Pal Dardai hat es geschafft, Hertha BSC Berlin zu stabilisieren. Die letzte Saison war eindrucksvoller Beweis, dass eine solide Grundordnung, stabile Defensive und gefährliche Nadelstiche in der Offensive ein Erfolgsrezept sein können, um sich für Europa zu qualifizieren. Dabei hat Dardai gerade in der Zentrale für Stabilität und Kontinuität gesorgt und dem Team eine Achse gegeben, an der es sich orientieren kann: Jarstein-Langkamp-Darida-Ibisevic, dazu noch Leistungsträger wie Plattenhardt und Stark. Herthas Zentrum ist mit Leistungsträgern besetzt. Die Außen, abgesehen von Confed-Cup-Sieger Plattenhardt, stehen im Schatten ihrer erfolgreichen Kollegen. Die Diagnose lautet: chronisch unterbesetzt oder nicht (bundesliga-)belastbar. Abhilfe soll nun ein Neuzugang aus Salzburg schaffen, dessen Verpflichtung gut zu den taktischen Überlegungen von Dardai passt. Denn mit Valentino Lazaro kommt ein vielseitiger Außenspieler in die Hauptstadt, der die Hoffnung auf mehr Stabilität auf den Flügeln nährt. Wir stellen euch den österreichischen Nationalspieler vor und zeigen, wie er der Mannschaft weiterhelfen kann.

Salzburger Grenzen

Valentino Lazaro teilt das Schicksal anderer junger Spieler der österreichischen Bundesliga, die Hoffnungen auf eine größere Fußballkarriere hegen: die heimische Liga wird schnell eine Nummer zu klein und ein Wechsel unausweichlich. Diese Mechanismen greifen auch bei Branchenprimus RB Salzburg, der in der laufenden Transferperiode bereits Konrad Laimer an Leipzig verloren hat. Nun geht mit Lazaro das nächste herangezogene Eigengewächs, der seit 2012 Teil der Salzburger Profimannschaft ist. Inklusive eines üblichen Abstechers zum Farmteam aus Liefering bringt es Lazaro in fünf Profijahren auf stolze vier Double-Erfolge. In Folge versteht sich. Der 21-Jähirge kann auf beachtliche 87 Ligaeinsätze zurückschauen und ist in den letzten drei Jahren Stammspieler gewesen, wenn er gesund war.

Der Flügelspieler, der bevorzugt auf der rechten Seite eingesetzt wird, schaut aber auf eine statistisch vergleichsweise schwache Saison zurück. Magere drei Treffer und kaum mehr als eine Handvoll Torvorlagen sehen bei einem souveränen Ligameister eher mager aus, wenn man von einem offensiven Stammspieler ausgeht, der 29 Einsätze vorweisen kann. Das liegt in erster Linie am Zusammenspiel mit seinem Rechtsverteidiger-Kollegen Stefan Lainer, der eine überragende Saison hinter Lazaro gespielt hat und stolze 14 Scorer-Punkte verzeichnen konnte. Lainers offensive Interpretation eines Außenverteidigers ließ Lazaro bei Angriffen oftmals in die Mitte rücken und einen einleitenden Spielgestalter werden, der sich eher durch vorletzte Pässe auszeichnen konnte. Pässe, die in keiner Statistik auftauchen (wir sind ja schließlich nicht beim Eishockey). Zahlen lügen zwar nicht, aber in erster Linie muss man den eye-test bestehen, bei dem keine statistischen Werte entscheiden, sondern offensichtliche Eindrücke. Die positiven Eindrücke, die Lazaro hinterlassen kann, blieben anderen europäischen Teams nämlich gewiss nicht verborgen und im Winter blitzte Zenit St. Petersburg noch mit einer Offerte ab, da sich Lazaro lieber Richtung Deutschland oder England orientieren wollte.

Flexibler Spieler braucht flexible Ablösemodalitäten

Nun also Berlin. Ein Wechsel, der sich seit längerem angebahnt hat und sich doch zu einer echten Hängepartie entwickelt hat. Lazaros aktueller Außenbandriss ließ die Herthaner stutzig werden und Uneinigkeiten über die Ablösesumme entstehen. Letztlich einigte man sich auf eine Leihe mit verpflichtender Kaufpflicht, wenn Lazaro endgültig fit werden sollte. Das Berliner Misstrauen liegt nicht ausschließlich in der momentanen Verletzung des Spielers begründet, sondern wahrscheinlich auch an dem hartnäckigen Gerücht, dass Lazaro in der Vergangenheit, trotz immer wiederkehrender Blessuren, verletzt gespielt haben soll. Man sichert sich folglich ab, um im Falle des Falles reagieren zu können. Lazaro zeigt sich von diesem Hin und Her unbeeindruckt in der offiziellen Vorstellung bei den Berlinern und freut sich auf die anstehende Saison. Diese können sich aber auch auf einen Spieler freuen, der, wenn er fit wird und bleibt, eine Bereicherung darstellen sollte.

