Dienstag: TK-Transfer-Scout-Tag. Liebe Freunde des gepflegten Transfer-Karussells, heute sehen wir uns im Rahmen eines Bundesliga-Brexit-Specials wieder, denn die Transfers diese Woche führen die Akteure alle von Deutschland aus in Richtung Insel, in die wohl beste Liga der Welt. Keine Meisterschaft ist Jahr für Jahr so umkämpft wie der Titel der Premiere League, keine Liga ist medialer Präsenz so ausgesetzt wie sie. Die Bundesliga wird derzeit zum Fischernetz für internationale Toptalente und gewinnt an Attraktivität – warum ist das englische Fußballoberhaus dennoch attraktiver als das Bayern-Dogma?  Womöglich ist der erste Grund damit bereits schon gefunden! TK über die Wechsel von Joel Matip, Granit Xhaka und Henrik Mkhitaryan. Let´s go!

Transfer-Scout: Joel Matip (FC Liverpool)

Ein Ex-Knappe in Diensten des Ex-BVB-Coachs – paradox.  Der gebürtige Bochumer trat im Alter von 9 Jahren in die Knappenschmiede ein und schaffte den direkten Übergang von der Jungend zu den Profis. Seine Zeit war von vielen Trainern, stetiger Unruhe im und um den Verein sowie einer nahezu erfolglosen Zeit geprägt – Einzig der DFB-Pokal konnte 2011 gewonnen werden. Fußball liegt ihm aber definitiv im Blut: Er und sein älterer Bruder Marvin, derzeit beim FC Ingolstadt, sind die Söhne des früheren kamerunischen Nationalspielers Jean Matip – generell teilt seine Familie eine große Fußballleidenschaft!

Als Ersatz für den, zu Celtic gewanderten, Kolo Toure bringt der Ex-Schalker Wille und knapp 200 Bundesligaspiele mit in die Industriestadt Liverpool. Im Gegensatz zum Ivorer ist er deutlich schneller, aber ähnlich aggressiv. Im Spiel gegen den Ball bricht er gerne als einer der beiden Innenverteidiger aus der Kette aus, um den Gegner intensiv unter Druck zu setzen! Hier kann er sich voll und ganz auf seine Antizipation und seine Spielintelligenz verlassen. Seine Aktionen wirken sehr austariert und gut durchdacht. Eine Stärke, die dem englischen Kick-and-Rush-Fußball zu Gute kommen wird, sind seine gut getimeten langen Bälle, zwar nicht so stark wie die eines Mats Hummels oder Jerome Boateng, aber doch recht ordentlich. Jedoch ist Matip alles andere als ein Leierkasten, der bei Fifa 16 nur die Viereck-Taste drückt sobald der Ball auf ihn zukommt. Die Spieleröffnung ist eine der wichtigsten Faktoren, die er ins Spiel von Jürgen Klopp beisteuern soll, da mit Lovren und Sakho eher rustikalere Verteidiger an seiner Seite stehen. Auch Neuverpflichtung Klavan ist nicht der Aufbauspieler schlechthin, obwohl er über ein sauberes Passspiel aus der Defensive heraus verfügt. Etwa im gleichen Maße werden Matip die 1,95 Meter ein Segen sein, da in England viel über Standards und die körperliche Interaktion läuft und mit ihm ein echter Hühne mit hervorragendem Kopfballspiel gefunden wurde, das auch bei eigenen Offensivaktionen zur Waffe werden kann.

