Es ist keine einfache Zeit, in die Andrej Kramaric am 19. Juni 1991 hinein geboren wird. In seiner Heimat Kroatien – damals noch jugoslawische Teilrepublik – tobt der Krieg, sinnlose Bombardements töten tausende unschuldige Menschen, Wohnhäuser werden ebenso zerstört wie Kulturdenkmäler von unschätzbarem Wert. Hundertausende Menschen müssen aus ihrer Heimat flüchten. Andrej hat Glück im Unglück, seine Eltern leben in der Hauptstadt Zagreb, die weitgehend von den Attacken der jugoslawischen Volksarmee verschont bleibt, die Front rückt nie näher als 25 Kilometer heran. Für ihn und seine Kameraden bedeutet dies in schlimmen Zeiten immerhin ein wenig Sorglosigkeit und die Möglichkeit, seiner großen Liebe nachzugehen – dem Fußballspiel.

Sportliche Vergangenheit:
Mit stolzen sechs Jahren fängt der kleine Andrej an, ernsthaft zu kicken. Wie es sich für einen Jungen aus Zagreb gehört, muss es Dinamo sein – der Rekordmeister des Landes, der populärste Klub Kroatiens. Dort durchläuft er die komplette Jugendabteilung und stellt einen legendären Vereinsrekord auf: Kramaric erzielt für die Jugendteams der „Plavi“ („Die Blauen“) insgesamt sagenhafte 450 Tore. 2009 wird er in den Profikader aufgenommen. Doch auch für einen, der in der Jugend alle Rekorde brach, ist aller Anfang schwer: Nach zwei Spielzeiten und 41 Spielen wird er für insgesamt eineinhalb Jahre zum Nachbarverein Lokomotiva Zagreb – der Filiale von Dinamo – verliehen, wo er in 45 Spielen 20 Tore erzielt. Von dort geht es 2013 weiter zum Erstligisten HNK Rijeka, wo er durchstartet und in 42 Spielen mit 37 Toren eine Top-Quote erreicht. Es folgt 2015 der Schritt nach England, zum FC Leicester. Doch an dessen Entwicklung zum Sensationsteam der Premier League hat er keinen Anteil. Lediglich zwei Spiele absolviert der Kroate unter Claudio Ranieri. Im Januar 2016 folgt der Wechsel zur TSG Hoffenheim.

Stärken/Schwächen und Spielertyp:
Andrej Kramaric ist ein typischer Strafraumstürmer, der immer versucht, den kürzesten Weg zum Ball zu finden und durchaus Torgefahr ausstrahlt. Dabei verfügt er nicht über das Gardemaß vieler Strafraumstürmer. Er ist nur 1, 78 Meter groß, besticht aber an guten Tagen mit einer Physis, die auch groß gewachsenen Abwehrspielern das Leben schwer macht. Er ist sehr wendig und stark im Eins gegen eins. Alle diese Qualitäten zusammen befähigen ihn zu einem überdurchschnittlichen Mittelstürmer, der in vielen Strafräumen für Furore sorgen kann. Weil er außerdem beidfüßig schießt, bietet er seinem Trainer die Möglichkeit, ihn auf beiden Seiten zu nominieren, vielleicht sogar auf die Flügel auszubrechen, um den Innenverteidiger aus dem Zentrum zu locken. Warum konnte Kramaric – der alle U-Teams von Kroatien durchlief und bereits neun Spiele (drei Tore) für die A-Nationalmannschaft absolvierte – den internationalen Durchbruch nicht schaffen? Es liegt wohl an seinem großen Handicap: Ihm fehlt es an Tempo, sowohl im Antritt als auch bei der Endgeschwindigkeit. Sein Platz wäre also idealerweise im Zentrum, als Zielspieler mit Torriecher, als Vollstrecker. Da aber bauen die Trainer gerne auf große, kopfballstarke Typen mit Durchsetzungsvermögen und der Fähigkeit, Breschen für die hängenden Spitzen oder die kreuzenden Außen zu schlagen. In der Bundesliga könnte ihm sein zweiter Makel zum Verhängnis werden: Er lässt eine gewisse Trägheit im Spiel nach hinten erkennen, ist aufgrund dessen auch kein typischer Pressing-Spieler, der die Abwehrkette anläuft und unter Druck setzt. Seine Stärken hat er, wenn die eigene Mannschaft den Ball hat und Druck ausübt. Dann geht er gute Wege, ist anspielbereit und ballsicher, allerdings mitunter im Abschluss etwas zu eigensinnig. „Wir freuen uns, dass dieser Transfer realisiert werden konnte. Andrej ist ein äußerst torgefährlicher Stürmer, von dem wir uns neue Impulse für unser Offensiv-Spiel erhoffen“, so der Kommentar von TSG-Manager Alexander Rosen.

Eröffnet neue Möglichkeiten: Kramaric kann mit seiner Beidfüßgkeit versibel eingesetzt werden, zum Beispiel links neben Volland.

Neue sportliche Situation:
In Hoffenheim wird der Stürmer es sicherlich alles andere als leicht haben, einen Stammplatz zu ergattern. Kevin Volland, Eduardo Vargas, Joelinton, Kevin Kuranyi und Mark Uth heißen die potenziellen Konkurrenten um die Position in der Offensivzentrale. Angriff. Dass er jedoch gut genug ist, die Position zu besetzen, bewies er in seiner Zeit in Kroatien. Gerade bei Leicester war es – angesichts von Kollegen wie Ryad Mahrez oder Jamie Vardy – alles andere als leicht, sich durchzusetzen. Nun wechselt er vom Sensations-Spitzenreiter aus England zum Überraschungs-Letzten in Deutschland. Dort muss ja etwas im Argen liegen, sonst wären sie nicht so tief abgerutscht. Warum also nicht neue Impulse für die Offensive suchen? Möglich wäre ein Duett mit Kramaric und Volland, dahinter würden Schmid und Vargas angreifen, der ebenfalls die offensive rechte Flügelseite beackern kann. (siehe LineUp). Nun hat der Kroate ein halbes Jahr lang Zeit, Hoffenheim aus dem Tabellenkeller zu schießen und zu seiner alten Form zurück zu kehren. Immerhin: Mit Leihgeschäften – siehe Lokomotiva oder Rijeka – hat Kramaric ja bereits gute Erfahrungen gemacht.

Fazit:
Andrej Kramaric wurde in eine schwere Zeit hinein geboren und schaffte dennoch den Durchbruch zum Profi, Nationalspieler und Legionär. Und so wie Kroatien heute wieder die Perle am Mittelmeer ist, kann Andrej wieder der Goalgetter werden, der er einst in der Dinamo-Jugend war. Vielleicht ist Hoffenheim für ihn ein neuer Beginn. Es wird wieder keine einfache Zeit für Kramaric. Aber damit kennt er sich ja bereits aus. Die ersten Minuten in der Bundesliga absolvierte er beim 1:1 gegen Leverkusen zum Rückrundenauftakt, Platz 18 ist schon einmal Vergangenheit. Überlassen wir dem Spieler den abschließenden Kommentar nach der Partie am Samstag, in der für rund sechs Minuten zum Einsatz kam: „Ich muss sagen, wir haben eine sehr gute Qualität im Kader, das spiegelt die Tabelle nicht wider. Aber wenn wir so spielen wie gegen Leverkusen, werden wir die Klasse halten.“

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