Den 21-jährigen gebürtigen Grazer kann man getrost als modernen Flügelspieler bezeichnen. Er bringt eine gute Grundschnelligkeit mit, zeigt sehr flüssige Bewegungsabläufe und ist auch mit einer mehr als ordentlichen Technik ausgestattet. Gerade im Eins-gegen-Eins kann Lazaro überzeugen, da seine Ballführung und sein Antritt ihn oft in vorteilhafte Situationen bringen. Dazu kommt noch ein Zug zum Tor, der ihn oft auch in der Mitte des Spielfeldes gefährlich werden lässt und Grundlage für das oben genannte Zusammenspiel mit Lainer war. Denn wenn Lazaro eine Sache ist, dann vielseitig. Während ihn Trainer Garcia in Salzburg noch oft im Zentrum aufgeboten hat, um ihn entweder als kreativen Zehner oder im Sturmzentrum agieren zu lassen, zeigt er sich im Nationalteam als brauchbarer Rechtsverteidiger. Bei allem spielerischen Potenzial in der Mitte des Spielfeldes, scheint Lazaro auf der Außenbahn besser aufgehoben zu sein. Das Gedankenspiel als Rechtsverteidiger oder hybrider Außenspieler ist dabei besonders reizvoll, wenn man seine Perspektiven bei der Hertha in Betracht zieht. Ähnliche Überlegungen wurden beispielsweise schon bei der Verpflichtung Matthew Leckies laut, der dank seiner Zweikampfstärke ebenfalls eine charmante Variante für diese Position darstellen könnte. In jenem Fall würde Mitchell Weiser wohl eine Position weiter nach vorne rücken und auf dem rechten offensiven Flügel agieren, die Positionswechsel zwischen RV und RM/RF wären fließend.

Lazaro bringt genug Qualitäten mit, um als offensiv denkender Rechtsverteidiger aufzulaufen. Seine Arbeit gegen den Ball ist ordentlich, wenn er dazu gefordert wird. (Auf der rechten Außenbahn bei Salzburg war das nur selten der Fall, die Einsätze im Nationalteam auf der RV-Position machen aber Mut und zeigen seine defensive Bereitschaft). Ausgestattet mit einem guten Passspiel (75% Passquote in einem vertikal angelegten RB-Spiel) und einer sehr guten taktischen Ausbildung, sucht Lazaro gerne auch Wege die Linie entlang oder bis zur Grundlinie, um dort mit Flanken aufzuwarten. Durchschnittlich vier Flanken pro Spiel sind eine gute Ausganslage, um ‚lange Kanten‘ wie Ibisevic oder Selke zu füttern.

Was plant Dardai?

Welchen Einfluss Lazaro in der Mannschaft der Herthaner haben kann, wird von mehreren Faktoren abhängen. Der Spieler muss zunächst seine Verletzung überwinden und vollständig fit werden. Gut möglich, dass er noch bis weit in den September aussetzen muss und mit entsprechendem Rückstand um einen Platz in der ersten Elf kämpfen wird. Er sollte außerdem an seinen Schwächen weiterarbeiten, um es nicht nur bei den Berlinern schaffen zu können, sondern grundsätzlich in der Bundesliga. Lazaro muss seine physischen Defizite beseitigen und deutlich robuster werden, um Zweikämpfe für sich entscheiden können. Diese sind ohnehin schon keine Paradedisziplin von ihm, umso wichtiger wird sein, dass er körperliche Gegenwehr leisten kann. Zudem wird er weiter daran arbeiten müssen, präsenter im Spiel zu sein und weniger abzutauchen. Zu häufig nimmt er sich noch Auszeiten, vor allem wenn er weiter vorne aufgeboten wird. In der gegnerischen Spielhälfte muss er indes noch effektiver werden. Trotz aller statistischen Relativierung bleibt Lazaro noch einiges an Torgefahr schuldig und muss mit klareren Aktionen rund um den gegnerischen Strafraum gefährlich werden. Auch seine Dribblings können noch effektiver werden, damit er nicht so leicht auszurechnen ist, wenn er an einem Gegenspieler vorbeigehen möchte.

Letztlich wird der Einfluss aber von den taktischen Vorstellungen seines neuen Trainers abhängen. Nachdem Dardai, wie bereits beschrieben, eine zentrale Achse etabliert hat, wird er nun überlegen müssen, wie das Spiel auf den Außen zielführender eingebunden werden kann. Hier zeichnen sich im Wesentlichen zwei mögliche Grundausrichtungen ab: ein klassisches 4-4-2, das bereits gegen Ende der letzten Saison eingesetzt wurde und aktuell favorisiert wird; oder ein 3-5-2, das sich in der Vorbereitung bewährt hat.

