Es gibt sie, diese Transfers die im Sommer alles andere überstrahlen. Jene Verpflichtungen wie die James Rodriguez und Corentin Tolisso der Bayern oder diese von Mo Dahoud und Maximilian Philipp der Borussia aus Dortmund. Es sind diese Transfers mit den hohen Ablösesummen, die den größten Anteil an Aufmerksamkeit der Fußball-Fans erhalten. Dabei gibt es aber auch Sommer-Neuzugänge die nicht mit dem ganz großen Geld verpflichtet wurden, aber für einen Verein von mindestens gleich großer Bedeutung sein kann. Der Wechsel von Pirmin Schwegler zu Hannover 96 bringt alle Charakteristika für eine solche Verpflichtung mit. Wir haben uns den Wechsel des Schweizers und seine Auswirkungen für die Niedersachsen mal genauer angeschaut.

 Einmal quer durch die Bundesliga

Jeder der sich mit dem Bundesliga-Fußball auskennt, der hat schon einmal von unglaublichen Leidensgeschichte des Pirmin Schweglers gehört. Geboren im schweizerischen Ettiswil diagnostizierten Ärzte bei Schwegler im Alter von 18 Monaten akute Leukämie, eine Krankheit die ihn nahezu über seine gesamte Kindheit begleitete. Erst mit 15 Jahren, nach lebensbedrohlichen Anfangsjahren und zahlreichen Chemotherapien, galt der Schweizer endgültig als geheilt. Der Fußball war in dieser schweren Zeit stets ein wichtiger Begleiter für den heute 30-Jährigen, der nur ein Jahr nach seiner Genesung für den FC Luzern sein Profidebüt in der zweiten Schweizer-Liga feiern durfte.

Im Anschluss daran nahm die Karriere des Frühstarters einen rasanten Anstieg. Nach nur zwei Jahren in Luzern wechselte er im Alter von 18 Jahren zu den Young Boys Bern in die Super League, wo er als Leistungsträger maßgeblich zu einem starken dritten Platz in der Endabrechnung beitrug. Dass seine konstanten Leistungen im Schweizer Fußballoberhaus – immerhin durfte Schwegler in 32 Partien 27-Mal von Beginn an ran – auch bei den deutschen Klubs nicht unbemerkt blieb, dürfte niemanden überraschen. So war es die Werkself aus Leverkusen, die sich letztlich die Dienste des jungen Mittelfeldspielers sicherten. Am Rhein angekommen, erlebte er eine wahre Achterbahnfahrt. Geschuldet durch viele Verletzungen und Wechseln auf der Trainerbank kam Schwegler in drei Spielzeiten auf wettbewerbsübergreifend 60 Pflichtspieleinsätzen, in denen er drei Assists, aber keinen Treffer beisteuerte.

Im Anschluss daran ging es für den defensiven Mittelfeldstrategen nach Frankfurt. Bei der Eintracht erlebte Schwegler wohl seine bislang erfolgreichste Zeit. Zwar stieg er in seinem zweiten Jahr am Main in die 2. Liga ab, jedoch führte er im Anschluss die Adler als frisch ernannter Kapitän zum direkten Wiederaufstieg und im Folgejahr zur ersten Europapokalteilnahme seit sieben Jahren. Seine Qualitäten, die er in Frankfurt als Führungsspieler unter Beweis stellen durfte, kamen ihn dann auch bei seiner bislang letzten Station in Hoffenheim zugute. Wie schon Armin Veh vor ihm, machte auch Markus Gisdol Schwegler zum Kapitän der TSG – doch wie zu seiner Zeit in Leverkusen, sollten auch in Hoffenheim Verletzungen viele Einsätze verhindern. Bislang kann Schwegler in zehn Jahren Bundesliga 206 Einsätze mit sieben Treffern und 20 Torvorlagen verbuchen.

Während Schwegler also in seinen bisherigen Stationen stets eine nicht unbedeutende Rolle einnehmen durfte, sieht seine Bilanz in der Schweizer Nationalmannschaft alles andere als gut aus. Lediglich zwölf Mal streifte der Eidgenosse das Trikot der „Nati“ über – letztmals bei einem Freundschaftsspiel gegen Kroatien im März 2014. Während auf internationaler Bühne der Zug für den Sechser also abgefahren scheint, ist seine Reise in Deutschland noch lange nicht zu Ende. Mit Hannover 96 findet Schwegler eine neue Zusammenarbeit, von welcher auf den ersten Blick beide Parteien profitieren dürften.

