Die zweite Liga ist vor dem Saisonstart traditionell ausgeglichen und unausrechenbar. Gefühlt 90% der Mannschaften könnten den Aufstieg packen, ebensoviele allerdings auch absteigen. Oft sind es nur Zünglein an der Waage, die über Klassenverbleib, Auf-oder Abstieg entscheiden – und diese Zünglein versuchen Sportchefs, Scouts und Geschäftsführer in allen zweitklassigen Orten des Landes momentan zu Zungen zu machen. Transferkritiker über die drei bisher besten Vergrößerungsversuche.

Philipp Hosiner zu Union Berlin

Polter 14/15, Wood 15/16, Hosiner 16/17? Mittelstürmer-Transfers werden im zweitklassigen Teil der Hauptstadt seit zwei Jahren mit uneingeschränktem Erfolg belohnt. Allerdings ist die Freude an Polter (QPR) und Wood (HSV) dann doch recht schnell wieder verflogen, wollen erfolgreiche Zweitklässler ihre Form doch allermeist sogleich auch als Erstklässler erproben.

Deshalb sind die Eisernen gezwungen, in eiserner Routine Sommer für Sommer für einen Nachfolger des Neu-Erstklässlers zu sorgen – und für den Erfolg dessen. Statt der jungen Polter und Wood begrüßte man am Dienstag mit Hosiner einen Haudegen, der schon viel Erfahrung gesammelt hat im Profifußball. Fast schon ironischerweise ist Neu-Eiserner Hosiner in Eisenstadt geboren, fußballerisch geschliffen wurde er in den Akademien vom Burgenland und vom TSV 1860, gestählt in den weiteren illustren Stationen seiner Laufbahn: SC Eisenstadt, SV St. Margarethen, SV Sandhausen, First Vienna F.C., Wacker Mödling, Austria Wien, Stade Rennes, 1.FC Köln – der Kreis schließt sich mit den Eisernen Berlinern zumindest sprachlich schon einmal. Doch auch sportlich hat Hosiner illustre Dinge aufzuweisen: 130 Spiele, 70 Tore, 23 Vorlagen. Auch in der Nationalmannschaft durfte der augenblicklich 27-Jährige ran, traf in fünf Spielen zwei mal für Österreich.

Dabei hatte es der Stürmer nicht leicht: Zu einem Zeitpunkt, als seine Karriere sportlich erneut florierte, wurde ein großer Tumor in der linken Niere festgestellt – und entfernt. Hosiner ist genesen, greift jetzt erneut an, nachdem die Berliner eine halbe Million Euro für ihn überwiesen haben. Und wird erfolgreich sein: Seine Erfahrung, die er im fitten Zustand symbiotisch mit seinen Abschlussqualitäten ausleben wird, qualifizieren ihn für die zweite Liga fast über.

Eisen trifft Eisen – der Erfolg ist vorprogrammiert.

Jean Zimmer zum VfB Stuttgart

Sucht man Gründe für den Abstieg des VfB Stuttgarts aus der ersten Liga, findet man genug. Eine davon: Fehlende defensive Kompaktheit, vor allem über die Außenbahnen wurde den konteranfälligen Stuttgartern in regelmäßigen Abständen das Genick gebrochen. Diese Frakturen sollen, um das unverrückbare Ziel Wiederaufstieg zu realisieren, vermieden werden. Und mit der Verpflichtung des 22-jährigen Außenverteidigers Jean Zimmer wurde eine entsprechende Stabilisierungsmaßnahme getroffen, denn der U21-Nationalspieler ist ein Musterkandidat für eben genannte Problemstelle. Mit seinen 172 Zentimetern Körpergröße klein, dafür aber mit niedrigem Körperschwerpunkt wendig und flink – mit und ohne Ball. Nach vorne stets dynamisch und effizient, nach hinten energisch und taktisch diszipliniert. Zimmer, der für zwölf Jahre für die Roten Teufel aus der Pfalz auflief, verkörpert den loyalen Musterprofi, ein ideales Werkzeug, um in der zweiten Liga überdurchschnittlich aufzutreten, und höher kann der schwäbische Anspruch derzeit eben nicht sein. Die zweieinhalb Millionen Euro Investition sind hier auch absolut angemessen.

Daher kann man dem VfB gratulieren, die gegenwärtige Situation nicht verkannt zu haben und einen Spieler verpflichtet zu haben, der wie die Faust aufs Auge passt.

Franck Kom zum Karlsruher SC

Nach den Abgängen des jungen Meffert (Leverkusen) und des altgedienten Peitz (Kiel) fallen dem KSC für die kommende Spielzeit gleich zwei wichtige Bausteine im zentralen defensiven Mittelfeld weg. Man reagierte blendend: Für 800.000 Euro kommt der 24 Jahre alten Kameruner Nationalspieler Franck Kom vom tunesischen Meister Etoile Sportive du Sahel, ein Spieler, wie geschaffen für die zweite Liga.

Der mehrfache Titelträger (tun. Meisterschaft, 3x tun. Pokal, CAF Confed Cup) ist mit 1,74 zwar relativ klein, allerdings überaus bullig gebaut und ein äußerst zweikampfstarker, harter Mittelfeldspieler. 53% seiner Spiele für die Tunesier absolvierte er im rechten zentralen defensiven Mittelfeld, der Rest verteilt sich auf die linke Seite sowie die beiden 8er-Positionen davor. Ein variabler Mann also, den Thomas Oral flexibel einsetzen kann und der dank des Zugangs von Mark Fotheringham als Co-Trainer auch bei der Überwindung sprachlicher Barrieren profitieren könnte. Ohne Frage besitzt Kom die Klasse, in der zweiten Liga zu spielen und dem KSC, dessen vorrangiges Ziel ein Platz im oberen Mittelfeld sein wird, zu diesem zu verhelfen.

Neben diesen drei Wechseln sind sicherlich auch weitere wie die von Terodde, Grgic, Andrade, Abdullahi und mehr bemerkenswert – die obigen werden aber die wirkungsvollsten sein.

Der VfB Stuttgart, der Karlsruher SC und Union Berlin sind also auf dem Weg vom Zünglein zur Zunge schon einen Schritt weitergekommen.

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