Im vergangenen Dezember haben wir TK-Redakteure uns die Aufgabe gestellt, potenzielle Neuzugänge für die Bundesliga-Vereine zu identifizieren. Dabei konnte man richtigliegen (Malli-Wolfsburg), man konnte danebenliegen (abwarten…) oder man konnte sich schlichtweg unnötige Arbeit machen. Der Autor dieser Zeilen hat im Dezember in stundenlanger Recherche und Analyse einen Innenverteidiger für Leipzig gesucht und wurde in Amsterdam fündig (//transferkritiker.de/tk-empfiehlt-neue-zutat-fuer-das-leipziger-allerlei/). Jetzt muss man aber kein ausgewiesener Leipzig- oder RB-Insider sein, um zu wissen, dass Ralf Rangnick bei Transfers in der Regel gen Süden schaut. Schließlich bietet sich das Konkurrenz-Farm-Team immer an, um Transfers mit möglichst wenig bürokratischem Aufwand durchzuführen. Daher wirkt der Wechsel von Dayot Upamencano zu RB Leipzig wenig überraschend, er ist aber umso interessanter.

Überall Vorschusslorbeeren

Naby Keita, Benno Schmitz, Bernardo und nun auch Upamecano. Seit Sommer hat sich Leipzig beim österreichischen Schwester-Verein nochmal kräftig bedient, aber mit dem jungen, französischen Verteidiger scheint man einen echten Fang gemacht zu haben. Die Lobeshymnen über das 18-jährige Talent suchen ihresgleichen. Mitspieler vergleichen ihn mit Yaya Toure und Patrick Viera, österreichische Medien mit Mats Hummels und Raphael Varane. Dazu kommt eine Aufnahme der UEFA in die Reihe „Europas Wunderkinder“ und das vielleicht größte Lob von Laola1.tv, die Upamecano das größte Talent, das RB Salzburg jemals hatte, nennt. Eine ordentliche Bürde, wenn man bedenkt, dass er damit vor Spielern wie eben Naby Keita, Sadio Mané oder Kevin Kampl stehen soll.

Obwohl er damit jeden Grund zum Abheben hätte, liegt eine solche Befürchtung bei „Upa“ fern. Nachdem er als 16-Jähriger beim FC Valenciennes debütierte und sich bei der U17-EM ins Rampenlicht und die beste Turnierelf spielte, entschied er sich gegen europäische Großvereine und wählte den nächsten Karriereschritt mit Bedacht. In Salzburg wollte er sich an höherklassigen europäischen Fußball gewöhnen. Spielzeit und ein ruhiges Umfeld sind schließlich wichtiger für die Entwicklung eines jungen Spielers, als früher Ruhm und Geld, die dem gerne entgegenwirken (wer hat hier Ödegaard gerufen?!). In Salzburg wurde er langsam an die erste Elf herangeführt und konnte in der Saison 15/16 vor allem mit seiner Lernbereitschaft und seinem Trainingseifer glänzen, ehe ihm in dieser Saison der Durchbruch zum Stammspieler glückte. Dass die Vorschusslorbeeren nicht jeder Basis entbehren durfte dann zum Beispiel Mario Balotelli in der Europa League erfahren, als Upamecano ihn 90 Minuten lang abmeldete. Gar nicht schlecht für einen Spieler, der im Oktober 18 Jahre alt wurde.

Wie am RB-Reißbrett entworfen

Spieler, die von einem RB-Team zum anderen wechseln, haben per se den Vorteil, dass sie sich nicht an einen neuen Spielstil gewöhnen müssen, sondern in ein verwandtes System integriert werden. Das chaos- und überfallartige Spiel der Bullen, geprägt durch schnelles Überbrücken des Mittelfeldes, kurze Ballbesitzphasen und wahnsinniges Tempo, ist wie gemacht für Dayot Upamecano. Der Modellathlet, 83kg bei 185cm, ist dank seiner Physis prädestiniert für Ralph Hasenhüttls Mannschaft, schließlich ist seine Geschwindigkeit und sein körperliches Spiel längst auf dem Niveau von Profis angelangt. Dazu kommt noch eine ungeheure Ausdauer, um alle physischen Voraussetzungen mitzubringen.

