Wer redensartlich „auf großem Fuß lebt“, wirft das Geld mit beiden Händen zum Fenster heraus. Gerade bei Fußballern mag dieses Sprichwort überdurchschnittlich häufig zutreffen. Die Gründe hierfür sind bekannt. Doch auch im wahrsten Sinne des Wortes kann es von Vorteil sein, auf großem Fuß zu leben. Spieler wie Mats Hummels oder Zlatan Ibrahimovic können beispielsweise Schuhgröße 47 ihr Eigen nennen und auf ihren jeweiligen Positionen davon profitieren. Vielleicht kann Hummels aufgrund seiner großen Füße Bälle öfter klären oder Ibrahimovic härter schießen, weil er eine größere Fußfläche besitzt. Beides ist nicht bewiesen, aber durchaus plausibel und nicht auszuschließen. Eher ungewöhnlich sind wendige Außenspieler mit riesigen Füßen, da haben wir quirlige Zwerge wie Messi (Schuhgröße 42) vor Augen. Und doch ist unser „Talent of the Year“ in La Liga ein ebensolcher Flügelstürmer: Mikel „Bigfoot“ Oyarzabal von Real Sociedad San Sebastian.

Werdegang á la Xabi Alonso

Der Werdegang des 19-jährigen Spaniers beginnt beim aktuellen Erstligisten SD Eibar, für den Oyarzabal bis zu seinem 14. Lebensjahr spielte. Eibar ist in dieser Saison nicht nur eine der Überraschungen des spanischen Oberhauses, sondern auch bekannt für sein hervorragendes Scouting-System. Xabi Alonso (Schuhgröße 42) oder David Silva (Schuhgröße unklar, angeblich aber 38?!) haben in ihren jungen Jahren jeweils (kurz) ihre Schuhe für den kleinsten Erstligisten Europas geschnürt. Alonso ist heute sogar einer der Anteilseigner! Oyarzabal zog es jedoch zu einem anderen Verein, dessen Jugendabteilung europaweit bekannt ist: Real Sociedad. Die bekanntesten Spieler, die in „Zubieta“, dem legendären Trainingsgelände der Basken, zu Europas Stars wurden, sind u.a. wieder jener Xabi Alonso oder aber Antoine Griezmann (Schuhgröße unklar, Vermutungen liegen bei 42/43), mit dem er mittlerweile häufig verglichen wird. Hier wollte der junge Spanier den nächsten Schritt machen, um sich im Profibereich etablieren zu können.

Nachdem Oyarzabal die Jugendmannschaften durchlaufen hatte, brauchte er nur 20 Spiele in der B-Mannschaft, um 2015 in der ersten Mannschaft zu debütieren. Seither hat er es auf 47 Pflichtspiele gebracht und 2016 endgültig seinen Stammplatz erkämpft. Sein bisheriges Karriere-Highlight war wohl zweifellos sein goldener Treffer gegen den FC Barcelona zum 1:0-Sieg im vergangenen April. Wer kann schließlich behaupten, einen entscheidenden Treffer gegen Barca erzielt zu haben? (Die richtige Antwort ist Tony Watt, guckst du hier: https://www.youtube.com/watch?v=JqgABqp8Y38) Welchen Stellenwert Oyarzabal im Verein genießt? Sein Vertrag wurde 2016 gleich zweimal verlängert, einmal im Februar und einmal im August. Er ist jetzt bis 2022 an den Verein gebunden, mit einer kolportierten Ausstiegsklausel von 40 Millionen Euro.

Gewöhnlich ungewöhnlich

Nachdem er zu Beginn seiner Karriere noch auf drei unterschiedlichen Offensivpositionen (beide Flügel und zentral) eingesetzt wurde, hat er sich im Laufe der Rückrunde 15/16 auf dem linken Flügel etablieren können. Im aktuellen 4-2-3-1 glänzt der Linksfuß auf der Seite mit seinem blitzschnellen Antritt und seinen herausragenden Zuspielen. Egal ob messerscharfe Flanke, punktgenauer Steilpass oder sichere Kurzpässe, Oyarzabal kreiert immer wieder Torchancen für seine Mitspieler. Am meisten profitiert er von seiner hervorragenden Technik, mit der er Bälle mustergültig verarbeiten kann.

Ein typisches Muster für Angriffe, in denen er involviert ist: Ein langer Ball findet ihn auf der ballentfernten Seite, Oyarzabal nimmt den Ball an und sucht direkt die Eins-gegen-Eins-Situation mit seinem Gegenspieler. Hier kann er mit Finten, Richtungswechseln und kleinen Tricks schnell Raum zwischen sich und dem Gegner schaffen, um dann seinen Antritt auszunutzen. Gerne sucht er jetzt den Weg in den Strafraum, entweder per Dribbling oder per Doppelpass. Er ist ein echter Gefahrenherd, der Abwehrreihen zu beschäftigen weiß. Er bleibt aber nicht an der linken Seite bei diesen Aktionen kleben, sondern wird ebenso oft auf der rechten Seite angespielt, wenn er einmal mehr den Flügel gewechselt hat.

