Wir schreiben den 11. Februar 2016. Es ist ein milder Wintertag. Der Tag an dem die große Show des jüngsten Bundesligatrainers aller Zeiten, Julian Nagelsmann, beginnt. Die TSG 1899 Hoffenheim liegt zu dieser Zeit auf Tabellenplatz 17 und befindet sich in akuter Abstiegsgefahr. Noch 14 Spiele liegen vor den Kraichgauern und bieten der Mannschaft die Gelegenheit, sich ans rettende Ufer zu kämpfen. In diesen 14 Spielen schafft es der erst 28-jährige Nagelsmann mit seiner TSG 23 Punkte zu holen (zum Vergleich: nach 20 Spielen hatte man 14 Punkte) und somit nach dem 34. Spieltag auf Rang 15 zu stehen und den Abstieg zu vermeiden.

In der neuen Saison läuft es dann noch besser. Nagelsmann hat es geschafft, dass man bis zum 18. Spieltag sogar ungeschlagen bleibt und  auch bis zum 23. Spieltag erst zwei Niederlagen erfahren musste. Aktuell belegt Hoffenheim Platz 4 in der Tabelle (Stand: 23. Spieltag) und hat die zweitbeste Defensive (24 Gegentore) und den drittbesten Angriff (44 Tore)vorzuweisen. Unter ihrem jungen Trainer wissen die Kraichgauer zu überzeugen. Doch was macht die TSG so stark?

Gestatten? Das Nagelsmann´sche System

Ein sicherlich entscheidender Faktor ist das System. Dieses fördert nicht nur die Leistung als Mannschaft sondern lässt auch die Individualkünste der Spieler aufblühen. Durch eine geschickte Wahl des Spielsystems schaffen es die Hoffenheimer als starkes Kollektiv aufzutreten und dadurch individuelle Schwächen, welche definitiv vorhanden sind (Beispiel: Spieleröffnung Vogt, Bicakcic und Hübner), wettzumachen. Gegen den Ball wird meist im 5-3-2 operiert und der Gegner durch ein Angriffspressing schon früh unter Druck gesetzt, um Fehler zu provozieren. Dabei entscheidet Nagelsmann von Spiel zu Spiel, ob der Gegner konstant nach außen gedrängt wird, oder ob es ein bestimmtes Pressingopfer gibt, welches sich auch im Zentrum befinden kann. Egal welche Variante gewählt wird, Ziel ist es den Ball so früh wie möglich zu erobern, um den Gegner soweit wie möglich vom Tor fernzuhalten und dann die nächste Stärke auszuspielen, dass offensive Umschaltspiel.

Ist die Mannschaft in Ballbesitz gekommen ändert sich das System blitzartig in ein 3-1-4-2. Mit spielerisch starken zentralen Mittelfeldspielern (Rudy, Amiri,…), dynamischen Flügelspielern (meist Kaderábek und Toljan) sowie torgefährlichen Angreifern (Wagner, Uth oder Kramaric) besitzt die TSG hervorragende Umschaltqualitäten und sind damit in der Lage, Ballverluste des Gegners hart zu bestrafen.

Aber auch bei eigenem Spielaufbau haben die Hoffenheimer Qualität aufzuweisen. Dieser beginnt meist beim nicht nur defensiv sondern auch spielerisch starken Torwart Oliver Baumann. Die Spieleröffnung, welche in der Regel durch eine Dreierkette ausgeführt wird, lebt zunächst von einer ruhigen Ballzirkulation in den ersten Linien. Aus dieser Grundlage können dann durch Positionswechsel und raumschaffende Bewegungen im Zusammenhang mit schnellen Passkombinationen blitzartige Angriffe entstehen. Dabei liegt der Schwerpunkt des Spiels eindeutig im Zentrum, wo mit Rudy, Amiri sowie Demirbay einerseits viel Kreativität zur Verfügung steht und andererseits mit Wagner ein physisch extrem starker Zielspieler über hohe Bälle nahezu immer anspielbar ist. Letzterer besitzt dann die Möglichkeit, den Ball zu halten oder direkt auf nachrückende Spieler abzulegen und somit zum “tödlichen“ Pass in die Tiefe vorzulegen. Mit Kramaric oder Uth steht eine weitere Anspielstation im Sturm zur Verfügung, welche, äußerst kombinativ und dynamisch, stets Torgefahr entwickeln können. Auch bei Flankenläufen über außen ist die Box durch Sandro Wagner und nachrückende Spieler stark besetzt und für Tore gut.

