Der Vater, heißt es in der Frankfurter Rundschau, hätte ihn zum Bayern-Fan erzogen. Obwohl Nico Rinderknecht aus Gießen kommt – und die letzten Schritte zum Profifußball bei der Frankfurter Eintracht gemacht hat. Jetzt wechselt der 18-Jährige nach Oberbayern, allerdings nur zum FC Ingolstadt. Als Verstärkung der zweiten Mannschaft, als Backup für Morales, Roger, Cohen und Co. oder als zukünftiger Spieler seines Lieblingsvereins?

Welche der drei Versionen am realistischsten ist, erfahrt ihr natürlich bei Transferkritiker.

Stadtrundfahrt Gießen

„Gießen verfügt über eine Reihe bekannter Sportvereine“, heißt es im Wikipedia-Artikel zur hessischen Universitätsstadt. Nico Rinderknecht, gebürtiger Gießener, kennt dieser sogar schon vier: Im Alter von 14 Jahren hatte er schon für Blau-Weiß Gießen, den ASV Gießen, den VfB Gießen sowie die TSG Wieseck-Gießen gespielt. Der Stadttour müde und in Anbetracht seiner auffällig guten Leistungen bei letzterem Verein in der C-Jugend Regionalliga (!) wechselte Rinderknecht 2011 in die Jugendabteilung von Eintracht Frankfurt, die aufgrund geographischer Vorteile den FSV Mainz ausgestochen hatte. Zwei Jahre später zog Rinderknecht ins Internat der SGE, nach dem Durchlaufen der U17 und der U19 trainierte er bereits in der abgelaufenen Saison bei der Bundesligamannschaft der Eintracht mit, kam sogar auf einen Einsatz im Westfalenstadion – ein Ereignis, das den Zentrumsspieler prägte: ,,Ich möchte das öfter erleben.“

Der U19 ist Rinderknecht seit einigen Wochen entwachsen, um eine Zukunft bei der SGE zu haben, hätte er nun also einen Profivertrag benötigt, da es bei den Hessen ja keine zweite Mannschaft mehr gibt.. Wir wissen nicht, wie die Argumente der Eintracht aussahen, aber nach den positionsrelevanten Zugängen von Jesus Vallejo und Omar Mascarell sowie der Rückkehr von Joel Gerezgiher, waren sie schlagkräftig – und veranlassten Rinderknecht zu einem Wechsel zum FC Ingolstadt, wo man mit einem Profivertrag ebenso schlagkräftige Argumente bereithielt und dem 18-Jährigen Hoffnungen macht: ,,Dass solch eine Perspektive zu Bundesliga-Einsätzen führen kann, haben wir bei der Verpflichtung von Robert Bauer gesehen“ meint Sportdirektor Thomas Linke. Bauer kam aus der Jugend des KSC – mittlerweile ist der Deutschkasache zu einem wichtigen Teil der Schanzer Defensive geworden. Eine Perspektive, die für Rinderknecht vielversprechender ist als die in Frankfurt. Um herauszufinden, wie hoch die Chance auf den Bundesliga-Durchbruch Rinderknechts steht, hilft eine Betrachtung der sportlichen Fähigkeiten.

Mainstream-Fleiß: Aus Rind mach Schwein

Obwohl der 18-Jährige bisher nur einen Bundesliga-Einsatz zu Buche stehen hat, lässt sich ein relativ genaues Bild von ihm definieren. Wie so oft eignet sich die Aussage des begrüßenden Sportdirektors als guter Aufhänger: ,,Nico Rinderknecht ist ein robuster und kompromissloser Mittelfeldspieler, der als Sechser darüber hinaus über eine sehr gute Übersicht und großes Spielverständnis verfügt.“. Mit diesen Worten beschreibt Thomas Linke seinen Neuzugang. Am besten aufgreifen lässt sich davon der erste Teil seiner Aussage: Rinderknecht kommt über seine Körperlichkeit und ein hartes, aber kluges Zweikampfverhalten. Kompromisslos und robust sind da schon zwei gut gewählte Begriffe, wobei ,,robust“ mehr auf Rinderknechts Zweikampfstil als auf die tatsächliche Physis zutrifft: Mit 185cm ist der Gießener nicht bemerkenswert groß, zudem vom Körperbau her eher schlaksig, allerdings durchaus drahtig und immer auf eine tadellose Fitness bedacht. Im letzten Winter fuhr er in das Trainingslager der Profis und der A-Jugend und hält sich zudem in seiner Freizeit im Fitnessraum auf oder geht laufen. Punkt eins von Herrn Linkes Aussage können wir also schon einmal unterschreiben, weiter im Programm: Attestiert wird ihm eine sehr gute Übersicht und ein großes Spielverständnis, jedoch, und dieser Zusatz ist interessant: ,,als Sechser“. Die Sechs ist die Schnittmenge der Positionen, auf denen man den 18-Jährigen einsetzen kann. In der B- und A-Jugend-Bundesliga kam er sehr oft als Innenverteidiger zum Einsatz, hier als wichtigster Posten in der Spieleröffnung. Aber auch eine oder zwei Reihen weiter vorne, als 6er, 8er oder gar 10er, wo Rinderknecht dann vermehrt als Spielgestalter tätig war. Jetzt sagt Rinderknecht – um wieder auf die Frankfurter Rundschau zurückzugreifen – dass er schon merke, dass das Tempo bei den Profis ein höheres ist. Vor diesem Kontext gewinnt Linkes Aussage an Relevanz. Gegen die Aussage, dem 18-Jährigen ein sehr gutes Spielverständnis als Innenverteidiger nachzusagen, spricht die geringe Erfahrung und damit verbunden das hohe Risiko, einen jungen Spieler auf dieser Position einzusetzen. Dass Linke außerdem noch die 10er-Position ausschließt, ergibt genauso Sinn. Hier ist man einerseits personell bestens besetzt, andererseits reichen Rinderknechts Fähigkeiten schlicht nicht für ein Attest dieser Art aus. Seine Robustheit und die Stabilität helfen ihm zwar dabei, den Ball nicht so schnell zu verlieren, außerdem ist Rinderknecht am Ball sicher, aber ein filigraner Techniker wird aus ihm nicht mehr, zudem ist er vergleichsweise antrittsschwach.