Das Titelblatt der Rückseite seiner Fähigkeiten hebt vor allem seine Konzentrationsschwäche hervor! Ebenso sein Spielstil wird seine Nebenleute vor eine große Aufgabe stellen. Das Ausbrechen aus der Kette reißt Lücken in die Defensive, die es aufzufangen gilt. Lovren und Klavan werden sich neben ihm deutlich tiefer positionieren müssen, wie neben Sakho, der ebenfalls für Ausflüge nach vorne bekannt ist. Sicherlich ist Matip kein perfekter Verteidiger, jedoch vielseitig talentiert. Sollte es ihm gelingen, an seinen Fähigkeiten zu arbeiten und diese weiter zu verbessern, stehen ihm alle Türen zur Weltspitze der Defensive offen. Liverpool hat mit ihm und seiner ablösefreien Verpflichtung einen riesen Transfer gelandet und den richtigen Weg forciert. Die Entscheidung sich mit neuen Akteuren in der Defensive zu verstärken war hinsichtlich der Verletztenhistorie eine kluge Entscheidung, um über eine lange Saison auch qualitative Rotation ins Spiel zu bringen! Matip kann nach all dem Lob freilich auch floppen, wovon allerdings nicht auszugehen ist. Kostenlos, talentiert, ehrgeizig und momentan auf seinem Leistungshoch – Klasse Transfer!

Scout-Report: Granit Xhaka (FC Arsenal)

Granit Xhaka: Eine der Identifikationsfiguren der neuen Fohlenära. In Abwesenheit von Martin Stranzl, dem Urgestein, dem Leader, dem Kapitän, schmückte die Binde zuletzt den Oberarm vom Schweizer, vom nun neuen Gunner! Von NRW nach Nordlondon. 45 Mio. Euro Kopfgeld war er Arsene Wenger wert, dem vorgeworfen wird, den Anschluss an den modernen Transfermarkt zu verpassen, auf dem mittlerweile utopische Summen als absolute Normalität über den Ladentisch wandern. Es wird nachjustiert für die neue Saison. Einigen Fans läuft schon das Wasser im Mund zusammen, wenn sie an eine Doppel-Sechs aus Xhaka und Ramsey denken. Bei seinem Debut unter Otmar Hitzfeld in der Schweizer Nationalmannschaft verglich der ihn sogar mit Bastian Schweinsteiger, einem absoluten Weltklasse-Mittelfeldspieler.

Der Ex-Gladbacher agiert als Deeplying-Playmaker, einer modernen Variante des Mittelffeldspielers, ähnlich wie ein Schweinsteiger, Gündogan, oder Veratti. Diese Position verlangt starkes Passspiel und die Fähigkeit sich mit dem Ball am Fuß zu behaupten. Probleme hat er mit beidem nicht. Vor allem sein robuster Körper gibt ihm in Zweikämpfen den entscheidenden Vorteil! Neben seinem sauberen Kurzpassspiel ist er in der Lage feine Diagonalbälle zu schlagen, ähnlich wie Xabi Alonso bei den Bayern, wobei man nicht so vermessen sein darf ihn schon jetzt auf die gleiche Stufe zu stellen. Neben der Tatsache, dass kein Ballzauberer erwartet werden kann, ist er dennoch technisch versiert und weiß einen Spielzug zu eröffnen, strukturieren und temperieren, um durch seine Übersicht im richtigen Moment die entscheidenden Aktionen ansetzen zu können.

Leider sind 23-jährige Spieler, wie auch jeder andere Fußballer, nicht frei von Fehlern. Wer denkt, dass mit Xhaka ein Zweikampfwunder ins Emirates Stadium wechselt hat sich getäuscht. Hier wird er jedoch in seinen ersten Wochen deutliche Fortschritte machen und sich ausreichend auf die anstehenden Aufgaben vorbereiten. Zudem ist er ein Hitzkopf, immer gut für gelbe, wenn nicht sogar rote Karten. Er braucht lange um sich für eine Aktion zu entscheiden und steht häufig falsch, was ihn letztlich zu riskanten Tacklings hinreißen lässt, die wiederum die Verwarnungen zur Folge haben. Eine intensive, taktische Schulung wird er von Mentor Wenger bekommen. Nun ist es seine Aufgabe sich ins Team zu kämpfen und zu zeigen, warum gerade er der perfekte Mann hinter Mesut Özil ist. Mit Coquelin, Ramsey, Carzola und Wilshere ist Arsenal bestens im zentralen Mittelfeld aufgestellt. Rotation wird es geben, allerdings auch eine Stammelf. Von der Spielanlage eines ballbesitzorientierten Spiels mit blitzschnellen Umschaltbewegungen, wäre eine Doppel-Sechs bzw. Doppel-Acht aus Ramsey und Xhaka eine ideale Besetzung. Carzola ist in die Jahre gekommen und Coquelin für die groben Aufgaben zuständig. Wilshere wird den Verein eventuell sogar noch verlassen! Feststeht, dass 45 Mio. Euro ein ganzer Batzen an Geld ist, den es nun zu rechtfertigen gilt, um von den Medien nicht zerfleischt zu werden. Der Transfer war sinnvoll und mit dem richtigen Mann besetzt. Nun gilt es sich auch in der Liga zu behaupten und zum Top-Transfer zu reifen!

