Über ein Monat ist vergangen, seit das Transferfenster geschlossen wurde. Zeit, um auf die Aktivitäten einiger Bundesligaclubs zu schauen und um zu sehen, wie sehr die allgemeinen Erwartungen von der Realität entfernt sind. Im Sommer haben wir mit Personen aus der Fußballbranche, die über eine gewisse Expertise verfügen, genau hierüber gesprochen. Jetzt lässt sich abgleichen, ob die Experten Recht hatten.

FC Bayern München

,,Es scheint, als hätte man in München mal wieder das richtige Näschen bewiesen“ Maurice Glienke (Augsburger Allgemeine, Südwest-Presse) drückte sich angesichts der Verpflichtung des portugiesischen Supertalents Renato Sanches vergleichweise vorsichtig aus, wurde der Transfer doch nach der EM von allen in den höchsten Tönen gelobt (auch von uns.) Doch mit seiner Vorsicht hatte Glienke wohl Recht: Die Dominanz, die Sanches beim EM-Coup entscheidend auf dem Platz präsentierte, gelingt ihm beim FC Bayern bisher noch nicht ganz. Was einigermaßen verwunderlich ist, hatte er doch auch in der Nationalmannschaft kaum Eingewöhnungszeit benötigt. Doch Sanches wird sich wohl noch steigern, so denkt auch der Experte: ,,Ancelotti wird vielseitige Möglichkeiten haben, Sanches effektiv einzusetzen.“

Dann war da noch Mats Hummels, und auch zum Rückkehrer konnte Glienke etwas prognostizieren: Einer der ,,besten Verteidiger der Welt“ käme ja mit dem Nationalspieler, ergo: ,,Das beste Innenverteidiger-Duo der Welt“ gibt es künftig beim FCB zu bestaunen, Jerome Boateng scheint ja auch kein schlechter zu sein. Bloß: Boateng war zuletzt angeschlagen, sodass Martinez neben Hummels ran musste. Noch hat sich das Duo nicht gefunden.

FC Augsburg

Beim FCA wurde fleißig rotiert, der wichtigste Wechsel fand wohl auf der Trainerbank statt: Markus Weinzierl wird von Dirk Schuster ersetzt. Experte Constantin Eckner (spielverlagerung.de, ZEIT, Sport1, FOCUS) weiß: Schuster hat sich einen Namen gemacht, ,,indem er schnörkellosen, auf  Konterangriffe fokussierten Fußball spielen ließ.“ Ergo weiß er auch schlusszufolgern: ,,Schuster braucht gerade auf den Außenbahnen lauf- und temporstarke Akteure.“ Ein Profil, in das Spieler wie Takashi Usami und Georg Teigl passen, oder, Dominik Mesch? Mesch ist seit über zwei Jahrzehnten treuer und akribischer Fan des FC Augsburg, zudem Redaktionsleiter bei Presse Augsburg. Er meinte, dass Teigl, ,,dem sympathischen Wiener“ wohl nur die Bank bleibt. ,,Dort wird sich Takashi Usami sicherlich nicht wiederfinden“, so Mesch weiter. Und erläutert: ,,Nach einem schwachen ersten Anlauf in der Bundesliga möchte er sich hier nun beweisen. Der inzwischen zum japanischen Nationalspieler gereifte 24-Jährige ist mehr als eine Option zu Caiuby auf der linken Außenbahn. Als hängende Spitze hinter Sturmführer Alfred Finnbogason und/oder Raul Bobadilla könnte er dort den in die Jahre gekommenen Halil Altintop ersetzen.“ Die Geschichte zeigt, dass selbst Experten nicht mit dem Zufall kalkulieren können: Teigl kommt zwar wie prognostiziert bisher nur auf einen Kurzeinsatz, Usami aber fällt verletzungsbedingt aus – auch er hat erst einen Einsatz zu Buche stehen, was den Fokus schnell von den lauf- und tempostarken Außenbahnakteuren ablenkt.

Letztendlich bescheinigt Eckner den Augsburgern eine ,,clevere Transferpolitik“, merkt aber zum Schluss an, dass ,,die Hauptlast auf den Schultern einiger weniger liegt.“ Mesch sagt: ,,Der wichtige Transfer hat bei den Zirbelnusskickern auf der Trainerposition stattgefunden.“ Beide haben da wohl nicht unrecht. Mit dem zwölften Tabellenplatz liegt man im hinteren Ende des Niemandslands der Liga, zufriedenstellend ist das nicht. Reizt Schuster das spielerische Potential des Kaders überhaupt ganz aus?

