Wie schnell die Zeit vergeht. Wir erinnern uns noch daran als wäre es vorgestern gewesen. Unser kleines Baby kommt auf die Welt, entstanden aus einer simplen Idee und mit viel Liebe auf den Weg gebracht. Bevor jetzt erotische Missverständnisse aufkommen: es geht natürlich um Transferkritiker. Angetreten mit der überaus bescheidenen Idee, alle tiefgehenden, weitergehenden Informationen zu einem abgeschlossenen Transfer zu bieten, feiern wir heute unseren zweiten Geburtstag. Und was haben wir nicht alles miterleben dürfen in diesen 24 Monaten. Bahnbrechende Transfers-News von Kevin Kuranyi oder Serdar Tasci, Valentinstags-Specials für romantische Bundesliga Liebhaber oder unser täglich Brot: Transferkritiken. Gegenstand jeder guten Fußball-Diskussion. Hauptaufgabe für unsere Redakteure. Und natürlich Hauptkritikpunkt in sozialen Medien. In Zeiten, in denen Transparenz mehr denn je gefordert wird, beugen wir uns diesem öffentlichen Wissensbedürfnis und gewähren euch einen einzigartigen Blick auf unsere Transferkritiken und wie sie entstehen. Ein warmer Regen für alle, die ihre Vorurteile bestätigt sehen möchten.

Schritt 1: Spieler bei Google ausfindig machen

Der Schock für jeden Redakteur: Der Verein, für den wir zuständig sind, hat wieder einen Transfer getätigt und wir haben natürlich nie von diesem Spieler gehört. Warum kann Werder denn nicht mal endlich Jerome Boateng verpflichten? Das würde die Recherche dermaßen erleichtern! Stattdessen googlen wir in bester Sherlock Manier skandinavische Spieler aus mittelmäßigen europäischen Ligen und hoffen, dass transfermarkt.de ein bisschen ausspuckt. Erstmal müssen schließlich grundsätzliche Daten gesammelt werden: Größe, Gewicht, Position, Blutgruppe und Lieblingsessen. Es geht eben nichts über eine gewissenhafte Analyse.
Haben wir uns mit dem Wesentlichen eines Spielers auseinandergesetzt, muss auch der abgebende Verein betrachtet werden. Warum gibt Salzburg etwa einen Spieler nach Leipzig ab? Achja, Transfer-Ralle Rangnick hat einmal mehr eine innerbetriebliche Versetzung angeordnet. Daher noch ein kurzer Blick auf die letzten Spiele des Spielers, damit man ja Kontext hergestellt hat.

Schritt 2: Fifa 17

Es geht doch nichts über eine intensive Analyse durch Fifa 17. Man kann sich natürlich durch Foren klicken, Statistikseiten auseinandernehmen und sich einen eigenen Eindruck verschaffen, indem man die letzten Spiele guckt. Aber man darf eine Sache nicht vergessen: Wahrscheinlich haben das die Magier von EA ohnehin schon gemacht, sie haben schließlich die Spieler samt Stärken und Schwächen in ihr Spiel eingefügt. Und da wir alle in der Schule oder im Studium aufgepasst haben, wissen wir: Effektives Arbeiten funktioniert nur, wenn man keine doppelten Arbeiten erledigen muss. Weniger ist mehr.
Konsole anmachen und erstmal im Einstellungs-Menü Verein und Spieler suchen. Ein kurzer Seufzer über zu langsamen Antritt und zu geringe Sprintgeschwindigkeit inklusive. Dann kommen auf einmal die Erkenntnisse. Jeder Wert über 80 muss eine Spezialität des Spielers sein. Jeder Wert unter 50 eine eindeutige Schwäche. Schwacher Fuß mit vier Sternen bewertet? Muss also beidfüßig sein, ganz ohne Frage. Und dann auch noch vier Sterne bei Spezialbewegungen? Ein Zauberer am Ball. Ein kurzer Blick noch auf die Matrix am oberen Bildrand, um festzustellen, wie gut der Typ ganz allgemein ist (Motto: viel hilft viel!). Zu guter Letzt ein kleiner deep-dive in die Welt des neuen Spielers, indem man zwei Stunden mit ihm zockt und alles ausprobiert. An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass sich Redakteure natürlich regelmäßig zu FIFA-Turnieren treffen, um sich eine möglichst breite Meinung einzelne Spieler und ihre Leistungen im Mannschaftsverbund zu bilden. Teamwork zahlt sich eben aus und gemeinsames Probieren geht sowieso über stundenlanges Studieren.