Transfer-Scout: Henrikh Mkhitaryan (Manchester United)

Wochen des Kampfes, der Spekulationen und der Drohungen gehen zu Ende. Sie glichen einer Farce und ließen wie zu erwarten die Schlammschlacht mit einem Wechsel zu Manchester United enden. Der 6. Juli dürfte die Nerven aller Beteiligten stark beruhigt haben und für die Borussia auch einen süßen Beigeschmack zu den bitteren Verhandlungen liefern. 42 Millionen Euro – Eine Summe die schließlich die Wogen glättete und das Gezerre beendet. Dennoch dürfte gerade den Dortmunder Fans dieser Wechsel sauer aufstoßen, da Watzke, während den Wechselspekulationen um Gündogan, Hummels und Mkhitaryan, noch explizit im Audi Star Talk betonte: „Ich kann ihnen versichern, dass nicht alle drei Spieler den Verein verlassen werden.“ Mit dem Wechsel des Armeniers ist nun der Dritte und Letzte im Bunde von Bord gegangen und hinterlässt Chance und Lücke.

Bei United schließt er eine qualitative Lücke. Die Außenbahn ist nicht so gut besetzt wie es The Special One gerne hätte. Nun hat er seinen Wunschspieler auf dem Flügel, um mit genug Druck die rechte Seite zu beackern. Micky ist pfeilschnell und dribbelstark. Er versteht es, den Ball schnell und effektiv in die Gefahrenzone zu tragen und Lücken zu reißen. Er ist der perfekte Verbindungsspieler in der Offensive, um die Räume beliebig zu schließen und zu öffnen – der Ball wird von ihm, überspitzt gesagt, am Leben gehalten. Seine Mitspieler werden perfekt von ihm in Szene gesetzt und dazu benutzt sein eigenes Spiel auf den Platz zu bringen. Mkhitaryan schafft unterschwellig Stabilität im Team und versteht es seine Kollegen zu leiten – eine Fähigkeit, die vor allem in strukturierten Teams, wie jenen von Mourinho, sehr effektiv ist.

Zudem ist sein Positionsspiel herausragend, genau wie seine Arbeitsrate. Hört sich jetzt ein wenig wie eine Analyse für einen Ultimate-Team-Spieler von Fifa an und ist dennoch mehr als auffällig im Spiel des Armeniers. Seine Pferdelunge gibt ihm die nötige Energie seine Laufleistung konstant zu halten und in seinem Pressingverhalten konzentriert zu bleiben. Zuletzt zeigte Mkhitaryan auch seine Scorerqualitäten in der Bundesliga – 11 Tore und 20 Vorlagen in 31 Spielen der abgelaufenen Saison sind für einen Flügelspieler mehr als nur solide!

Schattenseiten gibt es glücklicherweise nur wenige. Ab und an lässt seine Konzentration sehr zu wünschen übrig und lässt ihn zu lässig und überspitzt wirken. Seine Eins-gegen-Eins-Fähigkeiten aus dem Stand sind ebenso wie sein Torabschluss stark verbesserungswürdig. Sein wohl größtes Problem stellt allerdings seine Mentalität dar. Mkhitaryan ist ein sehr sensibler Fußballer, dessen Kopf bei schlechter Leistung gerne mal im Boden versinkt. Es gilt für seinen neuen Coach und seine Mitspieler sein Selbstvertrauen, dass er die letzte Saison gesammelt hat aufrechtzuerhalten! Was fehlendes Vertrauen in sich selbst zur Folge hat, konnten die Dortmunder Fans nur allzu gut in der Zeit vor Tuchel miterleben. Jeder neutrale und objektive Fan wünscht sich, diesen Micky nie wieder sehen zu müssen!

