Auch Transferkritiker gehörte zu denjenigen, die falsch lagen – vor Saisonstart prognostizierten wir, genauer ich, in einer TKast-Folge, dass der FC Bayern absolut unantastbar auftreten würde. Ancelotti, Sanches, Hummels – frische Namen, frischer, erfolgreicher Wind, so dachte man. Recht frisch, fast schon harsch ist jetzt der Gegenwind, der den Bayern und natürlich hauptsächlich Carlo Ancelotti entgegenschlägt. Rostov und Dortmund hießen die Stolpersteine der jüngsten Vergangenheit, die die postulierte Unantastbarkeit sehr in Frage stellen – frischer Wind war da allenfalls in Form russischer Minusgrade zu erkennen. Ein relativ unfrisches, da bestens bekanntes Lüftchen weht dem FC Bayern aber seit Kurzem in Form von Uli Hoeneß um die Nase – ob das der Weg zurück in die Erfolgsspur wird? Wo Uli auf dem Transfermarkt am besten nach einem animierenden Windstoß suchen sollte, erörtert TK im heutigen Artikel.

Katalysator gesucht

,,Strategische Unterlegenheit“ – so drückt Tobias Robl von spielverlagerung.de aus, was den FC Bayern schon seit Beginn der Saison an einem restlos überzeugenden Auftreten hindert. Um konkreter zu werden: Unter quiet leader Carlo Ancelotti gelingt die erfolgreiche Umstellung vom daueraktiven Pep Guardiola auf den neuen Laissez-faire Stil nur schleppend. Nach drei Jahren intensiven Coachings und höchster Aufmerksamkeitsbeanspruchung durch permanente Trainer-Spieler-Kommunikation müssen die Spieler lernen, die Eigenitiative zu ergreifen, selbständig Kreativität zu entfalten und Lösungen zu finden. Das führt dazu, dass spielerisch ehemals höchst erfolgreiche Elemente wie die geniale Verbindung aus dominanter Zirkulation mit müller’scher Unorthodoxie und klinisch sauberem Kurzpassspiel im zweiten Drittel mit boateng’schem Vertikalbällen, um zwei prägnante Beispiele zu nennen, nicht mehr aufgehen. Obwohl Spieler wie Hummels und Sanches die Tiefe der spielerischen Möglichkeiten unzweifelhaft erweitern, scheint es, dass der FC Bayern gegen tiefstehende Gegner, aber auch gegen starkes Umschaltspiel keine konkreten Mittel findet – strategische Unterlegenheit eben. Es ist mit Sicherheit nicht so, dass die Mannschaft diese Mittel nicht im Repertoire hätte, doch es fehlt eben an Entscheidungskraft und Entschlossenheit.

Die Erkenntnis, dass der FC Bayern über die Möglichkeiten verfügt, sie aber nicht effektiv anzuwenden weiß, erschwert einen Lösungsvorschlag ungemein. Das Problem der Bayern ist ja, wie oben erläutert, die schleppende Umstellung auf den neuen Trainer Ancelotti, der sicher nicht schlechter, wohl aber grundverschieden zu Guardiola ist. Gesucht ist also ein Katalysator, der den Ancelotti-Stil ohne dreijährige Guardiola-Umpolung kennt, aber kein hervorragender Nischenspieler wie Mats Hummels oder Renato Sanches, sondern ein taktisch flexibler Charakter ist.

