Hätte man in den letzten Wochen auf Schalke eine Runde „Ich sehe was, was du nicht siehst“ gespielt, so wären viele Antworten möglich gewesen, nur einen Mittelstürmer hätte man vergeblich unter den Lösungen gesucht. Bis zu dieser Woche zumindest. Mit Guido Burgstaller wirken die Knappen der aktuellen Verletzungsmisere im Sturm entgegen und verpflichten den Top-Torjäger der bisherigen Zweitliga-Saison. Ein Transfer, der, mit Blick auf die angespannte Situation der Schalker Offensive, absolut sinnvoll erscheint. Doch kann der Österreicher den Schalkern bereits kurzfristig nützlich sein? Und wenn ja, kann sich Burgstaller auch im Kader des S04 behaupten, wenn die verletzten Embolo, Huntelaar und Di Santo wiederkehren?

Schritt für Schritt…

Blickt man zunächst auf die Vita des 27-jährigen, so sucht man vergeblich nach den ganz großen Titeln und Erfolgen. In der Jugend des FC Kärnten ausgebildet, arbeitete sich Burgstaller über den niederösterreichischen SC Wiener Neustadt hin zum Hauptstadtklub SK Rapid Wien. All das ohne dabei die ganz große Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Bei 140 Spielen in der Österreichischen Fußball-Bundesliga erzielte der Mittelstürmer nur magere 29 Tore und kam mit der SK nicht über zwei zweite Plätze in den Saisons 2011/12 und 2013/14 hinaus.

Trotzdem konnte er vor allem in seiner letzten Saison bei Rapid überzeugen, weshalb das britische Team Cardiff City – damals wie heute in der englischen Championship vertreten – den in Villach geborenen ‚Striker’ auf die Insel lockte. Im Sinne von euch Lesern (und wahrscheinlich auch Guido Burgstaller selbst) soll dieses sechsmonatige Intermezzo hier allerdings nur eine Randnotiz darstellen. Bevor er an den steilen walisischen Felswänden zerschmettert wurde, kam die Rettung für Burgstallers Karriere aus dem mittelfränkischen Nürnberg. Seit Winter 2014 ist der Österreicher für den Club tätig und entwickelte sich dort zum echten Leistungsträger. Auch aufgrund seiner Tore erreichte der Club in der vergangenen Spielzeit Platz drei in der „vielleicht besten zweiten Liga aller Zeiten“ und verpasste den Aufstieg ins Fußball-Oberhaus nur knapp, als man in der Relegation an Eintracht Frankfurt scheiterte.

Nun, als bester Torjäger der Liga und inzwischen neunfachem Nationalspieler, steht für Burgstaller erneut ein Winter-Wechsel an. Die Gelsenkirchener sichern sich – zugegeben aus der Not geboren – die Dienste des Mittelstürmers. Aber wie schnell kann der Angreifer sich an das deutlich höhere Niveau der Bundesliga gewöhnen und kann er mit seinen Qualitäten auch langfristig für die Schalker von Nutzen sein?

Der personifizierte Butzenmacher

Es mag wie eine abgedroschene Phrase klingen, doch möchte man Burgstallers Spielstil beschreiben, so kommt man fast nicht umhin, ihn als Mittelstürmer der alten Schule zu betiteln. Sieht man ihn auf dem Platz wird dem Betrachter schnell klar, dass Burgstaller eine Mission hat: Tore schießen! Dass er darin seine wahre Berufung gefunden hat, stellte er seit seiner Ankunft in Nürnberg eindrucksvoll unter Beweis. Die bereits angesprochene starke Saison 2015/16, als er neben 13 Treffern auch noch neun Assists beisteuerte, toppte der Österreicher in dieser Hinrunde mit beeindruckenden 15 Toren in 16 Pflichtspieleinsätzen.

Im Schnitt verwertete er jeden vierten Torschuss in Zählbares. Sei es in Eins-gegen-Eins Situationen mit dem Ball am Fuß oder durch gefährliche Kopfballtorpedos nach Standardsituationen: Er ist ein Mann der vor dem Kasten des Gegners zweifelsfrei nicht lange fackelt. Dabei ist nicht nur Burgstallers Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor imposant, sondern auch seine körperliche Präsenz in Luft- und Bodenzweikämpfen. Der Ex-Clubberer setzt seine Körpergröße von 1,87 Meter vor allem in Luftduellen optimal ein, wodurch er bei hohen Zuspielen nachrückende Spieler aus dem Mittelfeld ideal einsetzen kann.

Offensiv also mit klaren Pluspunkten, muss man nach der großen Schwäche bulligen Angreifers nicht lange suchen; In der Defensive findet der Neu-Schalker quasi nicht statt. Man könnte meinen, dass das Spielfeld von Burgstaller im gegnerischen Strafraum anfängt und bereits an der Mittellinie endet. Diese mangelnde Bereitschaft könnte wohl eines der schwerwiegendsten Probleme im Spiel des Stürmers darstellen. Ob diesbezüglich große Entwicklungssprünge zu erwarten sind, ist in Anbetracht seines Alters äußerst fraglich. Auf das Trainerteam um Markus Weinzierl wartet in diesem Bereich eine Menge Arbeit.

Fanfreundschaft mal anders

Der Transfer des Stürmers weckt weitere Erinnerungen. Genau ein Jahr ist es her, als die Schalker – damals noch unter der Federführung von Ex-Sportvorstand Horst Heldt – einen anderen Leistungsträger des 1. FC Nürnbergs verpflichtet haben. Nach Alessandro Schöpf findet nun auch Guido Burgstaller den Weg aus dem Frankenland in den Pott. Nun stellen sich viele die Frage, wieso Schalke, ein Verein mit Europapokal-Ambitionen, sich für einen Stürmer des Tabellenneunten der 2. Bundesliga entscheidet? Hatte Schöpf Sehnsucht nach seinem alten Teamkollegen und wollte Heidel ihm, frei nach dem Motto „Hauptsache Alessandro geht’s gut.“ einen Gefallen tun? Oder sahen sich die Königsblauen angesichts der verzwickten Personallage im Sturm zum Handeln gezwungen?

Zweifelsohne gaben die langfristigen Ausfälle von Embolo, Huntelaar und Di Santo den entscheidenden Ausschlag für den Transfer. Doch vor allem kurzfristig könnte sich die Verpflichtung durchaus als echte Verstärkung entpuppen, bedenkt man, dass vor allem Schalkes Offensivabteilung in den letzten Spielen mit gehörig Ladehemmungen unterwegs war. 20 Tore in 16 Hinrundenpartien sind zu wenig für die königsblauen Ansprüche, so dass ein Spieler mit der Formkurve des Österreichers bereits in den ersten Spielen ein wichtiger Faktor sein könnte. Auf lange Sicht jedoch bleiben Fragen: Reichen Burgstallers Qualitäten aus, um sich gegen einen fitten Huntelaar und das junge Ausnahmetalent Embolo durchzusetzen? Und wie schnell kann sich der Österreicher an das höhere Niveau und Weinzierls Spielidee anpassen?

In Markus Weinzierls 3-5-2-System sind nahezu alle Spieler in die Defensivarbeit eingebunden, um das aggressive Pressing ideal umzusetzen. Burgstaller muss diesbezüglich deutlich an seinen Defiziten arbeiten, ohne dabei seine Klasse als Mittelstürmer einzubüßen. Gelingt ihm das, könnte dieser Transfer für Schalke und Burgstaller mehr sein als blanker Aktionismus.

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