Nun zur großen Frage: Passt das – Mou und Micky? Grund skeptisch zu sein gibt es sehr wohl. Neben der schon angesprochenen Mentalitätsschwäche und dem Wissen der brutalen Medienwelt in England, kann man dem Ex-BVBler nur Glück wünschen. Ebenso waren Mourinhos Teams in der Vergangenheit auf individuelle Klasse und Vorstöße ausgerichtet – eine Ausrichtung die Mkhitaryan nicht zusagen dürfte, da er hauptsächlich über das Team ins Spiel findet! Die Größe des Klubs kann Vor- und Nachteile haben. Einerseits Motivation im Theatre of Dreams aufzulaufen, andererseits eine große Herausforderung den Anforderungen des Klubs und der Fans gerecht zu werden.

42 Mio. Euro lasten auf seinen Schultern, ebenso wie der Wunsch nach internationalen Erfolgen und der Meisterschaft. Sollte er sein Niveau halten, war der Transfer rein fußballerisch ein absoluter Top-Griff und die Ablösesumme verhältnismäßig angemessen, wenn man den derzeitigen Markt betrachtet. Sollte er jedoch seine Leistung nicht bestätigen können, werden die Kritik und die Unterstützung zu einem Echo, das ein Sportler erst einmal verkraften muss! Die neue Spielzeit gibt ihm nun die Chance neben Stars wie Wayne Rooney und Ibra zu glänzen und seinen Traum zu versüßen! Good Luck, Boy!

Zwischen Bobby Charlton und Gerd Müller – Warum gerade England?

Mkhitaryan, Klavan, Matip, Xhaka, Mertesacker und Co. Warum entscheiden sich so viele Fußballer, nicht nur aus der Bundesliga, sondern weltweit, für einen Wechsel ins Land des Fußballs? Warum ist die Premiere League die begehrteste Liga der Welt, obwohl deren Teams regelmäßig auf internationalem Parkett enttäuschen?

Die Erklärung ist leicht! Jede Saison gibt es mindestens vier bis sechs Mannschafen, die um die Meisterschaft kämpfen. Spektakuläre Tore, die so und in dieser Fülle nur in England fallen. Eine Fankulisse die seines gleichen sucht und eine Inszenierung des Spiels, die so in Europa nicht wiederzufinden ist. England lebt von Atmosphäre, Leidenschaft, Einsatz und absoluten Wucherpreisen für Match-Day-Tickets, aber das nur am Rande. Es scheint, als gäbe es auf schlechte Zeiten und unlösbare Fragen nur eine Antwort: Fußball. Nirgends wird Fußball so praktiziert wie auf der Insel. Alleine die neuen TV-Verträge, bei denen astronomische Summen in die Rachen der Vereinsbosse gestopft werden zeigen die Strahlkraft dieses Sports. Nie wären diese Gelder möglich, würde es niemanden geben, der dafür aufkommt! Die ganze Welt verfolgt die Premiere League. In Asien hat die Liga Kultstatus!

In den Köpfen der Spieler schallt es im Chor: „Einmal in England spielen, einmal das Herz des Fußballs pochen hören“. Wer kann es ihnen verdenken? Selbst, sollte sich der Wechsel sportlich im Nachhinein als Fehler entpuppen, sind die Erfahrungen und Einrücke unbezahlbar. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Kagawa, trotz seines Scheiterns bei den Red Devils, seinem Kollegen Mkhitaryan zu einem Wechsel geraten hat und ein intensives Gespräch mit ihm führte.

Schon die Erfahrung als Fan im Stadion zu sitzen, lässt einen Eindruck gewinnen, wie sehr Fußball bei unseren Britischen Nachbarn gelebt wird. Die Frage nach dem Warum ist sinnlos, da du als Spieler nur selten die Chance bekommst, bei Topklubs in England auflaufen zu dürfen. Jedem, dem das nicht klar ist, sind Fußballreisen nach England schwer ans Herz zu legen! C´mon Guys!

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