Wäre der Fußball ein Finanzmarkt, dann wäre der Transfermarkt wohl die Börse. Der VfB Stuttgart hat vor ein paar Tagen entschieden sein Geld in einen Torwart anzulegen. Broker für den Deal war ein gewisser Jan Schindelmeiser und der ist nicht gerade als risikofreudiger Händler bekannt. Doch seinen Wert konnte Zieler in der letzten Saison nur selten unter Beweis stellen. Ist der Zieler-Transfer also wirklich eine sichere Bank oder doch eher ein riskantes Derivat, das sich Schindelmeiser hat andrehen lassen?

Ein starker Basiswert

Um den Wert eines Derivats zu bestimmen, benötigt man zuerst einen Basiswert. Schauen wir also mal auf die Ursprünge der Karriere von Ron-Robert Zieler. Vor 28 Jahren wurde Zieler in Köln geboren und begann dort auch seine Karriere bei Viktoria, ehe es ihn zu den Geißböcken verschlug. Mit nur 16 Jahren wechselte er für eine Ablöse von 100.000 Euro auf die Insel und trug fortan das Trikot von Manchester United. Ohne einen einzigen Premier League-Einsatz ging er dann jedoch zurück nach Deutschland und zwar ablösefrei. Hannover 96 war der dankbare Abnehmer und wurde der Verein, bei dem Zielers Karriere Fahrt aufnahm. Heute kann er auf 185 Bundesligaspiele, den Gewinn der Weltmeisterschaft und einen Wechsel zum Englischen Meister zurückblicken. Grund genug, um sich anzusehen, welche Fähigkeiten hinter seiner erfolgreichen Karriere stecken.

Solide wie der Goldpreis

Eine Sache ist wohl sicher, würde Ron-Robert Zieler selbst auf dem Finanzmarkt tätig werden, würde das Geld wohl auf dem Sparbuch oder maximal in einer Goldanlage landen. Zieler ist kein Mann des unnötigen Risikos oder des großen Spektakels, aber genau das macht ihn aus. Zielorientiert, konstant und sachlich. Das sind wahrscheinlich die Adjektive, die sein Spiel am besten zusammenfassen. Durch sein vorausschauendes Spiel und seine gute Antizipation vermeidet er oft Flugeinlagen. Meist steht er einfach richtig und kann den Ball so deutlich leichter abwehren. Wie effizient das wirklich ist, sieht man unter anderem an der Zahl der Paraden. In seiner letzten Bundesliga-Saison 2015/16 lag er mit 4,35 Paraden pro Spiel nur hinter Oliver Baumann. Schon in seiner ersten kompletten Saison als Stammtorhüter 2011/12 gehörte er zu den drei besten Torhütern in Hinblick auf Anzahl der Paraden und Anteil der abgewehrten Schüsse.

Einer der Hauptgründe für das Interesse aus Stuttgart war aber ein anderer. Seine unglaublich sichere Technik und seine Spielintelligenz. Mit Zieler im Tor beginnt der Spielaufbau bereits ganz hinten. Auch unter Druck bleibt er so sicher wie immer. Oft überspielt er bereits die eigene Innenverteidigung und verlagert das Spiel sofort nach außen. Dass der ein oder andere Ball dabei auch das Seitenaus findet, kann man ihm verzeihen. Auch testet er des Öfteren durch angetäuschte Pässe das Pressingverhalten des Gegners aus und entscheidet sich dann für die Variante mit den größten Erfolgsaussichten. Wie gut das funktioniert belegen auch wieder die Zahlen. Über 50% aller Bälle in der Spieleröffnung fanden 2015/16 einen Teamkameraden. Das bedeutete Platz 3 in der Liga und eine nur unwesentlich schlechtere Quote als bei Manuel Neuer.

Doch trotz aller Stärken reichte es letzte Saison nicht, um sich im Duell mit Kasper Schmeichel durchzusetzen. Oft fehlte Zieler bei Leicester das Selbstvertrauen oder die Ausstrahlung seines dänischen Konkurrenten. Als Weltmeister dient er aber eigentlich als Führungsfigur, vor allem in Stuttgart. Dort muss er sich mit Einsätzen sein Selbstbewusstsein wieder zurückerarbeiten. Jedoch hat sein eher risikoarmes Aufbauspiel und Herauslaufverhalten nicht zwingend etwas mit Selbstvertrauen zu tun. Bei einer Mannschaft wie Hannover muss ein Torwart einfach einen anderen Umgang mit Risiko pflegen, als beim FC Bayern oder Barcelona.

AAA-Rating

Alles in allem hat Mitch Langerak einen starken Konkurrenten im Tor bekommen. Zieler ist ein sehr kompletter Torhüter und durch seine Technik und Spielintelligenz auch recht modern in seiner Spielweise. Das ist auch wohl der entscheidende Punkt, in dem er dem Australier voraus ist. Denn auf der Linie ist Langerak keinesfalls schlechter als Zieler, eher im Gegenteil. Doch das Torwartspiel als Ganzes beherrscht der Weltmeister besser. Insgesamt passt der Transfer zu Wolfs Prämisse, keine Stammplatzgarantien mehr zu vergeben. Kristallisiert sich allerdings keine klare Nummer eins heraus, könnte das auch zu Verunsicherungen in der Mannschaft und bei den Torhütern führen. Letztendlich wird Zieler aber wohl mit einem kleinen Vorsprung ins Rennen mit Langerak gehen. Die oberste Priorität für den Bundesligaaufsteiger muss es nämlich sein, unnötige Fehler zu vermeiden. Durch seine Erfahrung, Konstanz und Sicherheit im Spielaufbau scheint Zieler für diese Aufgabe besser geeignet. Bei einem Rating für Schindelmeisers neue Anlage würden die Agenturen bei einem so guten Preis-Leistungs-Risiko-Verhältnis wohl nicht an einem AAA für den Vier-Millionen-Einkauf vorbeikommen.

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