Schritt 3: Zusammenfassen und Verschriftlichen der Erkenntnisse

Sobald sich die Finger vom vielen Zocken wieder beruhigt haben und der Frust über das letzte, unverdiente und völlig unverteidigbare Gegentor verflogen ist, muss man seine gewonnenen Erkenntnisse aufschreiben. Das Fifa-Menü bleibt also offen, um die Werte weiter zu sehen und natürlich aus keinem anderen Grund. Die wesentlichen Infos für unsere Kritik erkennen wir blitzschnell bei den Spezialitäten der Spieler. Thorsten Mattuschka ist ein Freistoßspezialist, das können wir ja locker nachweisen anhand der Werte. Sandro Wagner ein Knipser? Klar, bei den Abschluss- und Kopfballwerten, easy. Dazu noch ein kurzer Blick auf alle Werte über 70, die nur noch geschickt formuliert werden müssen á la „überzeugt durch gutes Passspiel“ oder „beweist Übersicht durch sein Stellungsspiel“. Oberste Regel: nach drei geschickten Formulierungen belohnt man sich durch eine neue Partie Fifa (idealerweise natürlich mit einem Glas Gerstenmalz, danach schreibt es sich ohnehin viel besser)!
Um aber eine sehr eindimensionale Bewertung zu vermeiden, klicken wir uns jetzt doch nochmal kurz in zwei Fan-Foren und gucken, wie abgebende und aufnehmende Fans reagieren. Wir wollen ja am Puls der Fans bleiben. „Gott sei Dank sind wir die Gurke los!“, wird geschickt übersetzt, dass der Spieler nicht immer überzeugen konnte und kein einfacher Typ sein muss. Freuen sich aufnehmende Fans, zum Beispiel Schalke-Fans bei Guido Burgstaller, dann muss es sich um einen „Riesen-Transfer“ mit massig Potenzial handeln. Auch hier gilt die Regel: Mehr als drei Beleidigungen lassen auf einen schwierigen Charakter schließen, der wohl kein Führungsspieler ist. Wir wollen ja auch das Menschliche abbilden. Die meisten Vereine führen heutzutage vor Transfers ja eben auch Charaktertests durch – wir lernen nur von den Großen! (Frankfurts Charaktertest scheint übrigens darin zu bestehen, nur schwierige Charaktere zu verpflichten…)

Schritt 4: Panini-Heft

TK-Redakteure haben nicht viele Hobbies. Eigentlich gar keine. Wir sorgen für Unruhe in Fan-Foren (Username: Hitzmar Ottfeld), dilettieren bei Fifa und sitzen sabbernd über unseren alten Panini-Heften (und Sonderheften und Spieltagsheftchen und was es in unserer Kindheit nicht alles gab). Welt-, Europameisterschaftsausgaben und jedes Bundesligaheft gehören natürlich gleichermaßen zum festen Inventar. Man könnte uns nachts um drei wecken und wir könnten den Steckbrief von Bruno Akrapovic oder Bernd Korzynietz (Anm. d. Red. aufgrund des Nachnamens intern auch kurz „Copy and paste“ genannt) herunterbeten. Wenn wir also feststellen, dass David Luiz gewisse Ähnlichkeit mit FCK-Legende Harry Koch hat und beide auch noch das gleiche Sternzeichen haben, dann muss es sich bei Luiz auch um eine Abwehrgranate handeln. Oder Joshua Guilavogui und Patrick Viera haben beide in jungen Jahren in der Ligue 2 gespielt? Ganz und gar ein direkter Nachfolger in der Reihe großer französischer Sechser. Nichts verzückt unsere Leser so sehr, wie griffige Vergleiche!
Wenn wir dann wieder kurz abdriften und gedankenversunken durch das WM-Heft von 2002 blättern, fällt es uns wie Schuppen von den Augen. Hakan Sükür und Mario Gomez haben beide in ihrer ersten Saison in der Türkei 26 Tore erzielt und jeweils in ihrer Karriere in Italien gespielt? Wow. Gomez muss eine Legende in der Türkei sein, ganz ohne jeden Zweifel. Und diese Ähnlichkeit. Einfach nur wow-wow-wow, yippie-yo, yippie-yeah.

