Die wohl spektakulärste Verpflichtung des VfB Stuttgart in dieser Saison spielt sich außerhalb des Rasens ab. Der Neuzugang sorgt allerdings dafür, dass auf dem Spielfeld eine schlagkräftige Mannschaft steht. Michael Reschke heißt der Top-Transfer der Schwaben und er kam von der Konkurrenz aus München. Auch wenn das Wort Konkurrenz etwas hochgegriffen scheint, so haben Wolfgang Dietrich und sein VfB ihre Ansprüche auf lange Sicht mit dem Reschke-Transfer unterstrichen.

Langsam Richtung Spitze

Die Entwicklung von Michael Reschke im Fußballgeschäft verlief kontinuierlich, man möchte fast schon sagen zäh. Doch hat dies auch den Vorteil, dass der neue Sportvorstand der VfB Stuttgart AG auch auf ein großes Repertoire an Erfahrung und Referenzen zugreifen kann. Nachdem sein Entdecker Rainer Calmund ihn zu Bayer 04 Leverkusen lotste, war Reschke zunächst 17 Jahre lang Trainer der U17 und U19 Mannschaften unter dem Bayer-Kreuz. 1998 wurde er schließlich zum Nachwuchsleiter, ehe er 2004 den Job des Sportmanagers bei Leverkusen übernahm. Nach Entdeckungen wie Vidal, Kroos oder Leno wurde der FC Bayern München auf ihn aufmerksam. Als Technischer Direktor war er in München für das Scouting und die Kaderplanung verantwortlich. Den öffentlichkeitswirksamen Posten des Sportdirektors übernahmen anderen, wie Sammer oder aktuell Hasan Salihamidzic. Mit dem Wechsel nach Stuttgart soll das angeblich nichts zu tun haben, aber jetzt kann sich Reschke erstmals der Herausforderung in erster Reihe stellen.

Aufschrei in Stuttgart

Ein Aufschrei ging durch die sozialen Netzwerke, als der VfB die Verpflichtung Reschkes veröffentlichte. Die Bayern-Fans waren enttäuscht, dass der Vorstand Reschke einfach ziehen ließ und die Stuttgart-Anhänger freuten sich über einen adäquaten Ersatz, nachdem ihr heißgeliebter Jan Schindelmeiser gehen musste. Aber warum wurde er eigentlich entlassen? Der Nachfolger von Robin Dutt installierte mit Hannes Wolf den Stuttgarter Aufstiegstrainer und kaufte mit Simon Terrode den Stuttgarter Aufstiegshelden. Doch die Vergangenheit stellt noch keinen Freifahrtschein dar und auch in der Vorsaison fiel Schindelmeiser intern nicht nur positiv auf. Seine Alleingänge auf dem Transfermarkt störten den Vorstand und Präsident Dietrich, der eine ständige Kommunikation mit Jugendkoordinator Kienle und Vorstandsberater Hitzelsperger forderte. Zudem drifteten die Zielvorstellungen von Dietrich und Schindelmeiser auseinander und es fehlte nach der Meinung der obersten Ebene an Erfahrung und Stabilität im Kader. Nur einen Tag nach der Freistellung Schindelmeisers gab der VfB dann die Vertragsunterschrift von Michael Reschke bekannt. Stuttgart war vorbereitet, endlich einmal. Und mit Reschke tritt nun ein charakterlich etwas anderer Sportdirektor auf den Plan, der sich selbst als Diener der Mannschaft und des Vereins sieht. Das verspricht eine deutlich harmonischere Zusammenarbeit mit Dietrich und Co.

Nicht jeder Schuss ein Treffer

Dass die Bayern ihren Kaderplaner einfach so ziehen haben lassen, mag auf den ersten Blick verwundern. Doch ganz unumstritten war Reschkes Transferpolitik und -philosophie am Ende auch nicht mehr. Ihm wurde das Transferminus von Benatia und Sinan Kurt zu Lasten gelegt. Tasci und Rode als Transferflops zu bezeichnen, wäre zudem eine absolute Untertreibung. Doch wird in München vieles auch zu negativ gesehen. Nachdem Douglas Costa letzte Saison enttäuschte, wurde er an Juventus Turin ausgeliehen. Sollte die Alte Dame die Kaufoption ziehen, würde der FC Bayern sogar noch Gewinn mit dem Brasilianer machen. Außerdem schlug der damals 35 Millionen Euro teure Überraschungscoup in der ersten Saison in München ein wie eine Bombe, ohne dassder gemeine Fußballfan den Turbodribbler auf der Rechnung hatte. Auch Renato Sanches war ein überraschender und perfekt getimter Transfer. So wäre der Mittelfeldmann als Europameister noch deutlich teurer gewesen und stand auch bei anderen Top-Clubs auf der Einkaufsliste. Noch will ihn Bayern halten und noch kann der Durchbruch gelingen. Auch Coman konnte nur teilweise überzeugen, aber hat noch alle Möglichkeiten zu einem gelungenen Transfer zu werden. Neben den unumstritten starken Verpflichtungen von Vidal und Hummels, darf sich Rechke außerdem vor allem für einen Neuzugang auf die Schulter klopfen, nämlich Joshua Kimmich.

Die Nase des Schattenmannes

Kimmich ist das Aushängeschild für Reschkes Philosophie, hochveranlagte Spieler mit Potential zur Weltklasse zu entdecken und zu holen. Bis andere Clubs den Spieler überhaupt auf dem Schirm haben, macht Reschke meist schon ernst. Bei Bayern stehen dafür in dieser Saison Tolisso, Süle und Gnabry. Die „Nase“ wie er auch genannt wird hat wieder zugeschlagen. Aber das passiert nicht ohne tiefgehende Auseinandersetzung mit einem Spieler. „Ich muss den Spieler fühlen“, sagt Reschke. Er reist um die ganze Welt und sitzt in den verschiedensten Stadien auf der Tribüne. So ergänzt er sein Videostudium. Aber nicht nur fußballerisch muss es passen. Auch charakterliche Eigenschaften und der familiäre Hintergrund spielen eine Rolle, so wie bei Mentalitätsmonster Kimmich. Klaus Augenthaler bescheinigte ihm einst „absolute Fachkompetenz und ein hervorragendes Netzwerk“. Zudem plant er sehr weit in die Zukunft. Auf seine Initiative wurden in München die Verträge mit allen Stammspielern bis 2021 verlängert. Er passt wie die Faust aufs Auge in das Anforderungsprofil von Wolfgang Dietrich. Als Diener der Mannschaft und des Vereins, soll der Schattenmann endlich ins Licht treten und den VfB seinen langfristigen Zielen näher bringen. Und damit soll er schnell beginnen. Noch läuft die Transferphase und noch sieht man in Stuttgart Bedarf. Mit Aogo kann er bereits den ersten Neuzugang verzeichnen, auch wenn Reschke offiziell erst am 11.8. beginnt. Man darf gespannt sein, welche Spieler noch folgen werden.

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