Rechts oder links? Vorne oder hinten?

In einem 4-4-2 gibt es für Lazaro zwei Möglichkeiten, auf sich aufmerksam zu machen. Auf der rechten Außenbahn könnte er eine Salzburg-ähnliche Rolle einnehmen und gemeinsam mit Mitchell Weiser ein offensiv gefürchtetes Duo abgeben. Weisers Ausflüge könnten umso gefährlicher werden, wenn Lazaro mehr in die Mitte geht und Lücken reißt bzw. Weiser mit seinen Pässen hinter die Abwehr einsetzt. Auch Neuzugang Leckie könnte ein direkter Konkurrent im rechten Mittelfeld sein, wenn auf der linken Seite kein Bedarf herrscht. Inwieweit er als rechter Verteidiger hinter Weiser oder Leckie eingesetzt werden kann, wird sich zeigen müssen. Es bleibt aber gewiss eine mögliche Alternative, da Lazaro das taktische Rüstzeug ohne Probleme mitbringen sollte.

Auf der linken Seite muss gleichermaßen ein Vakuum gefüllt werden, da die Hertha dort chronisch unterbesetzt scheint. Hier könnte Lazaro in ein direktes Duell mit Kalou, Stocker oder Leckie gehen, wobei letzterer durch eine starke Vorbereitung auf sich aufmerksam gemacht hat. Lazaros Vielseitigkeit würde ihn durchaus für die linke Seite interessant werden lassen. Gerade wenn man bedenkt, dass mit Genki Haraguchi und Stocker wohl noch zwei potenzielle linke Mittelfeldspieler abgegeben werden sollen, sind Lazaros Chancen auf der linken Seite nach aktuellem Stand wohl am größten.

In einem 3-5-2 dürfte wohl nur die rechte Seite in Frage kommen, da sich dann Leckie und Plattenhardt auf der linken Seite um die Flügelposition streiten sollten, falls der Confed-Cup-Sieger nicht in der Dreierkette aufgeboten wird. Rechts würden dann Weiser und Lazaro konkurrieren. Ein interessantes Duell, bei dem Weiser seine Leistungen von der U21-EM bestätigen sollte, um unangefochtener Stammspieler zu werden. Für Lazaro würden hier seine Auftritte in der Nationalmannschaft sprechen, bei der er in dieser Rolle auf sich aufmerksam machen konnte. In einem Fünfer-Mittelfeld sollten seine Fähigkeiten am besten betont werden können.

Warten auf den Durchbruch

Die Ausgangslage gestaltet sich also schwierig und die ersten Saisonspiele (und Erfolgserlebnisse) werden wohl die Grundausrichtung und damit auch die Möglichkeiten von Lazaro bestimmen. Solange dieser verletzt ist, wird er ohnehin davon abhängig sein, wie sich seine Konkurrenten schlagen. Denn obwohl es leichter ist, in einer eingespielten Mannschaft Fuß zu fassen, sind die Spielanteile dort meist deutlich geringer. Umgekehrt bietet eine strauchelnde Mannschaft mehr Möglichkeiten für Einsätze, aber ungleich weniger Stabilität, um sich zurechtzufinden. In beiden Fällen sollte Lazaros Flexibilität ihm zu Einsätzen verhelfen. Sie könnte sich aber gleichermaßen als Gefahr herausstellen, denn wer flexibel einsetzbar ist, ist häufig auch flexibel ersetzbar, sobald ein Stammspieler wieder fit ist. Wie kann Lazaro dieser Falle entkommen?

Er wird endlich sein gesamtes Potenzial abrufen müssen. Zu oft hatten Salzburger Fans das Gefühl, dass der achtfache Nationalspieler noch Luft nach oben hat. Ein Spieler aus der hauseigenen Talentschmiede mit reichlich Potenzial, der auf den Durchbruch zu warten scheint. Lazaro verlässt die Komfortzone Salzburg und wird seine Klasse beweisen müssen. Dazu wird er sich zwingend auf einer Position einspielen müssen, das wird Trainer Dardai wissen. Vielleicht wird der Erfolg also nicht vom System, den Mitspielern oder Konkurrenten abhängen, sondern einzig von Lazaros Bereitschaft, die Chance Bundesliga ergreifen zu wollen. Für einen Außenbahnspieler gibt es kaum eine bessere Ausgangslage, als die Flügel der Berliner, die dringenden Qualitätsnachschub brauchen. Mit Weiser und Leckie konnten zwei Spieler in den letzten Wochen auf sich aufmerksam machen. Lazaro wird nachziehen müssen, bringt aber alle Qualitäten mit, um eine Bereicherung für die Hertha zu werden. Ob nun links oder rechts wird unerheblich sein, solange er für frischen Wind auf den Flügeln sorgt.

 

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