Schritt 5: Ein bisschen Schärfe

Nachdem wir jetzt in jedem Arbeitsschritt möglichst objektiv zu Werke gegangen sind, muss jetzt ein bisschen Schärfe in unsere Ausführungen. Keiner will hören, dass ein Spieler sicher im Passspiel ist, aber Schwächen bei langen Bällen hat. Also wird der Meinungsmacher-Mantel übergeworfen und der Text wird überarbeitet. Aus dem torgefährlichen Spielmacher Yunus Malli machen wir einen türkischen Mini-Messi, der schlichtweg zu schlechte Mitspieler bisher hatte und jetzt richtig aufblühen wird. Sidney Sam mag zwar seit der Wiedervereinigung verletzt gewesen sein, aber wenn man seine letzten Schwarz-Weiß-Bilder zur Rate zieht, dann hat er mindestens das Potenzial von Gareth Bale. Oder aber der im Volksmund als „Weiße Brasilianer“ bekannte Ansgar Brinkmann, es geht ja hier schließlich um Fußballmetropole Darmstadt.

Ein wenig Ironie und Sarkasmus in die Einleitung noch, damit wir von Anfang an klarmachen, wer hier am witzigsten ist. Hier noch eine kleine pointierte Phrase, da eine kleine Anspielung und ab und zu noch einen Transfer-Insider. Hach, jeder Redakteur hat auf einmal einen Lauf und feiert sich schon mal vorsichtshalber selbst ab – welches in der redaktions-internen Whatsapp-Gruppe durch eindeutige Smileys gekennzeichnet wird. Wir wollen schließlich vermeiden, so zu tun, als würden wir für das Rostocker Apothekenblatt oder den Würzburger Sonntagsanzeiger schreiben. Wir sind jung, wir sind witzig und vor allem wissen wir das!

Schritt 6: Prüfender Blick am Ende

Nachdem wir den Witz eingebaut haben, müssen wir trotzdem nochmal an den Inhalt. Da Spieler bei uns grundsätzlich zu gut wegkommen (wer weiß wie viele Arjen Robben und Andres Iniesta wir schon gefunden haben), müssen wir alle ausgewiesenen Stärken nochmal überprüfen.

Aber auch hier gilt: Zeit ist Geld und Geld haben wir nicht. Daher geht Standardisierung über Individualisierung! Bei grundsätzlich allen Spielern, die eher klein und schmächtig geraten ist, fügen wir die Standardformulierung zur „fehlenden Physis“ ein (ja, wahrscheinlich hätten wir dies selbst bei Hobby-Pumper Xherdan Shaqiri getan). Sogar durchschnittlich schnelle Spieler bestechen bei uns durch einen „explosiven Antritt“ oder weisen eine „solide Grundgeschwindigkeit“ auf – man kann schließlich nie genug Tempo auf den Rasen oder den Bildschirm bringen.

Schnell informieren wir in letzter Minute noch unseren Grafiker (Unpünktlichkeit ist ein weiteres Bewerbungskriterium für jeden TK-Redakteur), fügen das Beitragsbild in den Artikel ein und schicken unsere Kritik auf die Reise ins Land der TK-Jünger, Neider und ehemaliger Fußballgrößen (die neben dem Experten-Dasein nichts anderes mehr zu tun haben und schließlich einfache Kost für ihre Kommentatorenkärtchen brauchen).

Zum Abschluss gratulieren wir uns jetzt noch selbst zu diesem überaus gelungenen Schriftkabarett und zünden uns die Kerzen auf der Geburtstagstorte in Ascheplatzgestalt selbst an: alles Gute, Transferkritiker!

P.S. Unser Grafiker Sascha ist wirklich der einzige Mensch, der hier gewissenhaft arbeitet. Ich meine, habt ihr die Grafik gesehen? Henrik Larsson. (Wer diesen letzten, äußerst flachen Witz versteht, bekommt 100 Gummipunkte im TK-internen Lieblingsfan-Rating).

P.P.S. Obwohl mein Name oben steht, haben mein Redaktions-Kollege Julian Wacker und ich diesen Artikel selbstverständlich gemeinsam verfasst. Ehre wem Ehre gebührt. Am meisten natürlich Sascha!

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