenheim, Frankfurt und auch Leipzig gemeinsam? Richtig: sie alle spielen in dieser Saison nicht international. Die Folge sind ausgeglichenere Spielrhythmen und Erholungsphasen, die wiederum eine geringere Rotation und einen qualitativ kompakteren Kader ermöglichen. Sollte die Hertha sich jedoch längerfristig um die internationalen Plätze bemühen wollen, sind einige Aufhübschungen unabdingar. Dies betrifft zum Beispiel die Verteidigung: Zwar liest sich eine erste Reihe aus Plattenhardt, Brooks, Stark und Weiser gut bis vorzüglich, schaut man sich jedoch die Alternativen an, wird schnell klar, dass ein international ambitionierter Klub hier demnächst in der zweiten Reihe aktiv werden muss.

Wir sehen insbesondere auf der Rechtsverteidigerposition Potenzial für Verbesserung in der Breite. Hinter Mitchell Weiser steht zwar noch Routinier Peter Pekarik bereit; hier dürfte aber längerfristig Bedarf entstehen. Man bräuchte also einen in der Vertikalität dynamischen Spieler, der sich insbesondere bei einer Mehrbelastung mit Weiser abwechseln kann ohne das ein großer Qualitätsverlust entsteht. Kandidaten hierfür wären beispielsweise Leverkusens Danny da Costa oder Schalkes Junior Caicara. Da Costa dürfte, obwohl er bei Leverkusen nur relativ selten zum Zuge kommt, aufgrund der teaminternen Außenverteidigersituation wohl nur schwer zu bekommen sein – um Caicara hingehen werden erste Wechselgerüchte laut, da er in diseser Saison bislang nur in den Schalker Spielen der Europa League eine gewichtige Rolle spielt. Caicara überzeugt durch seine Schnelligkeit und den Zug in der Offensivbewegung, weißt trotz seiner Bissigkeit jedoch Mängel im defensiven Zweikampf auf: seine Aktionen wirken bisweilen überstürzt und unüberlegt. Hier wäre Dardai Trumpf: Wir trauen dem Trainer zu, Caicara so taktisch zu schulen, dass auch er sich in das strikte Mannschaftskorsett der alten Dame Hertha einreihen kann. Ob sich die Situation für Caicara aber in Berlin ändern würde? Schließlich ist Weister in seiner momentanen Form nicht aus dem Team wegzudenken. Bei einem Abgang in der Zukunft winkt Caicara jedoch ein Stammplatz – eine sicherlich nicht unerhebliche Überlegung. Stuttgarts Jean Zimmer ist ein weiterer interessanter Kandidat auf dieser Position.

Die zweite Position, die wir uns für unseren heutigen Bericht ausgesucht haben, ist das zentrale Mittelfeld. Das Paar aus Dauerläufer Vladimir Darida und Ausputzer Per Ciljan Skjelbred besticht nicht zuletzt durch ihr taktisches Gespür und gute Verschiebungen, sondern ist auch das Herzstück des Berliner Umschaltspiels. Allerdings wird Skjelbred nicht jünger und man sollte sich schon früh um ein Talent bemühen, das zum eigenen Spiel passen sollte, aufgebaut werden kann, aber auch direkt eine Verstärkung bedeutet. Unsere Wahl fällt hier auf Karlsruhes Grischa Prömel. Der defensive Sechser, der seine stärksten Spiele an der Seite eines offensiver ausgerichteten Gegenparts bestreitet, könnte Darida bei einem Zusammenspiel den Rücken freihalten, für die nötige defensive Stabilität sorgen und durch lange Bälle selbst Variabilität im Vorwärtsgang erzeugen. Prömel ist ein vielversprechendes Talent, das durch ein ordentliches Stellungsspiel und eine gute Arbeit gegen den Ball punktet. Wählt man die Variante, in der man einen weiteren Partner für Darida sucht, wäre Prömel ein geeigneter Mann. Zudem kann er auch Rechtsverteidiger spielen…

Quo vadis, Hertha?

Die zentrale Frage für die Hertha ist, wo es zukünftig hingehen soll. Will man langfristig gesehen die vorderen Tabellenregionen angreifen, sind Verstärkungen in der Breite dringend notwendig. Neben einem Konkurrenten für die rechten Aussenverteidigerposition und einem talentierten Mann für das zentrale Mittelfeld, sollte man sich auch nach einem weiteren Stürmer Ausschau halten – Schieber und auch die Kaderleiche Allagui zählen für uns auf Dauer von ihrer Qualität keinesfalls zu geeigneten Kandidaten. Etwas, das Hertha weiter in ihrem Spiel fehlt, ist die offensive Durschlagskraft und Torgefahr aus dem zentralen Mittelfeld heraus. Hier setzen wir jedoch auf Andrej Duda, dessen Präsenz im offensiven Mittelfeld nach seiner Genesung neue Impulse für und Gefahr im Angriffsspiel mit sich bringen wird. Will man den Hauptstadtverein Hertha zu einem Spitzenklub formen, gilt es, Dardai langfristig an den Verein zu binden, die kluge und überlegte Einkaufspolitik weiterzuführen und zu optimieren. Dann kann aus Hertha auch eine echte Fussballmetropole werden; die Grundsteine hierfür sollten bereits in der Winterpause gelegt werden.

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