Wir schreiben Juli 2015: Eigentlich möchte Frankfurt kurz vor der kommenden Saison noch einen kombinationsstarken Rechtsaußen verpflichten, der sich auch bereits zum Medizincheck in der Mainmetropole befindet. Vergleichen wir diese Situation mit der jetzigen Arbeitsethik in unserer Redaktion bei TK, wäre bereits höchste Alarmstimmung: die Kurzkritik zum Spieler befände sich bereits als Entwurf im E-Mail Ordner, der entsprechende Redakteur hätte sich bereits an die Recherche zur Transferkritik begeben. Dabei birgt unser eifriges Treiben immer auch das Risiko, dass ein Wechsel in letzter Minute scheitert und die Mühe vergebens war. So ähnlich wird es im Juli des besagten Jahres auch etlichen anderen Sportjournalisten ergangen sein, als der Wechsel des Spielers zu Frankfurt auf der Zielgeraden an erhöhten Nierenwerten scheiterte. Wer von euch erinnert sich? Die Rede ist natürlich von Sidney Sam, auf das Abstellgleis der Schalker Kohletrasse geraten – damals bereit für einen Neuanfang, doch jeh durch seinen Gesundheitszustand zurückgeworfen. Für uns hatte das Wechselspiel in dieser Periode ein glückliches Ende und es ist uns eine Freude, den Wechsel Sams zu Darmstadt für euch nun genauer unter die Lupe zu nehmen.

Vom Rabauken zum Knappen – doch nie ein Ritter?

Obwohl Sam den meisten Fußballkennern als Hamburger Jung und Leverkusener Manne im Hinterkopf geblieben sein dürfte, beginnt seine Geschichte anderswo im hohen Norden: geboren in Kiel beginnt Sam seine Jugendlaufbahn beim beschaulichen TuS Mettenhof. Über den FC Kilia Kiel und das lokale Aushängeschild Holstein landet er schließlich bei dem sich damals noch in besserer Verfassung befindlichen Hamburger Sportverein, gilt jeher als mit einem großen Talent gesegneter Kicker. Nachdem er die U19 und U23 beim HSV durchlaufen hatte, unterschrieb Sam zur Saison 2007/2008 schließlich seinen ersten Profivertrag in Hamburg. Es folgt die Ernüchterung in seiner ersten Profisaison unter Trainer Huub Stevens: nur vier Profieinsätze mit insgesamt 51 Minuten Spielzeit sollen am Ende der Spielzeit in seiner Vita stehen. Sam präsentiert sich jedoch als feste Größe in der U23 unter Trainer Karten Bäron. Damals schon an seiner Seite: Änis Ben-Hatira – die quirlige Flügelzange der beiden Hinterhof Fußballer soll ja bekanntlich auch nun wieder bei den Lilien wirbeln. Durch seine Leistungen weckt Sam das Interesse kleinerer Vereine wie des 1.FC Kaiserslautern – Sam schließt sich im Sommer 2008 für zwei Jahre den (noch) von Milan Sasic gecoachten Roten Teufeln an; in einer von Rückschlägen und Trainerwechseln gebeutelten Mannschaft, entwickelt sich Sam kontinuierlich unter allen drei Trainern (namentlich Sasic, Schwartz und Kurz) weiter. Der schnelle Flügelspieler bringt es nach Ende des zweijährigen Gastauftrittes in Kaiserslautern auf 29 Torbeteiligungen in 61 Zweitligaspielen.

Der HSV und Sam scheinen nicht übereinzukommen und Leverkusen greift zu: Sam erweist sich im Sommer 2010 als ein echtes Schnäppchen für die Werkself und schlägt in der Folgezeit richtig ein. Er steigt zum unangefochtenen Stammspieler auf, wirkt in seinen Aktionen reifer und zielstrebiger. Die Folge: Sam steigert seinen Marktwert auf ein Allzeithoch von 10 Millionen Euro, wird 2013 A-Nationalspieler in Kurzzeit unter Joachim Löw. Der Flügelspieler hat sich gemustert und wechselt – auch aufgrund von vertraglichen Ungereimtheiten – im Sommer 2014 ins Ruhrgebiet. Auf Schalke fällt Sam jedoch sportlich zurück; Muskelverletzungen und eine Sehnenreizung lassen ihn immer weiter ins Hintertreffen geraten. Auch die Konkurrenz schläft nicht: Spieler wie Jefferson Farfan und Eric-Maxim Choupo-Moting haben auf den Außenpositionen die Nase vorn. Der Wechsel zu Schalke dürfte retrospektiv wohl ein unglücklicher Karriereschritt Sams gewesen sein: Hatte er zwar den Sprung zum Knappen geschafft, ist ihm der Schlag zum Ritter bisher verwehrt geblieben. Nun wagt er einen Neuanfang in Darmstadt.

