Dass ein Transfer eines 33-jährigen Außenverteidigers für wenig Aufsehen sorgt, ist in der Regel nichts Außergewöhnliches. Angesichts der momentan kursierenden Ablösesummen für vermeintliche Weltstars, fallen verhältnismäßig kleine Preise, oder gar ablösefreie Wechsel, in der Regel unter den Tisch, wenn es sich nicht um Ausnahmespieler handelt. Für Euphorie und Zuversicht sorgen schließlich hoffnungsvolle Spieler, denen eine große Zukunft prophezeit werden kann, aber keine alternden Haudegen, die eine letzte Herausforderung suchen. Obwohl Paul Verhaeghs Wechsel unspektakulär erscheint und nicht zu Jubelschreien motiviert, ist dieser ungewöhnliche Transfer ein sinnvoller Schachzug des Allofs-Nachfolgers Rebbe. Eine Verpflichtung, die kurzfristig Sinn ergibt und ergeben soll. Nicht mehr und nicht weniger. Warum wir bei TK der Meinung sind, dass Paul Verhaegh die Defensive der Wölfe stabilisieren kann, erfahrt ihr in unserer Transferkritik.

Wolfsburger Nöte

Um die Verpflichtung von Paul Verhaegh verstehen zu können, bedarf es eines Blicks auf die Kadersituation der Wölfe. Wolfsburg ist seit einigen Jahren auf der Suche nach einem guten Rechtsverteidiger, der den Ansprüchen der Wölfe wirklich genügt. Obwohl nominell bereits fünf Rechtsverteidiger im Kader zu finden sind, entspricht keiner dem Anforderungsprofil der Verantwortlichen. Sebastian Jung und Christian Träsch sind angehalten, sich neue Vereine zu suchen und spielen in den Zukunftsüberlegungen keine Rolle mehr. William wurde gerade für 5 Millionen Euro aus Brasilien verpflichtet, sollte aber nicht nur aufgrund seiner 22 Jahren noch Eingewöhnungszeit an Land, Klima und Bundesliga brauchen. Dazu kommen dann noch zwei hybride Außenspieler, die auch hinten rechts spielen können, mit Vierinha und Kuba. Doch während Vierinha mehr als heftig mit seinem Ex-Verein PAOK Thessaloniki zu flirten scheint und auch abgegeben werden soll, hat man bei Kuba ein Einsehen, dass dessen offensiven Fähigkeiten überwiegen. Somit hat Wolfsburg zwar fünf potenzielle Rechtsverteidiger, aber keinen, der vorbehaltlos ab dem ersten Spieltag für Leistung sorgen sollte. Schließlich haben sich vier von ihnen bereits erfolglos probiert.

Was dazu nicht nur auf der Rechtsverteidiger-Position, sondern grundsätzlich im Kader eher rar gesät ist, sind Führungsspieler. Die Mannschaft besitzt zahlreiche Spieler, die unter 25 sind und reichlich Potenzial besitzen, aber Spieler mit Führungspotenzial sind, abgesehen von Maxi Arnold, nicht darunter zu finden. Im Gegenzug sind mit Benaglio und Gustavo zwei der Mannschaftskapitäne von Bord gegangen, die zwar leistungstechnisch zu verkraften sind, aber deren Einfluss in der Kabine fehlen wird. Es entsteht eine Lücke im Mannschaftsgefüge und in der Hierarchie der Mannschaft, die geschlossen werden muss. Der Einfluss von erfahrenen Profis, die in der Lage sind, auch mit Leistung zu überzeugen, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Gerade in Phasen, in denen es nicht gut läuft.

Stabilisierender Stratege

Die vergangene Spielzeit hat die Wolfsburger schließlich vor allem gelehrt, dass die eigene Situation und das eigene Vermögen demütig eingeschätzt werden sollte. Die Tage des Bayern-Jäger-Seins sind (vorerst) vorbei. Stattdessen hat eine gesunde Realität Einzug gefunden, die nach angepasster Saisonzielsetzung und Perspektive fragt. Angesichts der momentanen personellen Lage ergibt die Verpflichtung Verhaeghs also perspektivisch Sinn. Das mag paradox klingen, aber mit Paul Verhaegh holt Wolfsburg die ideale Zwischenlösung für ein akutes Problem. Das Problem wird damit nicht abschließend gelöst, aber es gibt ihnen genug Zeit, dringlichere Probleme (z.B. die rechte offensive Außenbahn) in Angriff zu nehmen. Warum Verhaegh die Probleme tatsächlich aktuell lösen kann?