Die Dreierkette bröckelt

Die Hoffenheimer Mannschaft besitzt jedoch sowohl in der Offensive als auch in der Defensive klare Schwächen. Schafft es die gegnerische Mannschaft, sich aus dem Angriffspressing zu befreien und die Sturm- und Mittelfeldkette zu überspielen, sodass die TSG dazu gezwungen ist, am eigenen Strafraum zu verteidigen, so entsteht häufig Unordnung, welche ein guter Gegner zu nutzen weiß. Die individuellen Schwächen der drei Verteidiger Süle, Hübner (wahlweise auch Bicakcic oder Schär) und Vogt kommen in diesen Situationen immer wieder zum Vorschein. Aber auch die Mittelfeldkette schafft es in diesen Momenten oft nicht schnell genug mit zurückzuarbeiten, von hinten Druck auf den Ballführenden zu erzeugen und damit für Stabilität zu sorgen.

Auch im Spielaufbau weisen die 1899er deutliche Mängel auf. Diese sind vor allem dann zu erkennen, wenn die gegnerische Mannschaft durch ein Angriffspressing Druck auf die Dreierkette ausübt. Die mangelnden Fähigkeiten in der Spieleröffnung von Vogt und Hübner oder Bicakcic führen dann zu vielen ungenauen langen Bällen oder technischen Fehlern und damit letztendlich zu Ballverlusten.

Diese Probleme zeigen, dass bei den Kraichgauern durchaus noch Verbesserungspotential in Form von neuer individueller Qualität vorhanden ist. Diese Problematik wird ab Sommer zusätzlich verstärkt. Mit Sebastian Rudy und Niklas Süle zieht es gleich zwei wichtige Leistungsträger zum selbsternannten „Stern des Südens“, dem FC Bayern München. Desweiteren werden Jeremy Toljan sowie Nadiem Amiri mit RB Leipzig und Pavel Kaderábek mit dem FC Schalke 04 in Verbindung gebracht. Es gilt im Sommer also mindestens zwei essentielle Spieler zu ersetzen.

Besetzung der Problemzone: Die Zentrale

Durch die Ablöse von Niklas Süle (20 Mio.) sowie eine mögliche Qualifikation für die Champions (aktuell Platz 4 mit 4 Punkten Vorsprung auf Verfolger Hertha BSC) oder Europa League steht allerdings ein ausreichendes Budget im Sommer mit Sicherheit zur Verfügung. Bereits feststehende Neuzugänge sind der Bremer Florian Grillitsch für das defensive Mittelfeld sowie die Rückkehr einiger Leihspieler. Nichts desto trotz wird man sowohl einen weiteren qualitativ hochwertigen zentralen Mittelfeldspieler sowie eine Innenverteidiger für die Dreierkette verpflichten müssen, will man an die bisher sehr starke Saison anknüpfen und beweisen, dass der aktuelle Tabellenstand keine Eintagsfliege ist.

Da bisher in den Medien nicht allzu viele Namen kursieren, lasse ich mir als frischgebackener Transferkritiker die Chance nicht entgehen, selbst drei Spieler vorzuschlagen.

