Hallo Herr Hildebrand, Sie blicken auf eine ereignisreiche Karriere mit über 300 Spielen in der Bundesliga, dem Meistertitel, Auslandserfahrungen in Spanien und Portugal sowie den Teilnahmen an den beiden Turnieren EM 04 und WM 06 zurück. Sie haben Anfang 2016 Ihre Karriere beendet. Wenn Sie zurückblicken: Was waren für Sie persönlich Momente die besonders hängen geblieben sind und warum?

Es sind wirklich einige Dinge hängen geblieben – es war ja auch eine lange Karriere. Besonders die großen Ereignisse wie die Teilnahme bei der Weltmeisterschaft und der Gewinn der deutschen Meisterschaft haben mich begeistert, aber generell die Karriere als Profi-Fußballer war super erleben zu dürfen. Stuttgart war sicherlich die schönste und erfolgreichste Zeit, aber ich möchte keine Station missen, hatte zum Beispiel auch bei Schalke noch super Jahre. Ich bin dankbar für diesen Weg, der vielen Spielern nicht in dem Maß vergönnt war.

Sie wechselten mit 15 Jahren zum VfB Stuttgart, wo Sie Ihr Bundesligadebüt feierten, mitunter große Erfolge erleben konnten und zum Nationalspieler wurden. Wie haben Sie damals persönlich Ihr Bundesligadebüt erlebt?

Es war noch eine ganz andere Zeit, in der es noch ein Ausnahmefall war, dass man als junger Torhüter mit 20 Jahren ins kalte Wasser geschmissen wurde. Ich war damals die Nummer 2 beim VfB Stuttgart hinter Franz Wohlfahrt und als er dann über Nacht krank wurde und sich die Möglichkeit zum Einsatz ergab, konnte ich gar nicht wirklich darüber nachdenken. Es war ein Spiel am Freitagabend gegen den SC Freiburg. Die Atmosphäre war toll, die Scheinwerfer leuchteten und es lief insgesamt perfekt, da wir das Spiel auch gewinnen konnten.

Deutschland, Stuttgart, 22.03.2016, 1. Fussball-Bundesliga, Saison 2015/2016: Timo Hildebrand am Schlossplatz in Stuttgart. Foto: Herbert Rudel

Hildebrand: „Diese extremen Charaktere, die auch mal quer denken, sind tatsächlich immer seltener zu finden“.

In den Jugendleistungszentren werden viele Torhüter ausgebildet, manche schaffen den Sprung in den Profi-Fußball, doch der Großteil scheitert. Mit all Ihrer Erfahrung: Wenn Sie heute mit 37 Jahren zurückblicken und den heutigen neuen 18/19-jährigen Timo Hildebrand begegnen würden: Welche Attribute sind elementar um sich als junger Torwart im knallharten Profigeschäft durchzusetzen?

Es ist relativ schwierig sich als Torhüter durchzusetzen, da es die Position des Torhüters eben weniger gibt als die des Feldspielers. Jeder Bundesliga-Verein hat zwar mehrere Torhüter, doch die Plätze sind rar gesät und, dass es da nicht jeder schafft, ist klar. Es gibt auch in der 2. und 3.Liga gute Torhüter und da braucht es manchmal einfach Glück, wie in meiner Situation damals zum Start in Stuttgart. Natürlich gibt es gewisse Grundvoraussetzungen. Man muss zu einem gewissen Grade Einzelkämpfer und mental stark sein, aber die Unterschiede im individuellen Torhüter-Spiel sind derart groß, dass man da von keinem Patentrezept sprechen kann.

Sportlich ging es sehr gut los und um Ihre Person entstand in der Folgezeit ein großer medialer Hype, doch Sie erlebten auch viele kritische Zeiten in der Berichterstattung. Generell hat man den Eindruck, dass die Medienbranche und Social Media eine große Emotionalität in den Sport bringen. Wie schwer ist es gerade als junger Spieler mit dem großen öffentlichen Druck umzugehen und wie haben Sie es damals verarbeitet?

