Es ist gegen halb 5 morgens und Matthias Ginter war mal wieder lange auf, weil er einen Titel gewonnen hat. So ungewöhnlich diese Worte klingen in Anbetracht ihrer Suggestion, dass Matthias Ginter solche Siege routinemäßig durchlebt, so wahr sind sie auch. In dieser Nacht um halb 5 meldet er sich noch einmal kurz der Öffentlichkeit, um den Kollegen von FUMS zu sagen, dass sie bei der Aufzählung seiner Titel, neben dem DFB-Pokal, dem gerade gewonnenen Confed-Cup, der olympischen Silbermedaille und natürlich dem Weltmeister-Titel, den Supercup vergessen haben. Eifrig erwähnen wir lieber noch schnell, dass er außerdem 2x die Fritz-Walter-Medaille und ebenfalls doppelt den DFB-Junioren-Vereinspokal gewonnen hat. Nach all diesen Titeln hat Ginter nun beschlossen, seine Sammlung im Idealfall in Gladbach zu erweitern und schließt sich diesen Sommer den Fohlen an. Wie die Chancen auf neue Titel stehen und was der Wechsel für die Fohlenelf bedeutet, haben wir uns im Folgenden angeschaut.

First things first

Matze Ginter (bürgerlich Matthias Lukas Ginter) wurde 1994 in Freiburg geboren. Mit 4 Jahren fand er sich beim SC March wieder und wechselte von dort aus in die Freiburger Fußballschule, die damals als Vorzeigeprojekt in der Ausbildung junger Fußballer galt. Ginter reifte in jener Akademie, die unter anderem spätere Stars wie Sascha Riether, Ömer Toprak oder Dennis Aogo hervorbrachte, schnell zu einem Vorzeigetalent. Bereits als Jungjahrgang der A-Jugend trainierte Ginter bei den Profis und absolvierte sein erstes Pflichtspiel für Freiburg mit 18 Jahren und 2 Tagen. Am 18. Spieltag 2011/12 wurde er in der 77. Minute eingewechselt und erzielte in der 88. Minute den 1:0 Siegtreffer für die Breisgauer. Damit ist er auch der jüngste Freiburger Torschütze aller Zeiten.

Im Sommer 2014 wechselte Ginter zu Borussia Dortmund und gewann dort direkt den oben genannten Supercup. Ein guter, standesgemäßer Einstand, schließlich war Matthias Ginter zu diesem Zeitpunkt nicht weniger als Weltmeister. Er sammelte also schon früh alle möglichen Titel, allerdings hat vor allem der Weltmeistertitel den faden Beigeschmack, dass Ginter ihn gewann, ohne auch nur eine Minute gespielt zu haben. Sicherlich war grade dieser Titel ein Kollektivgewinn und niemand möchte Ginters Anteil daran schmälern. Trotzdem bleibt die Frage, ob Ginter wirklich so gut ist, wie die vielen Titel andeuten.

Sehr jung sehr gut

Matthias Ginters Aufgabengebiet ist die Abwehr. Begonnen hat er in der Innenverteidigung und im defensiven Mittelfeld, unter Thomas Tuchel wurde er zum rechten Außenverteidiger umfunktioniert und anschließen wieder in der Innenverteidigung eingesetzt. Diese Entwicklung zeigt schon eine von Ginters größten Stärken: seine Flexibilität. Er kann im Defensivverbund fast jede Aufgabe übernehmen und erfüllt sie immer ordentlich. Im defensiven Zweikampf ist Ginter sowohl am Boden als auch in der Luft gut zu gebrauchen. Er hat nicht die schnellste Umsetzung , was deshalb bereits eine gute Positionierung vor Laufduellen erfordert – dies funktioniert meistens aber auch einwandfrei. Eine weitere Stärke ist sein Passspiel. Ginter kann das Spiel auf viele Arten eröffnen. Lange Bälle auf sprintende Stürmer oder flache, schnelle Pässe in Schnittstellen, seine Palette ist vielseitig.

