Wenn es für Fußballfans so etwas wie einen Everybody’s Darling im deutschen Profifußball gibt, dann ist dies wohl der SC Freiburg. Ein Verein, so niedlich wie das Auenland, mit einem Trainer, den man alleine schon deshalb mögen muss, weil er so lustig spricht. Hier werden Gästefans nicht mit Fäkalien beworfen oder bereits bei der Anfahrt windelweich geprügelt. Das Maximum an Aggression, welches man hier als Anhänger des gegnerischen Teams auf dem Weg zum Stadion erfährt, ist das grimmige Gemurmel eines Rentners mit Regenschirm, das man sowieso nicht versteht – weil auch dieser so lustig spricht. Passend dazu fühlt man sich nach einem Auswärtssieg gelegentlich richtig schlecht. Es überkommt einem das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen. So, als hätte man auf der Integrationsfahrt in der zehnten Klasse dem zugeteilten Patenkind beim Mittagessen gerade den Pudding geklaut.

Einen nicht unerheblichen Anteil an der Wahrnehmung der Freiburger als sympathischer Underdog trägt die Einkaufspolitik des Sportclubs. Hier werden keine Millionengehälter mit windigen Beratern ausgehandelt, die nebenberuflich Gebrauchtwagen verkaufen. Stattdessen wird eine der erfolgreichsten und durchlässigsten Jugendabteilungen Europas mit einem äußerst sorgfältigen, externen Scouting ergänzt. Ein zentrales Kriterium nehmen für die Verantwortlichen des SC Freiburg um Coach Christian Streich dabei die charakterlichen Eigenschaften eines Spielers ein. Oder, wie es Sport-Vorstand Jochen Saier formuliert, ob bei einem Spieler „die Lampen leuchten“ er also nicht nur über die sportliche, sondern auch die intellektuelle Fähigkeit verfügt, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln und in Phasen der Stagnation zu reflektieren. Mit dieser Herangehensweise stoßen die Freiburger in eine Lücke, welche ihnen Handlungsmöglichkeiten fernab des millionenschweren Transfergeschehens eröffnet. Zugleich ist dies die Basis dafür, dass ein Verein mit geringem Budget und begrenzter Infrastruktur es geschafft hat, dreizehn der letzten zwanzig Saisons in der Beletage des deutschen Fußballs zu verbringen.

Schnappatmung bei Söyüncü

Verhältnismäßig tief in die Schatulle griffen die Freiburger vergangenen Sommer bei der Verpflichtung Caglar Söyüncüs vom türkischen Erstligisten Altinordu. Angesichts der Ablösesumme in Höhe von 2,5 Millionen Euro dürfte bei Präsident Fritz Keller bereits die Schnappatmung eingesetzt haben. Doch das türkische Toptalente zeigte gleich zu Saisonbeginn, weshalb man von Freiburger Seite aus bereit war, dieses finanzielle Wagnis einzugehen: Gegen Berlin und vor allem Mönchengladbach präsentierte sich der Zwanzigjährige extrem zweikampfstark und passsicher, dazu dominant und durchsetzungsstark in der Luft. Eine gute Technik paarte er dabei mit einer hohen Aggressivität und einer hervorragenden Spielpräsenz. Insbesondere seine Balleroberungen wirkten oft derart spektakulär, dass sie für ein beeindrucktes Raunen auf den Zuschauerrängen sorgten und man sich fragen musste, weshalb die Konkurrenten aus Sevilla und Leverkusen zuvor nicht bereit waren, die Freiburger durch einen Lastwagen voll Geld im Buhlen um den türkischen Jungnationalspieler auszustechen. Die Antwort darauf bekam man bereits eine Woche später, als Söyüncü im Spiel gegen Köln zuerst mit einem stümperhaften Ballverlust die Niederlage einleitete und sich anschließend beim 0-2 gegen Modeste wie ein leckeres Baklava vernaschen ließ. Nach einer Schonzeit gegen den HSV lieferte Söyüncü anschließend gegen Dortmund und Frankfurt wieder herausragende Zweikampfwerte ab – seine Konzentrationsschwächen und Aussetzer im Spielaufbau ziehen sich jedoch wie ein roter Faden durch die komplette Saison. Die Niederlagen in Hoffenheim und Mainz, sowie zuletzt gegen Dortmund, gehen zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auf das Konto des zweimaligen Nationalspielers. Eine zunehmende Konstanz muss daher zwingend der nächste Entwicklungsschritt für Söyüncü sein – auch in Hinblick auf den Gesundheitszustand von Präsident Keller.

Als weit weniger spektakulär, dafür allerdings deutlich konstanter entpuppte sich die Spielweise des sechs Jahre älteren Manuel Gulde, den man für knapp über einer Million Euro vom KSC loseiste und der in vierzehn Ligaspielen vornehmlich neben Söyüncü in der Viererkette oder als äußerer Verteidiger in einer Dreierkette agierte. Im Zentrum offenbart Gulde zwar eine derartige Kopfballschwäche, dass Horst Hrubesch vor Wut seinen Schlafzimmerschrank kaputt köpfen würde, dennoch war der 26 jährige seit Mitte der Hinrunde gesetzt und verlieh mit seiner unauffälligen Spielweise dem Freiburger Defensivverbund eine zusätzliche Portion Stabilität. Die Erfahrung von über 100 Spielen im deutschen Profifußball merkt man Gulde dabei an: er agiert auf dem Platz umsichtig, aufmerksam und mit einem klugen Stellungsspiel. Trotz nachweislicher Schwächen in der Spieleröffnung konnte er sich so binnen kürzester Zeit in das System von Christian Streich integrieren. Lediglich im Duell mit Bayern München fand Gulde zu keinem Zeitpunkt wirklich ins Spiel und konnte in der Nachspielzeit auch Lewandowskis Traumtor nicht verhindern – doch wer außer Hans Sarpei hätte dies schon geschafft?