Eintracht Frankfurt

,,Trainer Niko Kovac steht vor einer herausfordernden Saison“. So Ralf Weitbrecht, seit 26 Jahren Sportredakteur bei der FAZ, seit 16 Jahren zweiter Vorstand des Vereins Frankfurter Sportpresse. Weiß aber auch: ,,Der Star der Mannschaft? Neben Kapitän und Torjäger vom Dienst Alexander Meier ist das Kovac“ Womit er voll Recht behalten sollte. Der ,,akribische und fleißige“ Trainer ist sicherlich der Hauptverantwortliche für den positiv überraschenden Saisonstart der Eintracht.

Doch die Spielzeit ist noch lang, und viel kann noch passieren. Weshalb wir auf die in Weitbrechts Eingangssatz formulierten Zweifel eingehen wollen. Es kommt, so der Experte, auf die ,,letzten Mohikaner“ (so nennt er Meier und den krebskranken Russ) und eben Kovac an. Alles in allem: ,,Die Eintracht vor der Saison 2016/17: Eine einzige Wundertüte.“

Schalke 04

Auch der kritischte Experte hätte wohl nicht auf diesen Schalker Saisonverlauf getippt – schlechte Karten für Raphael Wiesweg  (Stadtspiegel Gelsenkirchen, Buzz04, fussball.news) der sich im Sommer allerdings um eine Prognose drückte, dafür detailliert auf die Neuzugänge einging. So bescheinigt er Breel Embolo eine ,,sehr professionelle Einstellung“, interessant ist vor allem auch ein taktischer Ausblick Wieswegs: ,,Weinzierl testete sowohl das zuletzt bekannte 4-2-3-1 als auch ein 4-4-2 und gegen den AC Florenz sogar ein 3-4-3 mit den drei auf dem Papier nominellen Innenverteidigern Benedikt Höwedes, Naldo und Matja Nastasic in der Defensive. Das ungewohnte System funktionierte sehr gut. Nastasic ist praktisch auch wie ein Neuzugang. Der Linksfuß verletzte sich in der vergangenen Saison gleich am 1. Spieltag so schwer an der Achillesferse, so dass er für die komplette restliche Spielzeit ausfiel. Bleiben die drei Innenverteidiger fit, dürfte der S04 defensiv stärker werden als zuletzt.“ Sechs, fünf und vier Einsätze stehen bei den Dreien zu Buche. Das ist genug – doch der katastrophale Bundesligastart der Gelsenkirchener spricht nicht gerade für eine gestärkte Defensive.

Allerdings forderte Wiesweg im August noch zwei Neuzugänge: Einen ,,zweikampfstarken Mittelfeldabräumer“ (bekam er: Bentaleb) sowie einen ,,Nachfolger für den nach Manchester City abgewanderten Leroy Sané“. Bekam er nicht wirklich. Was bleibt? Wiesweg sah seine Mannschaft sicherlich nicht unverblümt positiv, doch mit diesem rabenschwarzen Start hat auche er nicht gerechnet, was wieder einmal zeigt: Berechenbar ist der Fußball (noch) lange nicht.

VfL Wolfsburg

Auch die Wölfe starteten nicht gut in die Saison, mit Tabellenplatz 13 hinkt man den Ansprüchen meilenweit hinterher. Timo Keller (Wolfsburger Nachrichten) deutete mit den Worten ,,unruhige Zeiten“ und ,,viele Fragezeichen“ als Lagebeschreibung des VfL die aktuelle Misere bereits an, bemerkt aber auch, dass man bereits ,,einige Antworten“ gefunden hat: ,,Sechs Neue sind schon da. Jeffrey Bruma ist ein guter Ersatz für Naldo, der Holländer ist mit 24 Jahren im besten Fußballalter, international gereift, ein Top-Mann, der eine gute Einstellung mitbringt. Yannick Gerhardt hat in der Vorbereitung überzeugt, läuferisch stark vor der Abwehr. Der Ex-Kölner kann auf Sicht Gustavo ersetzen. Daniel Didavi soll vor Gerhardt in der Mittelfeldzentrale die Strippen ziehen, hat aber sichtbar noch mit der Umstellung vom Konterspiel der Stuttgarter auf den Ballbesitz-Fußball des VfL zu tun. Zudem herrscht auf seiner Position starke Konkurrenz, auch Draxler sieht sich selbst am liebsten auf der Zehn. Für den Sturm hat der VfL mit Borja Mayoral ein Top-Talent von Real Madrid für ein Jahr ausgeliehen. Der Spanier ist stark am Ball, sucht immer den Abschluss, wird aber in der Bundesliga Anlaufzeit brauchen. Das gilt ebenfalls für Josip Brekalo, der kroatische Flügelspieler ist gerade 18 Jahre jung“
Wie prognostiziert übernehmen Bruma und Gerhardt Verantwortung, beide kamen bisher sechs mal zum Einsatz, der angeschlagene Didavi markierte in drei Spielen zwei Tore. Mayoral schmorte bis dato nur auf der Bank, Brekalo durfte immerhin in bereits zwei Spielen den Rasen betreten. Das ist aber sicher nicht der Grund für die Krise – und Klaus Allofs und Dieter Hecking dürfen sich nicht wundern, wenn die Trainerfrage aufflammt.