Sein Abwehrspiel zeichnet sich durch seine Zweikampfführung aus. Er gewinnt überdurchschnittlich viele Duelle, sowohl am Boden als auch in der Luft. Gerade in den letzten Spielen der Hinrunde konnte er regelmäßig über 60 Prozent der Eins-gegen-Eins-Situationen für sich entscheiden. Daneben weiß er auch durch gute Antizipation zu überzeugen, sodass er hervorragende Anlagen hat, um Bälle früh abzufangen. Er schafft es, auf der einen Seite als ruhiger Stabilisator zu wirken und auf der anderen Seite als Grenzgänger aggressiv zu pressen. Gerade diese Fähigkeiten sind wichtig, um im Leipziger System erfolgreich zu sein und verdeutlicht einmal mehr seine Eignung für den Überraschungszweiten der Bundesliga.

Im Spielaufbau sorgt er durch mutige und weitestgehend erfolgreiche Dribblings für aufregende Szenen. Da er auch im defensiven Mittelfeld eingesetzt werden kann, ist sein Spiel durch einen natürlichen Vorwärtsdrang geprägt. Lieber geht er ins Dribbling, als einen sicheren Pass zur Seite zu spielen, um seine Mannschaft dem gegnerischen Tor näherzubringen. Die positionelle Vielseitigkeit, seine instinktiven Bewegungen, seine überragenden Veranlagungen und nicht zuletzt sein junges Alter lassen den Junioren-Nationalspieler Frankreichs garantiert zu einem Hingucker der Rückrunde werden.

Mein rechter, rechter Platz ist frei

Die Schwächen Upamecanos sind größtenteils seinem Alter geschuldet. Seine aggressive Spielweise gegen den Ball bringt ihn regelmäßig in die Bredouille. Gelegentlich rückt er zu früh aus der Abwehr heraus und lässt sich leichtfertig aus dem Spiel nehmen, ab und zu verhält er sich nicht clever genug in Zweikämpfen. Dadurch bringt er sich in vermeidbare Situationen, in denen er Foul spielen muss. Zuletzt wurde dies in seinem letzten Bundesligaspiel für Salzburg deutlich, als er mehrfach ungestüm in Zweikämpfe ging, weil er schlecht stand und dank einer Notbremse früher duschen durfte. Eine Schwäche, die er mit mehr Erfahrung leicht abstellen sollte. Er muss außerdem weiter an seiner Technik feilen. Seine Ballkontrolle und sein Passspiel sind noch ausbaufähig, da ihm hier zu häufig Stockfehler unterlaufen. Gerade wenn er eine größere Rolle im Mittelfeld für sich beanspruchen möchte, muss er einen Schritt nach vorne machen, wenn er seinen Weg in Europas Spitze fortführen will.

In der aktuellen Mannschaft der Leipziger wird der Platz des rechten Innenverteidigers für Upamecano reserviert sein, sollte er von Beginn an spielen. Willi Orban hat sich als linken Innenverteidiger bewährt und eine starke Hinrunde gespielt, jedoch hat sich kein Partner an seiner Seite gefunden, dem langfristiges Potenzial bescheinigt wird. Orbans Lufthoheit passt gut zu den Fähigkeiten des jungen Franzosen, allerdings sind beide keine herausragenden Aufbauspieler. Im defensiven Mittelfeld ist die Konkurrenz aktuell noch zu groß für Upamecano. Demme hat eine bärenstarke Hinrunde gespielt, die wenig aufgefallen ist, weil sein Nebenmann Keita vielleicht der aufregendste Bundesligaspieler der Hinserie war. Auf Dauer wird sich Upamecano jedoch sowohl in der Innenverteidigung als auch im Mittelfeld beweisen können, dafür sind seine Möglichkeiten zu groß.

Man kann Leipzig einiges vorwerfen, aber in Sachen Transfers haben sie in den letzten Jahren ein überaus gutes Händchen bewiesen. Das scheint sich im neusten Deal wieder zu bewahrheiten. Einen polyvalenten 18-Jährigen zu holen, der 18 Monate in den RB-Katakomben Salzburgs heranreifen konnte und physisch wie taktisch maßgeschneidert wurde für das eigene System. Und das für verhältnismäßig moderate 10 Millionen Euro. Das klingt zu gut, um wahr zu sein, aber es scheint, als hätte Ralf Rangnick einmal mehr viel richtiggemacht. Wenn man bedenkt, dass Leipzig die Hinrunde ohne defensive Kaderbreite erfolgreich bestritten hat, dann kann eine solche Kaderergänzung Gold wert sein auf dem Weg in das internationale Geschäft. Die Bundesliga darf sich warm anziehen und sich auf einen aufregenden jungen Spieler freuen.

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