Verlierer auf der Außenbahn

Sind Söyüncü und Gulde mittlerweile zu zentralen Figuren des Freiburger Spiels gereift, konnten zwei andere Neuverpflichtungen den Erwartungen der Fans – und wohl auch ihren eigenen – bislang noch nicht gerecht werden. Dabei teilen Aleksandar Ignjovski (Rechtsverteidiger, von Eintracht Frankfurt gekommen) und Onur Bulut (rechter Mittelfeld, VfL Bochum) ein ähnliches Schicksal: Beide spielten bei ihren Auftritten nie wirklich schlecht, leisteten sich keine größeren Schnitzer und wahrten die defensive Disziplin. Allerdings mangelte es beiden auch größtenteils an der Durchschlagskraft in der Vorwärtsbewegung, offensive Impulse konnte bislang kaum einer von ihnen verzeichnen. Enttäuschend vor allem für den 22-jährigen Bulut, der nach einem starken Zweitligajahr in Bochum und ordentlichem Start in Freiburg seit Mitte der Hinrunde nahezu komplett außen vor ist. Auf der rechten Seite nehmen inzwischen Pascal Stenzel oder Maximilian Philipp seine Position ein. Besonders bitter: Selbst im Zuge personeller Engpässe zog Christian Streich zuletzt Zentrumsspieler wie Mike Frantz oder Janik Haberer dem gelernten Außenbahnspieler Bulut auf der rechten Seite vor. So muss der durchaus talentierte Rechtsfuß mittlerweile von der Bank aus mitansehen, wie er ohne größeres Verschulden zum Opfer des Leistungshochs der Freiburger Mannschaft geworden ist. Dass er sogar eine Auswechslung nach 24 Minuten wie gegen Dortmund ohne entsprechende Unmutsbekundungen hinnimmt, spricht wiederum für die angesprochenen, charakterlichen Qualitäten des Neueinkaufs.

Es müllert im Schwarzwald

Eine gegenteilige Entwicklung nahm der deutsche U21-Nationalspieler Janik Haberer, der in Hoffenheim wenig Chancen auf Einsatzzeiten sah und so den Absprung in den Breisgau wagte. Einem holprigen Start zu Saisonbeginn folgte die Rolle als Teilzeitkraft, welche man vertrauensvoll mit der Durchführung von Auswechslungen in der Nachspielzeit beauftragte. Erst am dreizehnten Spieltag folgte Harberes zweites Spiel von Beginn an – und sogleich eine Leistungsexplosion. Seinem ersten Bundesligator gegen die Werkself ließ er in den folgenden Wochen zwei weitere Tore folgen und offenbarte dabei jene Attribute, die er bereits in der zweiten Liga angedeutet hatte: griffig in seinen Aktionen, dabei technisch stark und jederzeit in der Lage, die entscheidenden Pässe in die Schnittstelle der gegnerischen Abwehr zu spielen. Immer wieder weist er das höchste Laufpensum aller Spieler auf, bewegt sich dabei klug zwischen den gegnerische Verteidigungslinien und reißt gezielt Lücken für seine Mitspieler. Es ist dieses instinktive Gefühl für das Bewegen im Raum, weshalb seine Spielweise hin und wieder Assoziationen an Thomas Müller hervorruft. Und auch wenn dieser Vergleich (noch) etwas zu hoch gegriffen sein mag, wird man in Hoffenheim die Entwicklung des 22jährigen mehr und mehr unter einem nervösen Klicken des Kugelschreibers verfolgen.

Nächster Entwicklungshalt: Europa

Dass in Sachen Transfers auch beim SC Freiburg nicht alles rund läuft, belegen die Entwicklungen von Georg Niedermeier (ablösefrei aus Stuttgart gekommen) und Jonas Meffert (Bayer Leverkusen, knapp über eine Million EuroAblöse). Für beide wäre in der Hinrunde bereits der Begriff „Ergänzungsspieler“ zu hoch gegriffen, weshalb letzterer inzwischen an den KSC verliehen wurde. Auch die Verpflichtung von Rafal Gikiwicz von Eintracht Braunschweig mag auf den ersten Blick irritieren. Eine Million Euro Ablöse für einen Ersatztorwart berappt man in Freiburg schließlich nicht aus der Portokasse. Die Entwicklung von Stammtorhüter Alexander Schwolo bestätigt allerdings die These der charakterlichen Stabilität des gesamten Teams: Die zu Saisonbeginn geschaffene Konkurrenzsituation auf der Torhüterposition führte keineswegs zu Missgunst oder einer Verunsicherung der bisherigen Nummer Eins. Vielmehr brachte sie einen zusätzlichen Leistungsschub Schwolos mit sich, der seit Rundenbeginn deutlich konstanter agiert als noch zu Zweitligazeiten. Wie auch manch anderer Spieler, der in Freiburg noch am Beginn seiner Profikarriere steht. Es erscheint zwar unwahrscheinlich, dass dieses Team auch in den kommenden Jahren in dieser Konstellation zusammen spielen wird. Doch zumindest in dieser Saison ist von den Schwarzwald-Buben noch der eine oder andere Entwicklungsschritt zu erwarten – an dessen Ende nach unserer Prognose sogar die Europa League stehen wird. Spätestens dann benötigt Präsident Keller allerdings ein Sauerstoffzelt im Stadion.

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