Ein kroßer Baum

Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen – ein gemeiniglich bekanntes und an dieser Stelle äußerst treffendes Sprichwort. Diese Bäume sprießen derzeit als junge, vielversprechende Sprösslinge Bailey, Isak oder Thill aus dem Boden an der Säbener Straße, darunter aber auch gestanden Stämme wie Isco oder Dybala. Ohne die sportliche Qualität der Genannten auch nur annähernd anzweifeln zu wollen, verdecken sie doch die Sicht auf einen großen Baum, der im Moment wohl als einziger Abhilfe schaffen könnte und die Münchner aus der Krise sowie Ancelotti aus der Kritik zu manövrieren im Stande wäre.
Am zweiten Juni 2014 trat Uli Hoeneß seine Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung an, zu diesem Zeitpunkt hatte Pep Guardiola die sportlichen Strukturen nach einer Saison im Amt schon kräftig durcheinandergewirbelt. Das führte am 17.07.2014 auch dazu, dass ein gewisser Toni Kroos für aus heutiger Sicht lächerliche 30 Millionen Euro nach Madrid transferiert wurde, wo er wenig später unter einem gewissen Carlo Ancelotti für die Königlichen debütierte. Kroos, einst noch Held unter Heynckes, sah in München keine optimalen Bedingungen mehr. In der spanischen Hauptstadt avancierte er in der nächsten Zeit zu einem der besten zentralen Mittelfeldspieler überhaupt. Die Sicht ist nun frei auf den erfolgsversprechenden Baum, der seine Wurzeln in München ohne Weiteres wieder in Betrieb nehmen könnte, sind die Rahmenbedingungen jetzt doch ganz andere. Nicht nur, dass Ancelotti, nach Heynckes größter Förderer Kroos, Trainer in München ist, auch Uli Hoeneß ist als Präsident zurück. Dass er wuchtig zurück in die Öffentlichkeit drängt, zeigen kantige Aussagen der letzten Tage, doch neben Worten will Hoeneß mit Sicherheit auch Taten sprechen lassen und beweisen, dass er nichts von seiner früheren Bedeutung eingebüßt hat. Karl-Heinz Rummenigge wird es kaum wagen, sich gegen den schillernden Präsidenten aufzulehnen, sondern vielmehr kooperieren – doch das scheint wegen der Stimmigkeit eines möglichen Kroos-Transfers ohnehin unsinnig.
Dass eine Rückkehr von Toni Kroos auch sportlich die Lösung wäre, liegt auf der Hand. Kroos entwickelte seinen zielstrebigen Spielstil final unter Ancelotti, weiß, mit dessen Führungsstil umzugehen und ist zweifellos in der Lage, eine Mannschaft zu leiten. Ein zentrales Mittelfeld um Kroos, Thiago und Sanches/Vidal unter Ancelotti scheint nahezu perfekt. Leidtragender des Wechsels wäre Xabi Alonso, der Ancelotti ebenfalls kennt und eigentlich als Katalysator in Erscheinung treten hätte sollen, bloß: Der Spanier ist nicht erst seit gestern über seinen Zenith hinaus und vermag es nicht mehr (erschwert durch den Einfluss von drei Jahren unter Guardiola), eine ganze Mannschaft dementsprechend zu führen.

Durch Uli&Carlo-Einfluss zu frischem Wind?

Das größte Fragezeichen hinter einem Toni-Kroos-Transfer ist die Ablösesumme, die fraglos erheblich höher ausfallen würde als die damaligen 30 Millionen. Toni Kroos hat seinen Vertrag erst im Oktober bis 2022 verlängert, seinen Marktwert schätzt transfermarkt.de auf 60 Millionen Euro. Dieses Fragezeichen könnte aber – wie vorhin beschrieben – Uli Hoeneß verschwinden lassen, und auch hohe Ausgaben im Winter würde der vorbildlich wirtschaftende FC Bayern verkraften. Dass man in Madrid einen Toni Kroos nicht gerne abgibt, ist klar – doch der sportliche Aderlass, den ein Abgang des 26-Jährigen mit sich bringen würde, wäre aufzufangen.

Toni Kroos würde ohne Frage genug frischen, und doch altbekannten Wind mitbringen, um die Münchner zurück zum Erfolg zu führen. Dass er sich in Madrid wohlfühlt und sportlich überaus erfolgreich ist, bekommt den Bayern nicht gut – doch in Uli Hoeneß und Carlo Ancelotti gibt es in München zwei Argumente, die auch dem Greifswalder zusagen dürften.

 

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