Der schnörkellose Anführer

Wenn jemand über zehn Jahre konstant im deutschen Profifußball einen Platz findet, dann darf man ihn mit Fug und Recht als gestandenen Bundesligaspieler bezeichnen. Seine Erfahrungen als Führungsspieler und Kapitän sollen dem jungen Team der 96ern helfen, um das Ziel Klassenerhalt zu realisieren. Doch wer denkt, dass Schwegler ausschließlich als Sprachrohr und Anführer fungieren wird, liegt falsch. Auch auf dem Platz hat der defensive Mittelfeldspieler durchaus Qualitäten. Zwar bringt sich der Eidgenosse häufig durch zahlreiche Gelben Karten in Bredouille – im Schnitt sieht er in jedem fünften Bundesligaspiel den gelben Karton – jedoch ist es auch diese Kompromisslosigkeit, mit denen er seinem Team auf verschiedenen Position helfen kann.

Nachdem er zu Beginn seiner Karriere – insbesondere bei Bayer – zum Teil auch auf dem rechten Flügel eingesetzt wurde, entpuppte sich mit der Zeit die Sechserposition als maßgeschneidert für den Schweizer. Zwar zählt er mit einer Körpergröße von 1,78 Meter nicht zu den größten auf seiner Position, jedoch zeichnet er sich durch seinen stämmigen Körperbau und seiner Willenskraft als Spezialist in Zweikampf und Balleroberung aus. Er besitzt zwar technisch nicht die Fertigkeiten wie andere seiner Kontrahenten im Team oder in der Liga, dennoch macht er mit dem Ball am Fuß ausgesprochen wenig Fehler. So lässt sich seine Passquote über die letzten Jahre von fast 80 Prozent durchaus sehen und unterstreicht die Verlässlichkeit im Spiel Schweglers.

Dies lässt sich jedoch zugleich auch als Schwachpunkt ausmachen. Man weiß als Trainer und Mitspieler was man von Pirmin Schwegler bekommt. Eine Partie selber in die Hand nehmen und es möglicherweise mit einer spektakulären Defensivaktion oder einem offensiven Vorstoß entscheiden, ist kein Merkmal seines Spiels. Schwegler beruht sich darauf, was er kann und spielt so seinen Stiefel vollkommen schnörkellos runter. Dies ist zweifellos eine Eigenschaft, die bei einer Mannschaft, die im kommenden Jahr wohl eher um den Klassenerhalt kämpfen muss, als das sie einen Platz im gesicherten Mittelfeld einnehmen wird, wichtig werden dürfte. Somit müssen die Hannoveraner damit rechnen, dass sie keinen klassischen Box-to-Box-Spieler erhalten, der immer wieder mit gefährlichen Vorstößen für Torgefahr sorgt. Sondern vielmehr einen unaufgeregten Mittelfeldstrategen, der durch seine Spielintelligenz und sein gutes Positionsspiel seinen Mitspielern unter die Arme greifen wird.

Einsatzgarantie oder Konkurrenzkampf?

 Doch gerade im zentralen Mittelfeld hat H96-Coach Andre Breitenreiter eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Auswahl. Neben Youngster Waldemar Anton, welcher zugegebenermaßen eher für die Innenverteidigung geplant ist, werden vor allem Kapitän Schmiedebach, Marvin Bakalorz und Iver Fossum dem Schweizer den Platz im Mittelfeld streitig machen wollen. Alle drei haben dabei den Vorteil, dass sie bereits im letzten Jahr ein zentraler Bestandteil der Aufstiegsmannschaft waren. Doch gerade in der bisherigen Sommervorbereitung scheint sich herauszukristallisieren, dass Schwegler gute Karten hat, diesen Kampf für sich zu entscheiden.

Trotz namhafter Alternativen ist der Ex-Schalke-Coach begeistert vom Schweizer: „Pirmin ist eine absolute Bereicherung für unser Spiel nicht nur in Ballbesitz, wo er mit seiner Bärenruhe ein Stratege im Mittelfeld sein kann. Auch defensiv verteidigt er aggressiv und antizipiert gut.“, lobt Breitenreiter seinen Neuzugang gegenüber dem Kicker. In den Testspielen agierte Schwegler zumeist neben Schmiedebach oder Fossum in einem 3-4-2-1-System auf der Doppelsechs.

Schwegler ist also keiner von den ganz hochkarätigen Transfers in diesem Sommer – jedoch könnte diese Verpflichtung ein elementarer Baustein für die Mission Klassenerhalt der 96er sein. Ablösefrei hätten die Niedersachsen wohl auf dem Markt keinen besseren Spieler finden können. Seine Bedeutung für Trainer und Mitspieler wird vor allem im Saisonendspurt entscheidend sein, wenn die Hannoveraner – angeführt von einem Schweizer Mittelfeldstrategen – ihre ausgegebenen Ziele erreichen wollen.

 

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