Auf dem Platz wirkt er dabei unglaublich cool, sodass er schon etwas an Fonzy (Alle unter 45: einmal Fonzy/Happy Days googeln) erinnert. Ginter strahlt eine so starke Ruhe aus, dass man fast meine, es könne generell nichts Schlimmes passieren. Das Problem ist: manchmal passiert eben doch etwas. Ginters Spiel weißt Schwächen auf, die zwar nicht sein müssten, die er allerdings oftmals selbst einstreut. Unnötige, einfach Fehlpässe oder Ballverluste nach Dribblings, die jeder E-Jugendliche gerochen hätte. Bei Ginter bleibt manchmal leider ein fader Beigeschmack, wie bei seinen Titeln. Trotzdem kommt niemand daran vorbei, Matthias Ginter zuzugestehen, dass er fußballerisch schon sehr früh sehr gut war und mit erst 23 Jahren immer noch eine Menge Entwicklungspotenzial besitzt. Dies ist wohl ein Grund, warum Max Eberl ihn nun im dritten Anlauf und nach einem, O-Ton, „Kampf mit harten Bandagen“ verpflichtet hat, obwohl die Konkurrenz mit Hoffenheim und Tottenham sichtlich groß war.

Von Borussia zu Borussia

Nachdem diesen Sommer bereits Dahoud von Gladbach nach Dortmund ging, geht nun Retour Ginter vom Ruhrpott an den Niederrhein. Hauptsache Borussia eben. Max Eberl lässt Ginter mit 17 Millionen (Angeblich bis zu 20 mit Boni) zum teuersten Fohlen-Einkauf werden und erlöst Christoph Kramer aus dieser Last, der zuvor 15 Millionen gekostet hat.

In Gladbach soll Ginter offensichtlich die durch den Christensen-Abgang entstandene Lücke füllen und mit Jannik Vestergaard nächste Saison die Innenverteidigung bilden. Dieser Plan ist so simpel wie hervorragend, erfüllt er doch ein Mindestmaß an Sicherheit bei einem gleichzeitigen, nach oben offenen Leistungsniveau. Kurzum: Mit Vestergaard und Ginter hat Gladbach zwei junge, hoch veranlagte Fußballer beisammen, die beide bereits bewiesen haben, dass sie wahre Könner ihres Fachs sind, allerdings noch viel zu lernen vermögen. Insbesondere in einer Gladbacher Saison, in der es keinen internationalen Fußball gibt, kann dort eine Abwehr zusammenwachsen, derer Überwindung keine Mannschaft problemlos gegenübersteht. Bleiben beide Akteure verletzungsfrei, kann sich ein Duo finden, dass Gladbach den Rücken freihält und somit die Grundlage für eine Rückkehr nach Europa legt. Hinzu kommt, dass Ginter den rechten Part einer Dreierkette, die nun von Coach Dieter Hecking wieder verstärkt ins Repertoire aufgenommen wird, bestens beherrscht – wie beim Confed-Cup zu bewundern war.

Für den erfolgsverwöhnten Matthias Ginter wirkt der Abgang vom Championsleague-Teilnehmer Dortmund auf dem Papier erstmal wie ein Karriererückschritt. Allerdings hat er bei den Fohlen, wie er selbst bei seiner Vorstellung betonte, die Chance, zum Führungsspieler zu reifen und eine Mannschaft über Jahre hinaus mit zu lenken. Beim BVB wäre es wohl eher schwer gewesen, aus dem Schatten von Sokratis, Bartra oder Toprak zu treten. Diese neue Verantwortung wird Ginter auch helfen, seine gelegentlichen Flüchtigkeitsfehler abzustellen. Ein Schritt also, der ihn mit Sicherheit reifer und damit besser machen wird. Die Dortmunder auf der anderen Seite schaffen es weiter, ihren zu großen Kader gekonnt und sinnvoll auszudünnen. Selbst nach dem Wechsel von Sven Bender sind mit den drei oben genannten, dem Rückkehrer Subotic und dem französischen Talent Zagadou genug Innenverteidiger zur Stelle, um die Saison hinten dicht zu gestalten. Zwar wird es in Gladbach wohl für Matthias Ginter in der ersten Saison höchstens über den DFB-Pokal zu einem Titel reichen (und das wird schwer genug), ihm winkt allerdings, zumindest spielzeittechnisch, eine vielversprechende Zukunft.

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