Da wäre einmal der Borusse Matthias Ginter für die Position des Innenverteidigers. Der Weltmeister und Träger der Fritz-Walter-Medaille kommt zwar beim BVB immer wieder zu Einsatzzeiten, ist jedoch kein absoluter Stammspieler. Sein Anspruch sollte auch im Hinblick auf die Nationalmannschaft und die WM 2018 in Russland jedoch eben diese Rolle in einer überdurchschnittlichen Bundesligamannschaft sein. Dass die TSG sich im Moment, vor allem nach der letzten Sasion, als solche noch nicht bezeichnen kann ist zwar klar, sollte aber langfristig unter Trainer Julian Nagelsmann die Zielsetzung der Kraichgauer sein. Durch die Konkurrenz auf der Innenverteidiger-Position (Sokratis, Bender, Bartra), welche sich ab Sommer mit Ömer Toprak nochmal vergrößert, sowie auf der Position des rechten Außenverteidigers (Passlack, Piszczeck, Durm) wird Ginter es in Dortmund schwer haben, zukünftig die Rolle eines Leistungsträgers einzunehmen. Desweiteren sollte die Ablöse von wohl rund 15 Millionen, nach dem Erlös für Süle, für die TSG 1899 Hoffenheim zu stemmen sein.

Ein weiterer Name, den ich hier ins Spiel bringe, ist Ginters Teamkollege Nuri Sahin. Beim BVB schon länger ohne Chance, wird es für ihn im Sommer wichtig sein, einen Verein zu finden, bei dem er als Stammspieler wieder Spielpraxis sammeln kann. Durch den Abgang von Rudy wird in Hoffenheim im Juli ein Platz im zentralen Mittelfeld frei, welchen Sahin, sollte er auch nur annähernd an alte Tage anknüpfen können, durch sein hervorragendes Passspiel sowie seine Spielintelligenz, Übersicht und seine tollen Schussfähigkeiten, hervorragend ausfüllen könnte. Mit einem aktuellen Marktwert von nur 4,5 Millionen Euro wäre außerdem das Risiko eines eventuellen Flops finanziell sicher zu ertragen.

Deutlich ausrechenbarer wäre allerdings die Leistung des Augsburger Mittelfeldakteurs Dominik Kohr. Der 23 Jahre alte Kohr, der in Augsburg zum Bundesligastammspieler gereift ist, bringt ebenfalls ausgezeichnete Qualitäten auf der Position im zentralen Mittelfeld mit sich, verfügt im Vergleich zu Nuri Sahin jedoch über Spielrhythmus und aufgrund seines noch jungen Alters sicherlich auch noch über Entwicklungspotential. Desweiteren wäre auch die anfallende Ablöse für einen Perspektivspieler wie ihn wohl kein Problem, der Augsburger würde sich außerdem bestimmt gut ins junge Hoffenheimer Team einfügen und sollte keine Probleme bei der Eingewöhnung haben.

Ziel Europa

Die TSG 1899 Hoffenheim wird in der nächsten Saison das Ziel haben, sich im Bereich der Europa League Plätze zu festigen und dann zu sehen was nach oben möglich ist, um zu beweisen, dass die jetzige tolle Saison kein Zufall ist. Aufgrund der Abgänge von Rudy und Süle wird es daher nötig sein qualitativ hochwertige Spieler, die sofort einschlagen können um die Mannschaft zu verstärken, zu verpflichten. Sowohl auf der Innenverteidiger- als auch auf der Position im zentralen Mittelfeld gibt es allein in Deutschland sicher einige Spieler, welche diese Rollen aufgrund ihres Könnens hervorragend ausfüllen könnten. Es wird jedoch auch darauf ankommen, Spieler zu finden die nicht nur individuell gut sind, sondern auch ohne Probleme ins derzeit klasse funktionierende System passen. Man darf also gespannt sein was sich im Sommer in Hoffenheim entwickelt. Ginge es nach mir, würde die Startelf der nächsten Saison wie folgt aussehen:

Baumann – Bicakcic, Vogt, Ginter – Polanski – Kaderábek, Amiri, Kohr, Toljan – Wagner, Kramaric (System: 3-1-4-2).

Facebook-Kommentare