Die Temperaturen sind unter dem Gefrierpunkt, vielerorts liegt Schnee und der Wind zieht bis in die Glieder der dick-verpackten Menschen, deren Atem wie aufsteigender Rauch in die eisige Kälte des Alltags zieht. Bis zu 22 Minusgrade zeigt das Thermometer in Wintertagen in dem Gebiet Tomsk in Sibirien, wo Konstantin Rausch, als kleiner Junge aufwuchs. Ein Experte für eisige Zeiten – sowohl neben, als auch auf dem Platz – da seine Karriere beim VfB Stuttgart derart zu scheitern drohte, dass die Lage frostig aussah. Bei Darmstadt hat er im Sommer eine neue Heimat gefunden, doch ob die persönliche sportliche transsibirische Eisenbahn wieder genug Kohle in den Ofen bekommen hat, um den Spieler Rausch wieder zu alten Höhenflügen zu transportieren, liest du in der heutigen Transferabrechnung.

Hoffnungen und Erwartungen

Als jüngster Bundesliga-Debütant von Hannover 96 hat er seine Anfänge im Profifußball beschritten und sein Debüt ausgerechnet gegen den VfB Stuttgart gegeben. Trainer Dieter Hecking schenkte Rausch früh sein Vertrauen, doch erst unter Mirko Slomka wurde „Koka“ Rausch zum unersetzbaren Spieler und Leistungsträger im linken Mittelfeld der 96iger. Mit 51 U-Länderspielen entwickelte sich das 1,82m große Eigengewächs zu einem powernden, physis-starken Aktivposten auf der linken Außenbahn, sodass auch eine Europa-League Teilnahme als größer Erfolg für den ansonsten eher farblosen Verein heraussprang. Mit dem Wechsel 2013 zum VfB Stuttgart lief die erste Saison auch schon etwas verhaltener mit nur 21 Saisoneinsätzen, doch verschlimmerte sich die Lage zunehmend in der vergangenen Saison, wo er ausgemustert und in die 2.Mannschaft verbannt wurde. Darmstadt als Aufsteiger und Frischzellenkur für Fußballer in der sportlichen Midlife-Crisis, kam dann wie gerufen für den 25-jährigen kampfstarken Spieler, sodass er auf einen großen Teil seines horrenden Gehalt von 1,8 Millionen Euro verzichtete, um am Böllenfalltor seine Fußballschuhe zu schnüren. Der Anspruch war klar: Stammspieler, Leistungsträger und wichtige Konstante im Team – hohe Erwartungen, die jedoch auch Rausch selbst an sich stellte, um unter anderem auch seinen gesunkenen Transfermarkt-Marktwert aufzubessern, der von 5 Millionen Euro in Spitzenzeiten, nun auf 1 Million Euro fiel.
Sportlicher Zwischenbericht

Rausch kämpft, ackert und malocht seit der ersten Minute auf der Außenbahn in Darmstadt und fügte sich problemlos in den kampfbetonten, physischen, eher destruktiv veranlagten Spielstil und Spielaufbau der Lilien ein. Leidenschaft, Herz und Kampfgeist – Rausch verkörpert es wie kein Zweiter und gäbe es keine piekfein getrimmten Rasenflächen mit Rasenheizungen, nicht selten wäre das dunkelblaue Jersey matschgetränkt gewesen. Das Vertrauen von Trainer Dirk Schuster ist bedingungslos da und so blüht Koka Rausch nicht nur physisch auf, sondern auch seine alte Stärke bei Standards kommt immer mehr zum Tragen. Bisher stehen 14 Saisoneinsätze in seiner Leistungsvita und auch 5 Scorerpunkte können sich sehen lassen. Man merkt, dass auch die Verständigung auf der linken Spielseite der Darmstädter nun routinierter abläuft, da man sowohl offensiv-als auch defensiv mit der Hilfe von Diaz ein besonderes Tandem entsteht, das mit ihrer großen Erfahrung im Abstiegskampf Gold sein kann. Exemplarisch herauspicken kann man dabei den starken Auswärtssieg in Augsburg, wo Rausch viele Flanken schlug, die Linie beackerte und einen hohen Aktionsradius hatte, sowie eine Torvorlage zu dem Sieg beisteuern konnte. Eine gewisse spielerische Limitiertheit kann man dem gebürtigen Russen zwar nicht absprechen und auch technisch gesehen gibt es einige bessere Spieler in der Bundesliga, doch mit Heller bildet er eine starke Flügelzange und fügt sich blendend in das Ensemble in Darmstadt ein. Getreu nach dem Motto „Totgesagte leben länger“ besitzt er mit seinen 25 Jahren auch noch einige Zeit, um weiter an seinen Schwächen zu pfeilen.

Aussicht/Fazit

Mit Konstantin Rausch ist SV Darmstadt 98 ein wirklicher Volltreffer gelungen, da Rausch in die erhoffte Führungsspieler-Rolle schlüpft und mit Caldirola als einer der wichtigsten Neuzugänge im gallischen Bundesliga-Neuling Darmstadt gilt. Rausch wird zwar nicht mehr der tricksende Messi-Klon werden, aber sind wir mal ehrlich, passt dieser Stil auch nicht zu Darmstadt, sodass eben Leute wie Rausch Spielpraxis sammeln, während Ballstreichler wie Vrancic die Ersatzbank drücken müssen. Mit seinen 25 Jahren ist Rausch noch jung genug, sich auch wieder anderen Bundesliga-Vereinen aus höheren Tabellenregionen anzubieten und auch sein Traum für die russische Nationalmannschaft zu spielen, muss bei entsprechenden Leistungen kein Wunschdenken bleiben. Egal wohin die Reise mit seiner persönlichen transsibirischen Eisenbahn hingeht, die sportlichen eisigen Zeiten sind momentan der großen, aufgehenden Sonne gewichen, die mit ihren Sonnenstrahlen den alten Rausch immer mehr auftauen und zum Leben erwecken.

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