Borussia Dortmund

,,Beim BVB stehen alle Zeichen auf Angriff“‚ – Bereits zu Beginn fällt dieser Satz von Mario Welte, der als Geschäftsführer der bolzfabrik GmbH u.A. mit Jürgen Klopp im professionellen Fußball arbeitet. Überraschenderweise bezeichnete Welte den Einkauf von Sebastian Rode als ,,Top-Transfer“, die Götze-Rückholaktion sowie die Tuchel-Schürrle-Reunion erläuterte er mit folgenden Worten: ,,Die Strategie, die der BVB dabei verfolgt ist ein Mix verschiedener Ansätze. Kaum ein anderer Verein in Deutschland setzt so sehr darauf verdiente ehemalige Spieler wieder in den Club zurückzuholen, so wie aktuell auch bei Mario Götze. Der Spieler läuft seiner einstigen BVB-Form meilenweit hinterher. Man darf gespannt sein, ob er an die früheren Leistungen anknüpfen kann oder nicht. Kann er dies, so ist er für jeden Verein auf der Welt eine Bereicherung. Insbesondere das Zusammenspiel mit Marco Reus sowie dem teuersten Transfer der BVB-Geschichte – Neuzugang Andre Schürrle – weckt das Interesse des Fußballexperten. Von der Veranlagung her hat der Spieler, ebenso wie Mario Götze, überragende Qualitäten, die jedoch in den vergangenen Monaten stark nachgelassen haben.“

Letztendlich übersieht Welte die Fragezeichen, die die Götze- und Schürrle-Transfers begleiten, sicher nicht. Doch nach Betrachtung der weiteren Neuzugänge (Mor, Dembele: ,,zwei der vielversprechendesten Talente“; Bartra: ,,adäquater Hummels-Ersatz“; Guirrero: ,,spannender Name‘‚) schlussfolgert der Experte: ,,Der Kader des BVB ist somit nicht nur in der Breite besser aufgestellt als in der Vorsaison, sondern auch die Tiefe des Kaders verspricht einiges. Schlagen die Neuverpflichtungen allesamt ein, dann kann der BVB für einige Überraschungen in der kommenden Saison sorgen.“ Treffend prognostiziert: Die neue BVB-Offensive glänzt regelmäßig, hinten wackelt es hie und da, doch alles in allem sorgten die Dortmunder ohnze Zweifel schon für einige Überraschungen. Und haben sicher noch nicht genug.

Hamburger SV

So sehr die Transfers des HSV im Vorfeld gelobt wurden, so sehr rückten sie bald angesichts der Labbadia-Seifenoper in den Hintergrund. Schade, denn Steven Turek (24/7 – One Game) blickte vor der Saison mit uns auf Alen Halilovic, der sicher der schillerndste Zugang und am Ende einer der Sargnägel von Labbadia, der den Kroaten arg vernachlässigte, war. ,,Der Königstransfer war ohne Zweifel Alen Halilovic. Ein Spieler aus der Kategorie ,als Supertalent sehr jung zum Weltverein gekommen, verliehen und letztlich verkauft‘ bringt zweifelsohne eine Qualität in den Hamburger Kader, die so vorher nicht vorhanden war. Halilovic hat besondere Fähigkeiten, vor allem auf engem Raum und diesem im letzten Jahr schon auf Erstliganiveau bei Gijon nachgewiesen. Der kleine Dribbler kann in der dreier Mittelfeldreihe im 4:2:3:1 alle Positionen besetzen. Interessant sein wird zu sehen, ob der HSV in der Lage ist Halilovic in eine Position zu bringen, in der er effektiv sein kann. Dazu müsste der HSV genug Spieler in die Offensive bringen, um gezielt Räume für Halilovic zu öffnen, in die er effektiv dribbeln kann – passiert das nicht, verkommt er zum Anspielpunkt, der mit Einzelaktionen die Kohlen aus dem Feuer holen soll“

A-Lizenz-Trainer Turek wusste wohl, wovon er sprach, als er betonte, dass Halilovics Erfolg daran hängt, ob Labbadia ihn gekonnt in Szene setzen kann. Konnte er – bzw. versuchte er erst gar nicht – nicht. Der Hamburger Offensivfußball war ganz auf Sprinter Wood ausgelegt und so relativ eingleisig und berechnbar, es liegt nun an Markus Gisdol, den Königstransfer-Status des Kroaten zu rechtfertigen.

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