Geld ausgeben. Wer macht es nicht gerne? Im Ruhrpott warteten die Arbeiter freitags gebannt auf ihre Lohntüte, um einen Großteil des Inhalts direkt in der Kneipe um die Ecke in Bier und Korn zu reinvestieren. Die Lohntüte, die die Dortmunder für ihr wechselwilliges französisches Supertalent Dembele bekommen haben, fällt mit 105 Millionen plus Boni zwar deutlich größer aus, als die, die früher den Kumpeln auf der Zeche gezahlt wurde, aber investiert wird ein Teil davon ebenfalls sofort. Zwar nicht wie früher in Bier, obwohl einige Fans dies mit Bannern beim letzten Heimspiel forderten, dafür aber in einen ukrainischen Spitzenjahrgang: Andriy Yarmolenko kommt für 25 bis 30 Millionen Euro aus Kiew und ist das Beste, was der BVB machen konnte, außer natürlich in Bier zu investieren.

Rise of Yarmo

Andriy Yarmolenko (auch Andrij oder Andrej Jarmolenko) kam 1989 in St. Petersburg zur Welt. Was wie ein Roman über eine harte Kindheit in der grade zerfallenden Sowjetunion beginnt, ist in Wirklichkeit der Beginn einer Karriere und einer Liebe zum Fußball, wie man sie heute selten findet. Nach seiner Geburt ging die junge Familie Yarmolenko mit ihm zurück in ihre eigentlich Heimat Tschernihiw im Norden der Ukraine, wo der kleine Andriy bald in der Jugend von Desna Chernihiv spielte und mit 13 Jahren das erste Mal in die Jugendabteilung von Dynamo Kiew wechselte. Dort wurde er allerdings wegen einer zu schmächtigen Statur, wie übrigens ein gewisser Marco Reus in der Jugend des BVB auch, wieder aussortiert. Zurück bei Desna Chernihiv spielte der Junge aber so groß auf, das Kiew ihm eine zweite Chance gab und er über die Zweitvertretung des ukrainischen Rekordmeisters den Sprung in den Profikader und von da aus in die Nationalelf schaffte. Aus beiden Teams war er fortan nicht mehr wegzudenken.

Warum ist diese Geschichte nun besonders? Weil Yarmolenko seit seinem Nationalelf Debüt mit 19 Jahren als der beste ukrainische Spieler und legitime Nachfolger von Andriy Shevchenko gilt und er bis zu seinem 27. Lebensjahr in der ukrainischen Liga blieb. Heute reicht in der Regel ein Redakteur der dich mit Ronaldo vergleicht und dein Marktwert springt um 10 Millionen und Arsenal schickt einen Scout.

Yarmolenko hat das alles aber nie interessiert. Zu Verhandlungen mit Chinesen ging er nicht und als mögliches Ziel nannte er mal Everton, weil er da wenigstens immer spielen würde. Fußball scheint beim 1,89m großen Ukrainer tatsächlich im Vordergrund zu stehen. Zum Glück hat er wenigstens einen Instagram Account, sonst hätten wir fast den Glauben an den modernen Fußball verloren.

Irgendwie ein Flügelspieler

Yarmolenko wurde neben dem durch seine Nationalität bedingten Vergleich mit Shevchenko, durch seine Spielweise gerne mit Arjen Robben verglichen. Allerdings wird das wohl jeder, der mit einem starken linken auf dem rechten Flügel spielt und schon mal in die Mitte gezogen ist, um ein Tor zu schießen. Die Wahrheit ist, die Geschwindigkeit des Holländers hat Yarmolenko nicht und wenn er vom Flügel in die Mitte kommt, baut er auch gerne Übersteiger ein, auf die der Bayern-Star lieber verzichtet. Kommt Yarmo allerdings in aussichtsreicher Position vors Tor, dann ist seine linke, genau und hart arbeitende Klebe eine wirkliche Waffe. Eine andere Waffe ist ein, für einen Flügelspieler ungewöhnliches, gutes Kopfballspiel, dass immer dann zum Tragen kommt, wenn sein Companion auf der anderen Seite den Ball etwas länger in den Strafraum bringt und Yarmolenko einlaufen kann. Falls er bei einer Flanke nicht ins Kopfballduell geht, steht er auch oftmals am Rand des 16ers für einen Rebound bereit.

