Victor Emanuel II war im 19. Jahrhundert zwölf Jahre König von Sardinien-Piemont. Der Regent wird im zugehörigen Wikipedia-Artikel als durchsetzungsfähig und willensstark beschrieben, der seinen Staat zu einem der fortschrittlichsten Europas machte. Nach ihm wurde sogar eine Bartfrisur benannt: Der Victor-Emanuel-Bart, den 138 Jahre nach dem Ableben des Monarchen der Spanier José Rodriguez in abgespeckter Form zur Schau trägt. Der Fußballspieler wird von Rouven Schröder als ,,Stratege“ beschrieben, der als Regent des Mainzer Mittelfeldes diese zu einer fortschrittlichen Fußballmannschaft machen will. Nosotros Veremos.

Das Kind, das Wenger klauen wollte

José Rodriguez, 1994 in Ostspanien geboren, durchlief in jungen Jahren eine Bilderbuchkarriere. In seinem Geburtsort Villajoyosa an der Costa Blanca, berühmt für das schöne, mit bunten Häusern gespickte Stadtbild, begann er auch das Fußballspielen, ehe er nach fünf Jahren weiter südlich an der Küste zu Hercules Alicante wechselte. Dort durchlief er die Jugendmannschaften bis zur U16, ehe er ins Landesinnere zog und sich dem großen Real Madrid anschloss. Über die U19 kam er ins zweite Team und dann auch in die erste Mannschaft, für die er aber nur eine Partie absolvierte. Vermehrt spielt er in der Segunda Division für die Zweite, unterbrochen von einer Leihe zu Deportivo La Coruna, der ein Transfer zu Galatasaray Istanbul folgte. Nach nur einem Jahr nun der erstmalige Schritt in nördlichere Gefilde, den sich der FSV laut transfermarkt.de 2,15 Millionen Euro kosten lässt. Rodriguez unterschreibt für vier Jahre. Ist der Zentrumsspieler das wert? Einige Geschichten aus der seiner bisherigen Laufbahn könnten die Summe stützen. Parallel zur Vereinskarriere durchlief José alle Jugendnationalmannschaften, derzeit spielt er für die U21, für die er auch schon als Kapitän auflief. Zu seiner Zeit als B-Jugendlicher trat er mit Real zu einem internationalen Jugendturnier in der spanischen Hauptstadt an, das hochdekoriert besetzt war – José gewann das Finale im Elfmeterschießen gegen Barcelona und wurde zum besten Spieler des Turniers gewählt. Ungefähr zur gleichen Zeit wurde eine kuriose Geschichte aus London publik: Arsene Wenger habe, so hieß es von mehreren spanischen Nachrichtenportalen, versucht, den spanischen Nachwuchsspieler in die Premier League zu lotsen. Doch um kein Aufsehen zu erregen und den Transfer realisieren zu können, ließ er keine offizielle Anfrage aufstellen, sondern seinen damaligen spanischen Spieler Cesc Fabregas bei Rodriguez anrufen. (Die englische Version von Marca schrieb damals von Rodriguez als “the kid, that Wenger tried to steal“). Doch die Verantwortlichen von Real bekamen Wind vom hinterlistigen Anruf aus London – und legten Rodriguez geschwind einen Profivertrag vor. Vier Jahre später unterzeichnet Rodriguez einen neuen Profivertrag – bei Mainz 05.

Komplizierte Strategie

Rodriguez ist ein im zentralen Mittelfeld variabel einsetzbarer Spieler. Auf der Sechs, Acht und Zehn kommt er zum Zug, sein unverkennbarer Offensivdrang lässt sich in vertikaler Flexibilität unterschiedlich, jedoch summiert gleich erfolgreich zur Geltung bringen.

