Die Flüchtlingskrise: Ein äußerst heikles Thema, das derzeit in allen Teilen des gesellschaftlichen Lebens omnipräsent ist. Die EU-Kommission schätzt, dass bis Ende 2017 noch etwa drei Millionen Asylbewerber nach Europa kommen könnten, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge beziffert die Asylanträge in Deutschland auf über eine Million für das Jahr 2015. Die große Herausforderung für beide Parteien heißt Integration. Wie gut also, dass es den FC Bayern gibt: Der Münchner Ligaprimus holt am Deadline-Day kurzfristig Serdar Tasci – einen der sechs Integrationsbotschafter des DFB – aus Moskau zurück in die Bundesliga.

Sportliche Vergangenheit

Inwiefern Tasci seiner Mission als Botschafter für Integration neben seiner Hauptmission ,,ersetze Boateng und  Martínez am besten noch gleich dazu“ nachkommen kann, sei einmal dahin gestellt. Doch eines ist klar: Der mittlerweile 28-Jährige kennt die Bundesliga und reifte auf diesem Parkett zum Nationalspieler. Wie schon so viele andere fand er den Weg ins Profitum über den VfB Stuttgart, zuvor spielte er bei den Lokalrivalen von den Kickers. Sein Bundesliga-Debüt feierte er unter Armin Veh – 19 Jahre alt, just nach dem Sommermärchen – pardon – ,,Sommermärchen“ 2006. Sein erster Einsatz in der Nationalmannschaft erfolgte auf den Tag genau zwei Jahre darauf. Zur WM 2010 nach Südafrika durfte er mitfahren, auch wenn es nur zu einem Fünf-Minuten-Einsatz im Spiel um Platz drei gegen Uruguay reichte. Doch das tat seiner Entwicklung keinen Abbruch, in Stuttgart reifte er zum Kapitän und unterschrieb einen langfristigen Vertrag – ehe er im Sommer 2013 dann doch den Verein wechselte. Moskau hieß die Destination, Spartak der neue Arbeitgeber. Tasci erwischte keinen guten Start, war sofort verletzt. Doch mittlerweile hat sich der Innenverteidiger, von dem man in Deutschland nicht mehr allzu viel hörte, als Leistungsträger etabliert und war absolut gesetzt in der Viererkette des ,,Volksteams“.

Stärken/Schwächen und Spielertyp

Müsste man sich für ein Wort entscheiden, das Tasci auf dem Platz am besten beschreibt, so ist das wohl ,,präsent“. Der Innenverteidiger ist mit Sicherheit nicht für eine besonders passive Spielweise bekannt, oft verlässt er als erster zentral die Viererkette, um gemeinsam mit dem Sechser den Angreifer zu doppeln. Sicherlich einer, der den Zweikampf sucht, im direkten 1-gegen-1 aggressiv und manchmal fast in Torwart-Manier die Körperfläche vergrößert. Körperliche Voraussetzungen hierfür bringt er fraglos mit, seine fast schon an Artistik grenzende Beweglichkeit ist untypisch für einen Innenverteidiger und unterscheidet ihn schon einmal von Boateng und Martinez. Symptomatisch: Sein Treffer im Spiel gegen den FK Ufa in der laufenden Saison, als er, waagerecht in der Luft liegend, den Ball nach einer Ecke per Außenrist-Tritt ins Netz befördert. Seine anfangs angesprochene Spielweise bringt aber nicht nur Vorteile mit sich. Manchmal neigt er dazu, die Viererkette zu früh zu verlassen und reißt somit ein Loch in den eigenen Defensivverbund, womit dem Gegner ein Schnittstellenpass geradezu angeboten wird. Kürzlich, im Spiel gegen Zenit St.Petersburg, sah er diesbezüglich in einigen Aktionen nicht besonders gut aus. Auch sein Kopfballspiel ist teilweise noch verbesserungswürdig, wobei er hier ja allein von den physischen Voraussetzungen her nicht an Boateng und Martinez herankommen kann.

Aktuelle Situation

a16

Die Spekulationen um Shkodran Mustafi, der ja – im Gegensatz zu Tasci – keine Champions League – Spielberechtigung gehabt hätte, waren nach der Verletzung Boatengs von geringer Seriösität, wie auch Karl-Heinz Rummenigge erkannte und etwaige Verpflichtungen abfällig als “SOS-Lösungen“ und “Notkäufe“ bezeichnete. Der große FC Bayern und Not? Niemals. Nach der Verletzung von Martinez hatte er seine Worte wohl schon bereut, und auch Pep Guardiola erkannte: ,,Wir haben ein Problem.“ Zwar wurde mit Verweis auf die eigene Improvisations- und Kaderstärke noch auf mögliche Lösungen mit Kimmich, Rafinha und Vidal neben Badstuber verwiesen, nun aber doch noch ein Spieler verpflichtet. Serdar Tasci, ein Notkauf? Im eigentlichen Wortsinn wohl schon. Denn der Transfer ist eine eindeutige Reaktion auf das Münchner Verletzungspech. Fraglich ist, ob Tasci auch als Spieler mit dem von Rummenigge negativ konnotiertem Ausdruck ,,Notkauf“ bezeichnet werden kann. Matthias Sammer lobte sofort Erfahrung und Qualität des Verteidigers, verschwieg aber auch nicht, dass man froh sei, den Spieler so kurzfristig noch bekommen zu haben. Den Umständen entsprechend ist Tasci bestimmt eine perfekte Lösung, die  monetären Argumente und der Ruf der Münchner hatten hier einen entscheidenden Anteil. Schalke 04 bemühte sich schon länger um ein Engagement Tascis, offen von Heldt bekannt, konnte sich aber letztendlich nicht durchsetzen. Dem FC Bayern gelingt dies in einem Bruchteil der Zeit.

Fazit

Mit Serdar Tasci kommt ein Spieler, der in der Rückrunde gezwungenermaßen auf seine Minuten kommen wird. Es überrascht nicht, dass der Transfer ein bis zum Sommer datiertes Leihgeschäft ist – schwer vorstellbar, dass sich die Münchner, die bisher 2,5 Millionen in den ehemaligen Nationalspieler investiert haben, im Sommer dazu entscheiden, weitere 10 Millionen draufzulegen, um Tasci fest an sich zu binden. Aber was ist schon vorstellbar im Fußball? Tasci bekommt auf jeden Fall die Gelegenheit, sich auf populärerer Bühne zu beweisen, und ein Spieler, der beim FC Bayern regelmäßig spielt, wird auch für die Nationalmannschaft wieder relevant. Schafft Tasci es, sich ins Münchner (Noch-)Guardiola-Gefüge zu integrieren? Und was hält Ancelotti vom DFB-Botschafter? Die Zeit wird es zeigen.

Facebook-Kommentare