 

Mir wurde in der Anfangszeit ein Medienberater zur Seite gestellt, der mich bei dem Kontakt mit den Medien in der Öffentlichkeit beraten hat. Natürlich ist es gerade für junge Spieler nicht einfach mit dieser neuen, ungewohnten Situation umzugehen. In der heutigen Zeit hat die ganze Berichterstattung durch Social Media noch deutlich zugenommen, aber es ist eine normale Entwicklung, die sich nicht aufhalten lässt und an die sich die Vereine anpassen müssen.

Sie spielten in der Nationalmannschaft mit den Charakterköpfen Oliver Kahn und Jens Lehmann zusammen und galten selbst immer als Spieler mit klarer Meinung und Charakter, der den Blick über den Tellerrand wagte. Man hat zunehmend den Eindruck, dass wirkliche Meinungen heutzutage vom Aussterben bedroht sind. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Diese extremen Charaktere, die auch mal quer denken, sind tatsächlich immer seltener zu finden. Mir fällt da zum Beispiel Christoph Kramer ein, der einen interessanten Blick auf die Karriere und das Bundesliga-Geschäft hat. Generell ist es in der heutigen Zeit, durch die Medienbranche insgesamt, schwieriger geworden. Tatsächlich muss man immer sehr genau schauen, was und wie man sich zum Beispiel bei Social Media äußert, um den richtigen Ton zu finden. Die Entwicklung im deutschen Fußball geht außerdem immer mehr zu flacheren Hierarchien in den Vereinsteams oder auch im Nationalteam, was jedoch generell nichts Schlechtes heißen muss.

Widmen wir uns wieder dem Sportlichen: Nach der Meisterschaft 2007 wagten Sie den Schritt ins Ausland zum spanischen Topverein FC Valencia und spielten später bei Sporting Lissabon. Wie sind diese Transfers damals zustande gekommen und welche persönlichen Erfahrungen sowie Lehren verknüpfen Sie mit diesen Zeiten im Ausland?

Für mich stand damals die Frage im Raum: Bleibe ich für immer beim VfB Stuttgart oder gehe ich zu einem Topclub ins Ausland? Ich bin damals in eine schwierige Zeit hineingekommen, jedoch lernt man sich selbst auch viel besser kennen. Man lernt eine neue Sprache, fängt nochmal von Null an, muss sich neu beweisen – eine spannende persönliche Erfahrung. Man kannte das Umfeld, die Abläufe und die Menschen in Stuttgart, sodass es für mich auch ein spannender Schritt aus der bekannten Komfortzone war. Ein richtiger Schritt, doch ich war ohnehin schon immer so gestrickt, dass ich auch gerne was Neues kennenlernen wollte.

Sie spielten bei Sporting Lissabon im Land des neuen Europameisters. Was zeichnet nach Ihren Erfahrungen das Fußballvolk Portugal aus und wie sehen Sie selbst den Titelgewinn der Portugiesen?

Ich glaube der Titelgewinn kam selbst für die Portugiesen überraschend. Nach der Vorrunde mit nur drei Unentschieden hat man sich ins Turnier reingebissen und sich als Mannschaft gefunden. Die Portugiesen sind wie die Spanier verrückt nach Fußball, leben jedoch auch gerne und es geht auch von der Art der Menschen generell lockerer und entspannter zu. Man ist vielleicht nicht immer ganz so diszipliniert wie in Deutschland.

Sie liebäugelten vor dem Ende Ihrer aktiven Spielerkarriere mit Stationen in der USA und Australien und machten auch ein Probetraining in England. Sie gelten als sehr reisebegeistert und offen für neue Kulturen. Was hätte Sie an diesen Herausforderungen gereizt und warum haben sich die Wechsel zerschlagen?

Wenn sich zum Ende der Karriere solche Möglichkeiten als Fußballer ergeben, dort zu spielen und 1-2 Jahre zu leben, sollte man es auch nutzen. Nach Dubai, Katar oder jetzt auch China zu gehen und nochmal viel Geld zu verdienen, würde mich überhaupt nicht reizen, da ich persönlich nicht viel aus den Ländern an sich herausziehen könnte. In Dubai und Katar gibt es fast nur Sand, viel Geld und Öl, in USA und Australien herrscht hingegen ein ganz anderes Lebensgefühl. Ich hätte die Erfahrung gerne mitgenommen, doch es sind einige Dinge zwischen den Vereinen und meine Hüftverletzung dazwischen gekommen. Ich hätte die Karriere künstlich in die Länge gezogen, sodass es die richtige Entscheidung war, die Karriere dann auch zu beenden.