Prägend für das Spiel des 21-Jährigen ist der ständige Hang zum Dribbling im zweiten Drittel und die unglaublich Dynamik, die Rodriguez in sein Spiel legt. So sucht er überdurchschnittlich oft das 1vs1 und ist hier aber auch in 86% der Fälle erfolgreich. Prägend für seine Spieleröffnung sind also weniger Schnittstellenbälle, lange Pässe in die Spitze (vordergründig zum Festmachen) oder lange Bälle zum Seitenwechsel, sondern das Mittel zur Spielverlagerung ist eindeutig das Dribbling. Hierbei scheut Rodriguez es nicht, schnell und kräftezehrend in die Halbräume zu stoßen, was deshalb so anstrengend ist, da er hier immer Gegenspieler aus zwei Linien auf sich zieht und wegen des hohen Risikos eines Überzahlspiels, das sich nach einem Ballverlust ergeben würde, sehr viel Aufwand in das Halten des Balls stecken muss. Nicht allzu selten unterlaufen dem Spanier diese Ballverluste nämlich – doch sein kraftvoller Antritt und ein gutes Timing erlauben ihm oft, diese Verluste in der Rückwärtsbewegung wieder ungeschehen zu machen. Außerdem darf nicht vernachlässigt werden, dass Rodriguez sicherlich über eine solide Technik verfügt, die diese Dribblings oft auch gut enden lässt. Was heißt das? Durch die Taktik, mit Ball in Halbräume zu stoßen und – wie erwähnt – Gegner aus zwei Linien auf sich zu ziehen, ergeben sich in der defensiven Grundordnung der verteidigenden Mannschaft zwangsläufig Verschiebungen, die entweder außen, oder im optimalen, aber seltenen Fall im Zentrum Lücken aufreißen. So öffnet sich Rodriguez also Abspieloptionen, die dann für die gegnerische Mannschaft umso schwerer zu verteidigen sind. Hiermit verbunden ist auch sein Verhalten am Ball, wenn er diesen im letzten Drittel als Rückpass von außen bekommt, wie Pässe der Flügelspieler nach abgebrochener Flankmöglichkeit zu den defensiveren Zentrumsspielern ja bei dominanten Mannschaften oft der Fall sind. Dann versucht er nicht etwa den Ball schnell zu verlagern oder den Abschluss zu suchen, in der Hoffnung, die Verteidiger würden langsamer als die eigenen Leute umschalten. Vielmehr zieht er erneut in die Richtung, aus der der Ball kam oder hält den Ball an Ort und Stelle, was ihm vom ein oder anderen Hobbytaktiker wohl einen gehörigen Rüffel einbringen würde – ,,verlagere den Ball doch!“. Aber Rodriguez ist, wie Schröder schon bemerkte, ein Stratege. Dieses scheinbar falsche und unlogische Halten oder negative Verlagern des Balls beschert ihm in erster Linie natürlich engere Räume und mehr Gegenspieler, aber durch seine guten Fähigkeiten des cleveren Abschirmens und Gegner-Hinhaltens, ergeben sich durch diese bewussten Angriffsentschleunigungen in anderen Spielfeldregionen neue offene Räume, da die Defensiven der Gegner natürlich durch wachsendes Überzahlspiel auf Biegen und Brechen den Ball von Rodriguez erobern wollen.

Letztendlich ist diese Taktik schon als gewieft und strategisch clever zu bezeichnen, andererseits aber manchmal der zu komplizierte, zu risikoreiche und zu kräftezehrende Weg. Deshalb darf man auch nicht vergessen, dass Rouven Schröder das Fazit seiner Einschätzung von den Begriffen „hoch veranlagt“ und ,,entwicklungsfähig“ dominieren lässt.

Nosotros Veremos

Nach den Abgängen von Elkin Soto, Christoph Moritz und vor allem Julian Baumgartlinger sowie den Verletzungen von Niki Zimling und Danny Latza hat Rodriguez gute Chancen, sehr schnell ein fester Teil des Mainzer Zentrums zu sein. Für ihn hat sich der Wechsel also aus sportlicher Sicht gelohnt: Auch wenn er nicht mehr an der Costa Blanca oder in Istanbul kickt, hat er in Mainz eine bessere Perspektive und ein ruhigeres Umfeld, das seiner Entwicklung zuträglich sein kann. Unter Martin Schmidt, der zwar viele Freiheiten gewährt, nichtsdestotrotz aber auch eigene Regeln hat, kann sich der 21-Jährige steigern und die nötigen Erfahrungen sammeln, um erstmals in einer großen Liga vollends den Durchbruch zu schaffen. Für den FSV ist Rodriguez aber ein Transfer, der vielleicht angesichts sprachlicher und kultureller Barrieren ein zu großes Risiko birgt. Die 2,15 Millionen Euro hätten auch in einen Spieler investiert werden können, der weniger Umstellungszeit benötigt, aber ebenso entwicklungsfähig und veranlagt ist. Beispiele wären da Christiansen vom FC Ingolstadt, Niklas Dorsch vom FC Bayern oder Romuald Lacazette vom Lokalrivalen TSV 1860 – ähnliche Spielertypen, ähnliches Alter, ähnliches Entwicklungspotential, aber unähnliche Eingewöhnungszeit.

Doch nosotros veremos – wir werden sehen – vielleicht schafft es Rodriguez ja ganz nach dem Vorbild seines Bartvetters Victor Emanuel, im FSV-Zentrum durchsetzungsfähig und willensstark aufzutreten und diesen nicht nur dieses Jahr in der Euro League zu etablieren, sondern am besten auch noch nächstes Jahr in diese zu führen.

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