Seit acht Tagen ist das Transferfenster geöffnet – schaut man auf Namen wie Oscar, Draxler, Malli und Co., könnte man denken, dass schon länger transferiert wird. In der zweiten Liga ist dagegen bisher relativ wenig passiert – wir haben mit Oliver Griss gesprochen, der sich seit vielen Jahren eng mit der zweithöchsten Spielklasse und vor allem dem TSV 1860, dem “Dino“ derer, auseinandersetzt.

Hi Oliver, dein Name ist jedem Löwen ein Begriff. Erzähle doch bitte kurz den anderen Fußballfans, wer du bist und was du machst.

Mein Name ist Oliver Griss, ich bin 45 Jahre alt und berichte seit 1989 über den TSV 1860. Erst für Lokalzeitungen, seit 1998 aus erster Reihe. Zwölf Jahre für die Abendzeitung, seinerzeit eine der beliebtesten Zeitungen Deutschlands – und mittlerweile seit fast sechs Jahren für meine eigene Online-Zeitung dieblaue24. Ich bin sozusagen mit der Zeit gegangen und habe mich vom Print verabschiedet.

Bevor wir auf das Transfergeschehen zu sprechen kommen, lass uns noch ein paar Worte über den TSV 1860 verlieren. Du bist wohl einer der wenigen, die Hasan Ismaik etwas besser kennen. Verstehst du sein Handeln auch?

Besser kennen? Das nicht, aber ich respektiere sein Engagement für 1860. Kein bayerisches Unternehmen wollte den Löwen helfen und vor der Insolvenz retten – erst ein Jordanier musste kommen, um uns zu helfen. Das war ein Armutszeugnis für die sogenannten Investoren in Deutschland. Ich bin Ismaik dankbar, dass er meinen Verein nicht sterben hat lassen. Inzwischen hat er 1860 offenbar so verstanden, dass er weiß, wo die Hebel anzusetzen sind. Ich glaube, er hat jetzt endlich Blut geleckt.

Geht es mit Hasan Ismaik in die erste Liga oder braucht es dafür viel Zeit und einen Neuanfang?

Der Verein hat Jahrelang geschludert, auch schon weit vor Ismaik, sonst wäre der Verein nie in diese dramatische Schieflage gekommen. Ich denke, dass 1860 spätestens 2020 wieder erstklassig spielt. Ismaik hat sportliche Ziele, will er doch in diesem Jahr 50 bis 100 Millionen Euro in den Verein schießen

Was sagst du zu Fußballfans, die den TSV mit RB Leipzig und Hoffenheim vergleichen?

1860 wird immer ein Traditionsverein bleiben. Das haben wir den Helden aus den 60er Jahren zu verdanken, ich denke da in erster Linie an den unvergesslichen Petar Radenkovic. Sechzig ist Kult und ein echtes Lebensgefühl. Dieser Verein ist durch nichts zu ersetzen. Ich habe aber auch die Bayernliga-Zeit mit 1860 sehr genossen – aber diese Zeiten kommen nicht mehr. Genauso wie ich die Loveparade in Berlin nie mehr erleben werde. Der Fußball hat sich in eine andere Richtung entwickelt. Deswegen respektiere ich auch das Projekt RB. Wie der Verein Jugendarbeit lebt, ist sensationell.

Als Herzblut-Fan und langjähriger Reporter bist du sehr nah am Vereinsgeschehen. Wie läuft ein Transfer aktuell genau ab beim TSV? Was sind die Unterschiede zu anderen Zweitligaclubs?

Der Unterschied ist einfach: Früher wurden die geplanten Transfers schon weit vor der Unterschrift in der Zeitung diskutiert, heute wird alles im stillen Kämmerlein abgewickelt. Das ist für die Journallie zwar bitter, aber heutzutage einfach nur professionell. Ich würde auch gern über Namen schreiben, aber 1860 geht jetzt einen neuen Weg.

Denkst du dir selber manchmal auch: Mensch, wenn ich jetzt Sportdirektor wäre, würde ich den oder den holen! Wird man als Vereinsreporter auch ein bisschen zum Scout?

Sportdirektor bei 1860? Natürlich wäre das ein Traum, vor allem in einer Stadt wie München. Leider gab es in den letzten 15 Jahren nur wenig gute Sportdirektoren. Persönlich mochte ich Miki Stevic und Oliver Kreuzer, Stefan Reuter war damals noch zu unerfahren, als er Manager bei 1860 war. Ich finde es heute noch schade, dass Kreuzer nicht länger Zeit bekam. Er wollte den Weg der kleinen Schritte gehen – Ismaik wollte schneller ans Ziel. Ich kann mir gut vorstellen, dass Ismaik die vorschnelle Trennung von Kreuzer inzwischen bereut hat. Grundsätzlich fragt man sich natürlich als Reporter: Warum holt man jetzt diesen Spieler? Es gibt doch viel bessere und preiswertere als genau Spieler X.

Wie stehst du zum Einfluss von Medien auf Transfergeschehen?

Ich finde, Vereine sollten sich nicht von Medien bezüglich Transfers beeinflussen lassen – bei 1860 fällt es aber seit Jahren auf, dass viel zu wenig Fußballkompetenz im Verein ist. Es gibt bei 1860 den sogenannten Verwaltungsrat, in dem kein einziger Ex-Profi sitzt. Daran sieht man, was falsch läuft.

Die beiden bisher populärsten Wintertransfers in der zweiten Liga (Stand: 06.01.): Flum zu Pauli und Green zu Stuttgart. Wie bewertest du die beiden Zugänge?

Flum fand ich zu seiner Freiburger Zeit immer ganz spannend, aber ich denke, er hat seine beste Zeit hinter sich. Und Green? Mei, solche Spieler haben wir auch.

Der TSV hat noch keinen Spieler geholt, aber viel angekündigt. Was denkst du: Wer wird kommen?

Vitor Pereira will sich im Trainingslager in Troia (Portugal) erstmal ein Bild über das Niveau der Mannschaft machen – danach denke ich, wird er aussortieren. Ich gehe auch fest davon aus, dass mindestens vier neue Spieler kommen, die wohl eher aus dem Ausland sein werden.

Wen würdest du gerne in der zweiten Liga sehen?

Meine absoluten Wunschtransfers für 1860 waren vor Jahren immer: 1. Matthias Lehmann, 2. Daniel Baier, 3. Zwetschge Misimovic. Wenn mich heute einer fragen würde, würde ich Nürnbergs Burgstaller blind verpflichten. Der Club braucht Geld, wir Tore.

Wie stehst du zu Wintertransfers?

Wintertransfers sind in der Regel schwierig, aber das Netzwerk von Ismaik ist nicht zu unterschätzen. Fünf Jahre hat er sich aus allen Dingen rausgehalten, schlechter als zuvor kann es fast nicht werden.

Abschließend: Wer steigt am Ende der Saison auf, wer ab?

Ich habe vor der Saison gesagt: Meister wird Hannover, Zweiter Stuttgart und Dritter Union Berlin – dass Braunschweig oben mitmischt, hätte ich nicht für möglich gehalten. 1860 hatte ich vor der Saison auf Platz vier gesetzt, wenn`s am Ende ein einstelliger Tabellenplatz wird, dann hat der Verein eine gute Grundlage für die neue Saison geschaffen.

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