Wir schreiben die 86. Spielminute. Auf dem Feld spielt der 1. FC Köln gegen den FC Ingolstadt. Am Spielfeldrand steht er: Bisschen größer als 1,80 Meter, kurze, braune Haare und bunte Schuhe. Der vierte Offizielle hebt die elektronische Tafel. Die Zahl „6“ leuchtet rot auf, die Zahl „20“ grün. Gemeint ist: Salih Özcan wird für Marco Höger eingewechselt. Es steht 2:0. Özcan ist sofort im Geschehen, gewinnt im Mittelfeld den Ball, er schüttelt zwei Gegenspieler ab, aber kommt ins Straucheln. Die Nummer 20 bleibt dennoch auf den Beinen, läuft weiter. Fast an der Grundlinie angekommen kommt eine starke flache Flanke. Anthony Modeste verpasst knapp sein drittes Tor am Tag. Weiter geht’s, Mund abputzen. Die Partie wird immer hitziger, die ganze Zeit hatte man das Gefühl, Ingolstadt könnte jetzt ein Tor schießen. Da war es nun passiert: Matthias Lehmann foult Dario Lezcano im Strafraum, Lukas Hinterseer lässt es sich nicht nehmen, schiebt ein. 2:1. Ingolstadt hatte noch einiges an Zeit, bestimmt drei oder vier Minuten. So mancher 18-Jähriger könnte wacklige Knie bekommen, wird unkonzentriert oder lässt sich von den Emotionen leiten. Özcan nicht. Özcan spielt geduldig weiter, gewinnt wichtige Bälle im eigenen ersten Drittel, kommt immer wieder entscheidend dran. Der Schiri pfeift die Partie ab, Köln ist Tabellenzweiter, erster Bayern-Jäger. Und mittendrin: Salih Özcan.

Doch wer ist der Junge mit den bunten Schuhen überhaupt?

Salih Özcan ist ein „Kölsche Jung“, wie man in der Domstadt zu sagen pflegt. In Köln geboren, nie außerhalb Kölns gespielt. Zuerst SC West, ab seinem neunten Lebensjahr dann beim großen FC. Und Salih Özcan überzeugt: Er durchläuft jede Jugendmannschaft, spielt bereits mit 17 in der U 21 und hat großen Anteil an dem Klassenverbleib der Reservemannschaft. Im Sommer 2016 folgt ein erster Schritt in die richtige Richtung: Özcan absolvierte bereits einige Trainingseinheiten mit den Profis, wurde für die Vorbereitung komplett in die erste Mannschaft aufgenommen, fuhr ins Trainingslager mit und konnte beeindrucken. Deswegen steht er auch da, wo er jetzt ist: Mit einem Profivertrag bis 2020, meistens zwar noch auf der Bank, jedoch mit guter Praxis in der höchsten deutschen Spielklasse. Er hat den Sprung geschafft.

Was macht den Jungen aus?

Mit 18 Jahren und erst drei Kurzeinsätzen konnte Salih Özcan in der Bundesliga natürlich noch keinen großen Fußabdruck hinterlassen. Trotzdem sind seine Kurzeinsätze und sein Profivertrag kein Zufall. Gerade seine knappe halbe Stunde gegen Rekordmeister Bayern München war mehr als bemerkenswert. Kurz nach seiner Einwechslung gelingt den Kölnern durch Modeste der 1:1-Ausgleich. Die denkbar hitzige Schlussphase überstand der Neuling gut, er konnte in seinem zweiten Bundesligaeinsatz Ruhe ins Spiel bringen, ihm unterliefen kaum Fehler und seine Pässe kamen an. Nachdem er auf Schalke nicht nur sein Debüt, sondern auch seinen ersten Assist feierte, kann sich so ein Start in die Profikarriere sehen lassen. Ins Kölner System passt er gut, da er alle Positionen im Zentrum besetzen kann. Da es keinen Zehner gibt – Özcans eigentliche Position – weicht er auf die defensive Position aus und gab dort meistens den kreativen Sechser. Die Aufgabe erfüllte er bislang sehr gut. Mit starken Pässen kurbelte er das Offensivspiel noch mal an. Sein Defensivverhalten ist ebenfalls fast makellos, trotz eher schmaler Statur kann sich der 1,82 Meter große Mittelfeldmann auch gegen gegnerische Verteidiger gut durchsetzen und hat mit seinem Tempo einen weiteren Vorteil. Gerade in der Vorbereitung unterliefen ihm allerdings einige kleine Flüchtigkeitsfehler. In den Pässen waren immer mal wieder einige Schnitzer dabei, aber es scheint, als hätte er diese Unkonzentriertheit in der Bundesliga abgelegt. Vor allem seine Technik macht ihn aus: Es macht immer Spaß, ihm zuzuschauen, er lässt alles – Ballan- und mitnahme, Dribblings und Pässe – leicht aussehen. Diese Leichtfüßigkeit erinnert gar ein wenig an Bayerns Superstar und Ballkünstler Thiago, der eine ähnliche Rolle auszufüllen hat.

The next big thing?

Ob Salih Özcan nun wirklich der nächste Thiago wird, kann nur die Zeit beantworten. Jedenfalls ist man in Köln von ihm überzeugt, das zeigt der langfristige Vertrag und die dazugehörigen Lobeshymnen seitens der Verantwortlichen. So sagt Peter Stöger: „Er ist ein großes Talent mit erstklassigen Voraussetzungen. Wir schätzen seinen Ehrgeiz und Willen, wir mögen seine Einstellung und seinen Fleiß.“

All diese Attribute machen ein Talent mit der Zeit zu einem wirklich guten Spieler – eigentlich. Dass es nicht nur heiße Luft ist, was Peter Stöger über sein Juwel sagt, wurde bereits in Ansätzen bewiesen. Die Aktion kurz nach seiner Einwechslung gegen den FC Ingolstadt als Sinnbild für seinen Willen, seine Körpersprache als es knapp wurde für seine Einstellung. Trotzdem weiß man beim 1. FC Köln ganz genau, was man mit ihm vorhat. Er soll behutsam herangeführt werden – ans Team und ans Erstliganiveau. Die Entwicklung konnte man als Außenstehender bislang ganz genau beobachten, es wird wohl nicht der letzte Einsatz des U 19-Nationalspielers in der Spielzeit gewesen sein. Somit sollte klar sein: Salih Özcan hat ein riesen Potential, tolle spielerische Anlagen und eine beeindruckende Körpersprache und Einstellung. Gemeinsam mit Peter Stöger und der Mannschaft wird er seinen Weg gehen und sich weiterentwickeln. Köln weiß, was sie an Özcan haben und Özcan weiß, was er an Köln hat. Und man weiß, dass Özcans Durchbruch nicht jetzt und nicht dieses Jahr kommen muss. Er ist jung, er hat Zeit und ein ruhiges Umfeld. Also alles was ein Talent braucht. Deswegen kann man vom Jungen mit den bunten Schuhen in den kommenden Jahren einiges erwarten.

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