Flanken kann der ukrainische Star natürlich auch, viel lieber schlägt er aber auf dem Weg zur Grundlinie einen Haken, geht wieder einen Meter zurück und sucht eine Anspielstation an der Strafraumgrenze. Im System Bosz sollte er dort auch fündig werden, denn die Platzierung von einem der drei Mittelfeldspieler zur sofortigen Ballzurückgewinnung ist beim neuen Dortmunder Trainer fest etabliert. Aber auch neben diesem Aspekt, gibt es viele Übereinstimmungen zwischen Andriy Yarmolenkos Spielweise und Peter Bosz Idee des Futbol Total.

Flügelspiele

Das Pressingspiel alà Bosz sieht drei Mittelfeldspieler vor, die sich in hohem Tempo in einem Dreieck wie ein Netz um die ballführenden Spieler legen und so Druck ausüben, während die Verteidigungslinie noch weiter hochschiebt um alle Räume so eng wie möglich zu machen. Bei erfolgreichem Ballgewinn geht dann der erste Ball meist auf die Flügel, wo das Spiel nach vorne beschleunigt wird. Bei ausreichend Platz kommt natürlich sofort ein Ball in die Mitte, ist das aber nicht der Fall, beginnen die Flügelspiele und genau hier kommt wieder unser Freund Yarmolenko ins Spiel, denn kurzes, auf dem Flügel beginnendes über die Mitte Kombinieren mit schnellen Doppelpässen fällt sehr wohl in Yarmos Leistungsbeschreibung. Außerdem sieht Peter Bosz gerne schnelle Seitenwechsel, die der Neu-Borusse auch selbst gut ausführen kann.

Glorreiche Zukunft für Andriy den Zweiten?

War der Transfer also für alle Beteiligten perfekt und sieht Yarmolenko einer rosigen Zukunft beim Ruhrgebietsklub entgegen? Die Antwort fällt zweitgeteilt aus: Für die Borussia ist Yarmolenko ein echter Gewinn. Ein gestandener, guter Spieler mit großer Erfahrung, die er mit den vielen jungen Talenten im Kader der Dortmunder teilen kann und mit den heute gezahlten Preisen nicht zu teuer.

Für Yarmolenko ist der Transfer schwieriger. Die Zukunft auf dem Flügel der Borussia gehört nämlich mit Nichten ihm. Er ist nicht der Nachfolger Dembeles, sondern Pulisic. Der Junge Amerikaner wird allerdings seine Schaffenspausen brauchen, kann mit der richtigen Anleitung Yarmolenko allerdings bald überflügeln und ist ein Spieler für die besonderen Momente. Es kann Yarmolenko passieren dass er gegen Hamburg spielt, gegen Madrid aber nicht. Je nach Stand bei Pulisic kann es aber auch andersherum sein. Yarmolenko muss sich, auch wenn er „schon“ 27 Jahre alt ist, nochmals steigern. Allerdings kann es bei der Arbeit in einem besseren Kader und durch den Wettkampf in der wesentlich stärkeren Bundesliga sein, dass der Ukrainer tatsächlich nochmal zulegt. Pulisic kann allerdings auch auf links ran, eine Seite die Yarmolenko verschmäht und auf der natürlich Reus gesetzt ist, wenn er mal fit ist. Den Zweikampf mit Schürrle und Philipp muss er nicht fürchten, sondern ihn selbstbewusst für sich entscheiden.

Yarmolenko selbst rechnet sich wohl viel Einsatzzeit aus, sonst hätte er auch dieses Angebot abgelehnt. Dortmund hat ihn allerdings schon länger auf dem Zettel, was ein dauerhaftes Interesse darstellt, das der Ukrainer sicher zu schätzen weiß. Zusammengefasst also ein Transfer mit vielen positiven Aspekten und einer von Yarmolenkos weiteren Entwicklung abhängigen Zukunft. Als Investition der Dembele Millionen ist es aber zu diesem späten Zeitpunkt, wo ein weiteres Talent zu viel Anpassungszeit brauchen würde, mit Sicherheit die beste Lösung. Mal abgesehen von Bier natürlich.

 

 

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