Was bleibt festzuhalten vom Spielertypen Nico Rinderknecht? Ein variabel einsetzbarer Spieler, der auf höchster Ebene aber als Sechser am wertvollsten ist. Ein Spieler, der zwar ein gutes Auge hat, allerdings an Erfahrung und Routine dazugewinnen muss, um dieses auch bei den Profis zur Geltung bringen zu können. Ein drahtiger, stabiler Kerl, der stets den Zweikampf sucht (auffällig hohe Zweikampfquote), ein fleißiger Läufer, immer auf der Suche nach einer Balleroberung, wobei ein Blick auf die Heatmap zeigt, dass er diese Zweikämpfe zentral vermehrt auf der Mittellinie und kurz vor beiden Sechzehnern sucht, in den Halbräumen die Spieler nach außen drängt – ein Mainstream-Stilmittel für den modernen Sechser, das Rinderknecht aber in höchster Intensität anwendet. Als Vorbilder nennt der angehende Profi Basti Schweinsteiger und Mats Hummels – komischerweise zwei Spieler, denen er kaum ähnelt. Allerdings ist das vielleicht auch der Sinn eines Vorbildes: Gewinnt Rinderknecht die schweinsteiger’sche Fähigkeit der Übersicht und des makellosen Stellungsspiels, sowie die hummel’sche Spieleröffnung, dann hat er seinen eigenen Spielertyp perfektioniert. Somit also doch keine komischen Vorbilder, sondern sehr sinnvolle. Nico Rinderknecht verfügt also zudem augenscheinlich über eine gute Selbsteinschätzung. Alles in allem Werkzeuge, um sich in der Bundesliga durchzusetzen. Zeit für eine Prognose.

Fazit: Ohne wenn und aber

Die Schanzer sind auf der Sechser-Position eigentlich ausreichend besetzt. Neben den Routiniers Morales, Cohen, Roger und Groß wären da ja noch die Youngsters Maurice Multhaup und Max Christiansen, auch Robert Bauer und Sonny Kittel können auf der Sechs spielen. Vor diesem Hintergrund zeigt sich, dass die Überschrift in Ingolstadts Pressemitteilung durchaus bedeutend ist, sie beginnt mit den Worten: ,,Mit Perspektive: […]“. Das zeigt einerseits, dass Rinderknecht sicherlich nicht auf einen Stammplatz hoffen kann, andererseits aber auch, dass dies mittel- oder langfristig der Fall sein kann. Dem 18-Jährigen jetzt eine falsche Entscheidung zu bescheinigen, ist aber nicht angebracht. Rinderknecht hatte bei Frankfurt weniger Aussicht auf Bundesliga-Einsätze, kamen bei den Hessen doch drei, bei den Ingolstädtern keiner, im aller entferntesten Sinn vielleicht Kittel und Wahl als Positions-Konkurrenten neu zur Mannschaft.Eifert Rinderknecht weiterhin seinen Vorbildern nach, bleibt körperlich fit und kommt auf regelmäßige Einsätze –dann ist vielleicht auch der FC Bayern gar nicht mehr so fern.Aus Sicht des FC Ingolstadt ist ein Coup gelungen, denn ablösefrei kam ein Spieler, mit dem man kaum Risiko eingegangen ist, der sich aber höchst motiviert zeigte und den Konkurrenzkampf ankurbeln wird. Somit bleibt ohne wenn und aber zu sagen: Ein Toptransfer für beide Parteien!

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