Eigentlich hat es niemanden überrascht: Nach einer kräftezehrenden, euphorisierten Erstsaison krebst der FC Ingolstadt in seinem zweiten Bundesliga-Jahr am Tabellenende herum. Nach dem Abgang vom Heroen Hasenhüttel leuchteten die Alarmglocken nach den ersten Spielen so rot wie das Haar von Neu-Trainer Maik Walpurgis, den sich Thomas Linke und Harald Gärtner verpflichtet zu verpflichten sahen. Der holte dann gleich in kürzester Zeit mehr Punkte als Vorgänger Kauczinski, der den FCI erst in diese rötliche Lage gebracht hatte – und trotzdem könnte sich die Abkehr von Deutschlands Trainer des Jahres 2015 als falsch erweisen.

Walhüttl beendet die Nachhaltigkeit

Zuletzt übte TK noch Kritik an der Leitung der Ingolstädter: Man hätte Kauczinski Vertrauen schenken sollen und sich ein Vorbild am SC Freiburg nehmen können, der mit Streich ab- und wieder aufgestiegen war. Denn mit dem Trainerwechsel ist bereits ein Transfer geschehen, der alles andere völlig beeinflusst. Nach den ersten zwei Walpurgis-Partien schien es zunächst, als hätte man die richtige Option gezogen, so auch die Sportschau im Ersten, die betonte, dass der neue Trainer Maik Walpurgis in seinen ersten zwei Spielen schon doppelt so viele Punkte geholt hat als Kauczinski in seinen zehn Spielen zuvor. Dass sich das natürlich erst einmal krass anhört, ist klar, dabei wird aber außer Acht gelassen, dass Kauczinski in Spielen gegen Dortmund (3:3) oder den FC Bayern (1:3) sehr gute Leistungen gezeigt hatte und auch sonst nie eine wirklich übermäßig unterlegene Mannschaft gewesen war. Walpurgis holte den ersten Sieg durch einen Distanzschuss gegen die ohnehin farblosen Darmstädter, die zu lange gewartet hatten, um von Meier und Fach abzukehren, den zweiten Punkt mit einem zugegeben guten Konzept gegen den VfL Wolfsburg. Doch aufgrund dessen den ehemaligen Osnabrücker als bessere Lösung als Markus Kauczinski zu bezeichnen, erweist sich bei einem untersuchenden Blick auf die Gründe als falsch.
Mit dem hochdekorierten Ex-Karlsruher kam im Sommer ein Mann nach Oberbayern, der den FCI von seiner bis dahin höchst erfolgreichen, aber kräftezehrenden und relativ eindimensionalen Hasenhüttl-Pressing-Schiene zu einer taktisch variableren Mannschaft formen wollte. Transfers wie die von Rinderknecht, Leipertz und vor allem Kittel waren auch eindeutige erste Schritte für diese Mission. Dass eine Mannschaft, die bis dahin aber ein bestimmtes System vollkommen verinnerlicht hatte und in erster Linie auch nur aus Spielern besteht, die in ihrem fußballerischen Charakter voll diesem System entsprechen, nicht von einem auf den anderen Tag Erfolg haben würde, war klar. Doch die Lösung Markus Kauczinski schien eine nachhaltige und im ruhigen Ingolstädter Umfeld auch langfristig erfolgsversprechende zu sein.
Aber die Geduld fehlte dann leider doch, weshalb mit Maik Walpurgis ein Trainer kam, der den alten Hasenhüttel-Stil wieder aufgreift und so zunächst natürlich auf einen passenden Mechanismus zurückgreift, der bei den Spielern anschlägt. Außerdem muss man Walpurgis bescheinigen, dass er in diesem Zusammenhang ein gutes Händchen für die Spielerwahl zu haben scheint. Ist das jedoch wirklich der richtige Weg? Nein – wie auch das Spiel gegen Bremen zeigt. Eine ziemlich unabgestimmte Mannschaft mit einem jungen Trainer, die die Ingolstädter Pressing-Farce (denn das ist sie noch) trotzdem schnell durchschaut und besiegt hat. Dazu kommt, dass alle bisher mühsam erarbeiteten spielerischen Flexibilitäten (die es unter Kauczinski durchaus gab!) wieder verblassen, wenn Walpurgis (und das muss er ja fast) an der Hasenhüttl-Kopie festhält. Wäre immer noch Markus Kauczinski Trainer, würde man jetzt einen spielstarken, taktisch variablen zentralen Mittelfeldspieler sowie einen solchen Stürmer empfehlen. Doch er ist es nicht mehr – weshalb man jetzt Spieler empfehlen muss, die auch zum FC Ingolstadt in seiner Premieren-Saison gepasst hätten.

