Runde zwei: Die Bühne betritt die Serie A. Eine Liga, die einst international ganz vorne mitspielte, in den letzten Jahren aber viel an Schlagkraft verlor. Gewaltbereite Ultras, Fanschwund, marode Finanzlage, sportlicher Rückgang. Teams wie Milan und Inter, die in der Vergangenheit international gefürchtet waren, verkommen in der eigenen Liga zu Mittelfeldteams. Doch man ist bemüht, sich wieder zu etablieren, investiert und lässt investieren. Eine Galionsfigur des italienischen Aufschwungs: Gianluigi Donnarumma, zugleich unser Talent of the year Serie A.

Schon kein Talent mehr?

,,Lukas, wer für die Serie A? Kessié oder Diawara?“ Die Frage, die von TK-Redakteur Julian gestellt wurde, war nicht leicht zu beantworten. Zwei für ihr junges Alter verblüffend souverän und bestimmt auftretende Spieler, beides zudem sehr interessante Fußballertypen. Die Antwort also erst einen Tag danach: ,,Donnarumma!“ Und genau diese kleine Geschichte zeigt, wie unangefochten Gianluigi Donnarummas Titel ist. Der Torwart des AC Mailand hat sich bereits so etabliert, dass er einem bei Gedanken an Talente und Newcomer erst einmal gar nicht in den Kopf kommt. Und das, obwohl er mit 16 Jahren in der Serie A debütierte und sich auf selbstverständliche Art und Weise als Stammtorhüter etablierte, mit 17 bereits in der A-Nationalmannschaft auflief und sich zum jüngsten Debütanten seit 105 Jahren (damals: Renzo de Vecchi unter Umberto Meazza) machte. ,,Der Außerwählte“ wird er von italienischen Medien genannt, Italiens Nationaltrainer Giampiero Ventura sagt: ,,Er könnte Buffons Erbe antreten“. Erwähnter Gigi Buffon, der als Torhüter, aber auch als Sportsmann auf dem besten Weg zum Legendenstatus ist, ist übrigens Donnarummas Vorbild.

Als ,,Talent“ wird ein Spieler bezeichnet, der die nötige Gabe hat, um sich einmal als Profi zu etablieren. Donnarumma ist mit sagenhaften 17 Jahren schon so sehr etabliert, dass er als ,,Talent“ kaum mehr auffällt. Sein Titelgewinn ist unumstößlich, auch, weil eben dieses ,,kaum“ erwähnt werden muss: Mit 17 Jahren ist Donnarumma noch nicht am Ende seiner Entwicklung angelangt, es kann wie immer im Fußball viel passieren – dieser Umstand lässt ihn noch Talent sein und noch nicht gemachter Spieler.

Als Typ bereits Profi

Was für ein Torwart ist dieser Gianluigi Donnarumma? An Stammtischen und in Fanforen hört man: Großes Talent, hat das ,,Torwart-Gen“, aber es fehlt ihm eben noch an Sicherheit und Erfahrung, ist ja erst 17. Genau das ist nicht der Fall: Diego Lopéz, der seinen Stammplatz im Mailänder Tor an den Jungspund verloren hat, sagt, Donnarumma wirke ,,zehn Jahre älter.“ Christian Brocchi, Ex-Profi und aktuell Trainer in Brescia (13. in der Serie B), hat den bei Neapel geborenen Keeper als Trainer in der Jugend von Milan sehr gefördert. Auch er beschreibt ihn als ,,höflich“, ,,ernsthaft“ und als einen ,,Jungen, der keine Angst kennt.“. Schnell lässt sich also auf Donnarummas Erfolgsgeheimnis schließen. Der Torwart tritt ohne die Merkmale in Erscheinung, die einen jungen Spieler kennzeichnen. Der 17-Jährige entwickelte sich körperlich schnell, ist fast zwei Meter groß und war viel früher erwachsen als seine Altersgenossen. Diese Basis veredelt er mit psychischer Reife: Donnarumma agiert unerschrocken, Attribute wie die von Brocchi erwähnte Höflich- und Ernsthaftigkeit imponieren jedem Trainer und Experten. Dieses Gerüst, das ihn enorm von Mitspielern und Konkurrenten abhob und -hebt, hilft Donnarumma natürlich auch auf dem Platz weiter: Wer selbstbewusst ist, Autorität ausstrahlt und somit Achtung und Vertrauen verspürt, spielt besser. Und dass Sicherheit und Ausstrahlung als Torwart sehr wichtige Komponenten sind, liegt auf der Hand.

Wir halten fest: Gianluigi Donnarumma ist ein cleverer Spieler. Er weiß, was ihn von anderen jungen Spielern abheben kann und ihm den Weg zum Profi ebnet: Man sollte sich einfach selbst schon wie ein Profi verhalten. Kein Wunder, dass sein Vorbild der charismatische Buffon ist. Dass Donnarummas neun Jahre älterer Bruder Antonio auch Profitorwart ist (war vor vier Jahren noch bei Milan, aktuell Tripolis), ist dem sehr zuträglich gewesen. Gianluigi Donnarumma verkauft sich gut – aber ist er es auch?

Ja, aber nicht herausragend. Die oben erläuterte Sicherheit und Ausstrahlung ebnen ihm den Weg zu einer passablen Strafraumbeherrschung. In der Jugend (Calcio Club Napoli, Milan) spielte er zudem des Öfteren als Feldspieler – daher ist er auch ein annehmbarer Fußballer, seine Körpergröße erschwert ihm das aber logischerweise ein wenig. Diese hilft ihm dann auf der Linie weiter, auffallend auch: Seine guten Reflexe, Donnarumma wartet sehr lange ab, bis er eine Bewegung ausführt, er spekuliert nicht, sondern reagiert.
Mehr ist es aber auch nicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Der Mailänder hat viel Luft nach oben bei der Fangsicherheit, sehr viele Bälle, die halbhoch bis hoch aufs Tor kommen, lässt er zur Seite abklatschen oder lenkt sie unnötig spektakulär über das Tor, was zu seinem Wesen passt, dass auf perfektionierter Selbstdarstellung beruht. Hier muss er sich unbedingt steigern, um auf Dauer standhalten zu können.

Weiterentwicklung erforderlich

Wo geht es noch hin mit Donnarumma? Anfangs wurde geschrieben, dass er sich schon fast als Profi etabliert hat. Das stimmt auch, bloß sportlich muss er bald noch den nächsten Schritt machen, um auch zukünftig als Außerwählter gelten zu können. Weil der 17-Jährige schon jetzt so viel erreicht hat, vergisst man das fast. Man kann ihm nur wünschen, dass er die richtigen Trainer zur Seite hat und dass er vernünftige Entscheidungen trifft. Wie immer hört man vom Interesse diverser europäischer Topclubs – dass Donnarumma dem Wechsel psychisch standhalten würde, steht außer Frage. Aber ob er sich bei einem anderen Klub auch sportlich optimal weiterentwickeln würde? Zweifelhaft.
Gianluigi Donnarumma bringt Attribute mit, die zum Erfolg als Torwart unabdingbar sind, sein junges Alter hebt ihn ab und berechtigt seinen Titel zum Talent of the year. Die nächsten Spielzeiten werden zeigen, ob der junge Torwart nicht nur als Typ, sondern auch als Fußballtorwart professionell genug ist, um an der Spitze zu spielen.

 

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