Still Sammy from the Block? Generation Hinterhof

Obwohl die meisten mit den fußballerischen Qualitäten von Sidney Sam vertraut sein dürften, sei an dieser Stelle eine Ausführung erlaubt. Sam gehört zur von mir überspitzt bezeichneten „Generation Hinterhof“ um Spieler wie Ben-Hatira, Kevin-Prince Boateng, Patrick Ebert und Änis Ben-Hatira, die vor allem durch ihre schnörkellose, bei Sam und Ben-Hatira doch verspielte Art des Umgangs mit dem Ball auffallen. Schnörkellos, weil sie durch eine große Zielstrebigkeit in ihren Aktionen auffallen; verspielt, weil insbesondere Sam und Ben-Hatira mit Trickreichtum und technischer Beschlagenheit auf engstem Raum auffallen, die an jüngere Ausgaben der beliebten FIFA Street Reihe erinnern. Sam ist dabei ein geborener Außenspieler, der – ähnlich wie sein Nachfolger Karim Bellarabi in Leverkusen – durch eine hohe Grundschnelligkeit und einen explosiven Antritt verfügt. In seinem Spiel sucht er gerne das 1-gegen-1, das Duell Mann gegen Mann, welches so viele Szenen im Straßenfußball auszeichnet. Er bringt die gegnerischen Abwehrreihen durch seine Dribblings in Bedrängnis, bei denen er oft zunächst vertikal bis ins letzte Drittel vorstößt, um dann nach innen zu ziehen und einen Mitspieler zu bedienen. Sam ist ebenfalls mit einer guten Schusstechnik ausgestattet, welches ihm selbst aussichtsreiche Positionen zum Abschluss ermöglicht.

Kommen wir zum kritischen Teil, der doch schwer wiegt: Sam ist seit geraumer Zeit nicht in der Lage gewesen, dieses Potenzial auf den Rasen zu bringen. Dies liegt zum einen an seinen Verletzungen und der geringen Spielzeit auf Schalke, zum anderen daran, dass er in den Situationen, in denen er seine Chance bekommen hat, nicht entscheidend Leistung gezeigt hat. Ein Sam in Bestform ist als Außenspieler relativ komplett – man könnte an dieser Stelle wie eigentlich fast immer bei einem Spieler seiner Statur der nicht Xherdan Shaqiri heißt, das Probleme fehlender Physis anbringen, doch Sam ist mit einem geringen Schwerpunkt gesegnet, der seinen Dribblings die entscheidende Durchschlagskraft verleiht. Eine Entwicklung, die im zeitgenössischen Fußball unabdinglich ist, muss er jedoch verbessern: Seine defensive Verbundsleistung im kampfbetonten und laufintensiven Darmstädter Spiel muss er ausbauen. Doch auch hierfür bringt Sam alle Voraussetzungen mit – er muss nur endlich beweisen, dass er immer noch Sammy from the Block ist.

Sam und Darmstadt: Was nicht passt, wird passend gemacht

Wäre diese Transferkritik noch unter dem Duo Meier/Fach verfasst, wäre den Wechsel Sams noch kritischer gesehen worden. Die Transferpolitik Darmstadts ließ im Sommer bis auf das scheinbare Motto „günstig, nehmen wir!“ wenig Plan erkennen und auch der Transfer Sams hätte sich ihn eine ähnliche Kategorie einordnen lassen können. Darmstadt kann nun unter Neutrainer, Motivator und selbst bezeichnetem Kumpeltyp Frings eine neue Wende erleben – gleiches gilt für Sam, der bestrebt nach seiner Form und einem Neuanfang in diesem Leihwechsel sucht. Hauptkonkurrent auf seiner Position wird Marcel Heller sein, Publikumsliebling im ländlichen Darmstadt. Ein Sam in Topform sollte jedoch in der Lage sein, sich an Heller vorbeizuspielen. Zudem könnte Sam mit Jugendfreund Ben-Hatira wie bereits angesprochen erneut ein gefährliches Duo bilden. Alles in allem überwiegt der Konjunktiv: beide Spieler sind in die Jahre gekommen, scheinen ihren Zenit überschritten zu haben. Genau dort kommt Darmstadt ins Spiel. Das Beispiel Sandro Wagner zeigt, dass man Spieler nicht allzu schnell abschreiben sollte und dass sie, wenn sie hart an sich arbeiten, in Darmstadt den nächsten Schritt gehen können. Es ist nun an Sam zu beweisen, dass er vielleicht doch noch zum Ritter empor steigen kann.

 

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