Kaum ein Außenverteidiger spielt derart konstant und ist in der Lage, seine Fähigkeiten richtig einzuschätzen. Verhaegh weiß genau, was er kann und er weiß genau, wie er einer Mannschaft helfen kann. Seine Fähigkeiten am Ball machen ihn zu einem modernen Aufbauspieler, der aus der rechten Defensivposition das Spiel eröffnen kann. Mit seiner Sicherheit am Ball, seiner Passgenauigkeit und seinem Gefühl für die richtige Position ist er ein effektiver Initiator von Angriffen. Dabei sieht man ihn selten in brenzlige Situationen geraten, da er nur gezielt nach- bzw. aufrückt und stets den Fokus auf die defensive Absicherung legt. Statt stürmend den Weg nach vorne zu suchen, sucht Verhaegh eher den Weg in die Mitte, um aus einer zentraleren Position heraus anspielbar zu sein und das Spiel zu beschleunigen. Seine geschickten Körperbewegungen erlauben ihm vorteilhafte Situationen am Ball und geben ihm oft den Vorsprung, den er vor anlaufenden Angreifern braucht. Gerade mannschaftstaktisch ist Verhaegh eine Bereicherung. Selten bricht er aus der Viererkette aus, um in gefährliche Eins-gegen-Eins-Situationen zu geraten. Stattdessen gilt sein Auge stets dem Nebenmann und der defensiven Ordnung. Verhaegh ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Stabilisator in der Abwehr, der seine Rolle auszufüllen weiß und dies in den letzten Jahren auf der Bundesligabühne beweisen konnte.

Zwischenlösung mit Führungsansprüchen

Warum Verhaegh aber auch nur eine Übergangslösung sein kann, sollte nicht nur aufgrund seines Alters deutlich sein. Zu schwach zeigt er sich im defensiven Eins-gegen-Eins, wenn er sich auf seine Technik und seine Physis verlassen muss. Denn dort fehlt es ihm nicht nur an den richtigen „Werkzeugen“, sondern vor allem an Schnelligkeit. Ohne je ein schneller Spieler gewesen zu sein, hat er in diesem Bereich aufgrund seines fortgeschrittenen Alters in den letzten Jahren weiter eingebüßt. Dazu zeigt sich seine Interpretation der Rechtsverteidiger-Position zwar als defensiv stabil, aber für offensive Entlastung auf der rechten Seite kann er kaum sorgen. Zu offensichtlich sind seine Limitationen in der Offensive und dem defensiven Umschaltspiel. Gerade Tempowechsel lassen den Wert Verhaeghs sinken und seine Schwächen deutlicher zum Vorschein kommen.

Bedenkt man dann noch, dass die vergangene Saison die deutlich schwächste Spielzeit des Niederländers in der Bundesliga war, die eine sinkende Tendenz der vergangenen Jahre bestätigt, wird deutlich, dass Verhaegh nur kurzfristig eine Hilfe sein kann. Doch auch wenn Verhaegh statistisch weiter abbauen sollte, so ist er in jedem Fall mental eine Verstärkung für die Niedersachsen sein. Denn Verhaegh hat seine gesamte Bundesligazeit in Augsburg als unangefochtener Stammspieler und Leistungsträger bestritten, wo sich lediglich im letzten Jahr Schwankungen eingestellt haben. Der langjährige Kapitän der Fuggerstädter war nicht nur einer der sichersten Elfmeterschützen der letzten Jahre, sondern Identifikations- und Integrationsfigur bei den Augsburgern. Einen Spieler mit einer ähnlichen Wirkung auf und abseits des Platzes sucht man in Wolfsburg bislang vergeblich im Kader.

Kurzfristig helfen, mittelfristig weichen

Man geht also ein kalkulierbares Risiko mit der Verpflichtung von Paul Verhaegh ein. Ein Zweijahresvertrag steckt einen überschaubaren Rahmen ab, indem der ehemalige niederländische Nationalspieler solange spielen wird, bis sich eine langfristige Lösung anbietet. Ob diese nun William oder Itter heißt oder sogar auf einen noch unbekannten Namen hört, ist unerheblich. Für Wolfsburg zählt in der Gegenwart die Stabilisierung einer verunsicherten und teilweise unerfahrenen Mannschaft. Der Abstiegskampf der letzten Saison, der Aderlass in der laufenden Transferperiode und die aktuellen Verletzungssorgen rufen nach Demut. Mit Verhaegh kommt ein Spieler, der sich seiner Stärken, Schwächen und Grenzen bewusst sein sollte. Ein Transfer, der nicht nur am sportlichen bemessen werden darf.

Wenn also der Spieler von einer Herausforderung spricht, nach der er sich sehne und die er annehmen wolle, dann findet er die perfekte Situation in Wolfsburg. Kaum eine Ausgangslage dürfte für einen Abwehrspieler herausfordernder sein. Wenn der Verein nach einer schnellen Lösung auf einer Problemposition und einem Bezugspunkt für jüngere Spieler sucht, dann ist Verhaegh dafür der richtige Spieler. Mehr kann und sollte nicht von ihm erwartet werden, denn es sind Erwartungen, die wohl kaum erfüllt werden können. Und von diesen Erwartungen gab es in der jüngeren Vergangenheit bereits genug. Verhaegh symbolisiert die neue Wolfsburger Realität und das kann man getrost als perspektivischen Schritt in die richtige Richtung auffassen. Und ist es nicht auch beruhigend zu wissen, dass man einen Verein vielleicht auch ohne astronomische Ablösesummen stabilisieren kann?

 

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