Zwei No-Name-IVs und ein Big Name-MS

Um also Walpurgis auf seiner Hasenhüttl-Gedächtnis-Mission zu unterstützen, ist da in erster Linie ein weiterer Innenverteidiger nötig, der mit einer gewissen Spielintelligenz die beiden taktisch eher eindimensional intelligenten Roger und Cohen (an dieser Stelle kurz: dass man der Technik-Koryphäe Kittel und dem kompakten Rinderknecht so gut wie keine Chance gewährte, ist unverständlich. Und ersterem fehlen jetzt unter Walpurgis die körperlichen Startelf-Argumente.) von hinten unterstützt und eine weitere Option für den alternden Matip, den jungen Tisserand, den unerfahrenen Wahl und den verletzten Bregerie darstellt.
Letztendlich haben zwei Kandidaten das TK-Casting erfolgreich gemeistert: Ersterer ist Rafal Grodzicki, Kapitän des 14-maligen polnischen Meisters Ruch Chorzow und mit 33 Jahren sicher nur eine kurzfristige Lösung, die kaum lange über die Saison hinausgehen dürfte, dafür aber auf Anhieb helfen würde, was bei Wintertransfers ja kein seltenes Motiv ist. Grodzicki ist ein Paradebeispiel für einen kompromisslosen Innenverteidiger, der spielerisch sicher keine Augenweide ist, durch seine Erfahrung aber ein sehr routiniertes Stellungsspiel zur Schau trägt und zudem extrem kopfball- und zweikampfstark ist. Grodzicki definiert sich durch seine Körperlichkeit und seine Routine, würde der FCI-Defensive also einiges an Stabilität geben und wäre mit Matip sicherlich ein Innenverteidiger Duo, das bei Standards defensiv sehr sicher und offensiv sehr gefährlich werden kann. Grodzicki traf in der laufenden Saison bereits zwei Mal, bereitete zudem zwei Treffer vor: Nachweis seiner guten langen Bälle, die die relativ spielschwachen Ingolstädter Sechser weitesgehend vom Spielaufbau entlasten und mehr auf ihre primäre Aufgabe unter Walpurgis konzentrieren lassen würden: Koordiniertes, aber aggressives Nachschieben in die Halbräume, um den anlaufenden Stürmern den Rücken freizuhalten.
Kandidat Nummer Zwei ist eine nachhaltigere und flexiblere Lösung, die aber deutlich teurer wäre und mehr Eingewöhnungszeit bräuchte. Die Rede ist von Josué Sá, 24-jähriger Innenverteidiger vom fünften der portugiesischen Liga, Vitoria Guimaraes. Der 1,87 Meter große Portugiese, der jede U-Nationalmannschaft durchlief, wurde bei Sporting Lissabon ausgebildet und spielte in der Vergangenheit auch oft als Sechser. Neben einer gewissen körperlichen Robustheit bringt Sá noch deutlicher die anfangs geforderte Spielintelligenz mit, ist außerdem ein guter Fußballer und jung. bzw. “im besten Fußballeralter“. Er könnte nicht nur als IV, wo er für seinen kultivierteren Spielaufbau zuständig wäre, sondern auch im defensiven Mittelfeld eingesetzt werden, wo er mehr Zweikampfstärke als zum Beispiel ein Almog Cohen oder Alfredo Morales mitbringen würde, zusätzlich aber auch ein besseres Aufbauspiel als diese. Er wäre also auch ein Spieler gewesen, den Markus Kauczinski gerne begrüßt hätte – und trotzdem würde er Walpurgis‘ Stil arg stabilisieren.

Eine zweite Empfehlung ergibt sich in der Offensive und ist dem auslaugenden Anlaufen der Ingolstädter Offensivkräfte geschuldet. Hier wird mehr Variabilität benötigt, die trotzdem nicht aus dem Raster “robust, ausdauernd, kollektiv-konform“ fällt (im eigenen Kader fehlt es hier an Optionen, ein Sonny Kittel fällt schon durch die erste Anforderung “robust“).  Und hier überrascht dann ein Name, den sicher die allermeisten nicht auf der Rechnung haben: Die Rede ist von Emmanuel Adebayor, der seit Juli vereinslos ist und sich auf der Suche nach einer neuen Herausforderung befindet. Zuletzt spielte der Togolese bei Crystal Palace, ein Wechsel zu Olympique Lyon platzte, Ende Oktober hieß es, Adebayor stehe kurz vor einem Engagement bei Al-Wasl Dubai. Doch um dieses scheinbar heiße Gerücht wurde es leise, das Geschäft scheint nicht zu klappen – der Mittelstürmer würde aber auch nicht unbedingt Sinn ergeben für die Araber, die derzeit einen 39-Mann-Kader pflegen und mit Fabio Lima, Caio und Ronaldo Mendes eine gut funktionierende Offensive führen und nicht auf einen Stürmertypen wie Adebayor angewiesen sind. Für den FCI wäre der Mann aber ein Geschenk des Himmels: Sicher, wieder nicht die nachhaltigste Lösung und auch kein Kandidat für eine fußballerische Weiterentwicklung. Aber einer für ein lauf- und kraftintensives System, der vor dem Tor die nötige Erfahrung mitbringt und extrem zweikampfstark ist. Adebayor wäre eine echte Option und Bereicherung, der das Ingolstädter Pressing neu beleben würde. Die einzige Frage ist: Hat der 63-fache Nationalspieler, der mittlerweile 32 Jahre alt ist, Lust auf eine neue Herausforderung, oder will er lieber mehr Geld verdienen und die europäische Karriere beenden?

Wie dem auch sei, sollten im Winter zwei entsprechende Transfers getätigt werden, könnte eine Walpurgis-Elf in der Gestalt
Hansen – Hadergjonaj, Matip, Sá/Grodzicki, Jung – Rinderknecht, Roger – Leckie, Groß, Lex – Adebayor tatsächlich einen Bundesliga-Verbleib realisieren. Wie gesagt: Nachhaltig ist das aber nicht.

 

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