Timo

Timo Hildebrand beendete im März 2016 seine erfolgreiche Spielerkarriere

Sie sprechen Ihr Karriereende an. Wie sehr hat sich Ihr Alltag geändert und welche Projekte/Ziele begeistern Sie derzeit für die Zukunft?

Ich war in den letzten Monaten schon viel unterwegs, habe auch unter anderem für das Fernsehen bei der EM gearbeitet und generell auch verschiedene Veranstaltungen besucht. Es gefällt mir derzeit gut sehr flexibel zu sein und so viel Zeit mit meinem Sohn Neo zu verbringen. Seine jetzige Lebensphase derart intensiv verfolgen zu können, ist für mich sehr wertvoll, da man die Zeit als Arbeitnehmer normalerweise nicht in dem Umfang hat. Ich gehe trotzdem noch zur Reha, trainiere weiterhin, mache viel Yoga und arbeite in einer Kommunikationsagentur an den ersten beruflichen Schritten nach der Karriere.

Man sieht Sie dann also in Zukunft eher in der Medienbranche, als im Sportgeschäft?

Die Agentur ist schon sehr sportorientiert, wir betreuen zum Beispiel auch die Mercedes Benz-Bank beim VfB Stuttgart. Die Verbindung zum Sport bleibt auf jeden Fall weiter bestehen. Ich weite meinen Horizont jetzt abseits des klassischen Fußball-Geschäftes, sammle viele neue Erfahrungen, lerne Einiges im Bereich Marketing und bin gespannt auf die Zukunft.

Sie sind neben diesen Tätigkeiten auch als Botschafter für die Stiftung Strahlemann EV tätig. Was macht diese Stiftungen für Sie besonders?

Die Stiftung kommt aus der Heimat, wo auch noch meine Familie wohnt, sodass natürlich sofort eine Bindung zu früher bestand. Strahlemann E.V. kümmert sich um Bildung, sie versuchen Talente von Jugendlichen zu fördern und sie auch aufs Berufsleben vorbereitet. Wir wollen mithelfen, dass Jugendliche auf den richtigen Weg kommen und auch Ihre individuellen Stärken kennenlernen.

Zum Abschluss würden wir noch gerne kurz über die neue Stuttgarter Mannschaft sprechen. Man tätigte einige Transfers und hielt dennoch große Teile des Teams zusammen. Welche Lehren aus der Meistersaison 07 könnten den heutigen Spielern bei der Mission Wiederaufstieg helfen?

Eine erfolgreiche Mannschaft braucht immer einen guten Teamgeist. Wir waren damals nicht die beste Mannschaft der Liga, aber dieser Teamgeist hat unsere junge Truppe sicherlich ausgezeichnet. Wir hatten einige Neuzugänge im Team, generell gute Jungs und eine stimmige Mischung aus Alt und Jung. Wir hatten zum Ende der Saison das große Ziel, den Traum, da war kein Platz für Egoismen und sowas macht die Mannschaft dann natürlich stark. Man sieht auch heutzutage gerade an Mannschaften wie Darmstadt, was ein besonderer Zusammenhalt ausmachen kann.

Welche sportliche Perspektive sehen Sie für die neue Stuttgarter Truppe?

Es ist für den ganzen Verein eine komplett neue Situation, wo man sich jedoch nun mit abfinden muss und gerade jetzt braucht man diese mannschaftliche Geschlossenheit. Man muss Gas geben, dabei nicht überheblich sein, um dann nach einem Jahr das große Ziel zu realisieren und wieder in die Bundesliga zurückzukehren. Dabei kommt es auch besonders auf die Spieler an, die vielleicht mal auf der Bank sitzen müssen, nicht sauer zu sein. Der Umbruch ist immer noch am Laufen, es wird sich bestimmt auch personell noch etwas tun, doch ich bin optimistisch in Sachen Aufstieg.

Vielen Dank für das Interview.

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