Seine großen Füße nutzt er vor allem für seine bestechende Schusstechnik, denn seine Distanzschüsse sind bereits jetzt ligaweit gefürchtet. Im Kalenderjahr 2016 brachte es der junge Spanier damit auf insgesamt sechs La Liga-Treffer sowie sieben Torvorlagen. Eine Quote, die er 2017 sicher ausbauen kann. Er muss sich aber nicht nur auf seinen Schuss und seine Dribblings verlassen, denn der spanische „Riese“ (1,80m immerhin) ist auch im Kopfballspiel zu beachten. Ein Bigfoot als flinker Flügelspieler, der dazu noch in der Luft beachtet werden muss? Sachen gibt’s.

Griezmann 2.0?

Der 19-Jährige hat aber auch in einigen Bereichen des Spiels noch Luft nach oben. Am offensichtlichsten in dieser Saison ist wohl sein mangelnder Zug zum Tor. Denn obwohl er mit einem feinen Füßchen gesegnet ist, verzeichnet er aktuell nur 1,3 Schüsse auf das Tor pro Spiel, eindeutig zu wenig. Zwangsläufig hat er in der aktuellen Hinrunde noch keinen Treffer erzielt, dafür aber fünf vorbereitet. Bei eigenen Standardsituationen oder Flanken in den Strafraum muss er sich noch stärker einbringen, wenn man seine physischen Vorteile gegenüber Außenverteidigern bedenkt. Legt er diese Zurückhaltung ab, liegen Griezmann’sche Vergleiche auf der Hand.

Der französische Superstar hat einen ähnlichen Werdegang bei La Real hinter sich gebracht, ehe er bei Atletico und für Frankreich für Furore sorgen konnte. Der Spielstil der beiden ähnelt sich in einigen Facetten: Starker linker Fuß, überragendes Dribbling und eine tolle Technik. Positionell würde man Oyarzabal eher eine Reihe tiefer verorten, obwohl nicht auszuschließen ist, dass er hier wie Griezmann eine Entwicklung in eine zentralere Position nehmen könnte. Analog zum französischen Nationalspieler würde unserem „Talent of the Year“ ein weiterer Verbleib bei San Sebastian weiterhelfen, um seine Möglichkeiten weiter auszuschöpfen. Aber wie immer sollte man mit solchen Vergleichen vorsichtig umgehen, denn der junge Spanier, der im April 20 Jahre alt wird, muss 2017 seine Leistungen weiter nach oben schrauben, um im gleichen Atemzug mit Griezmann & Co. genannt zu werden.

Ein Baske auf dem Weg nach Europa?

Trotzdem gibt es bereits seit längerer Zeit Transfergerüchte um Oyarzabal. Besonders Athletic Bilbao wird ein großes Interesse nachgesagt, immerhin sind baskische Spieler rar und die selbst auferlegte Transferlimitierung schränkt den Markt sehr ein. Daher ist der baskische Erstligist auch bereit, horrende Summen zu bezahlen, sofern der Spieler wechseln möchte. Davon ist aktuell aber nicht auszugehen. Nicht nur die bereits angesprochene Vertragsverlängerung, sondern auch die sportliche Situation bei Real Sociedad spricht für einen Verbleib. Als Tabellenfünfter schielt man auf die internationalen Plätze und schickt sich an, dort wieder für Aufsehen zu sorgen. Schließlich winkt sogar das Erreichen der Champions League zum ersten Mal seit drei Jahren.

Gegen die großen Mannschaften kassierte man zuletzt zwar immer noch teils deutliche Pleiten (ein 0:4 gegen den FC Sevilla), aber ein krönendes Ende der Saison scheint nicht unmöglich. Dies ist auch Oyarzabal zu verdanken, der gerade in dieser Phase der Saison unersetzbar ist für San Sebastian. Auch dank seiner Fähigkeiten sind die Basken ein mehr als heißer Tipp für die zweite Saisonhälfte in Spanien. Denn wenn seine Entwicklung in gleichem Maße voranschreitet wie bisher, dann wird unser „Bigfoot“ nicht nur auf großem Fuß leben können, sondern ganz gewiss auch seine Fußspuren in Europa hinterlassen. Schuhgröße 47 ist nämlich kaum zu übersehen, genau wie unser Talent des Jahres in Spanien.

Hier nochmal ein paar Eindrücke auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=mVKF2O3fiSY

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