Die Geschichte, wie Robert Leipertz letztendlich beim FC Ingolstadt landete, ist dann doch etwas kurios. Innerhalb von drei Tagen wurde der 23-Jährige zwei mal transferiert, dabei kostete er am 01.07. nur ein Fünftel der Summe, für die er am 03.07. über die Transfermarkt-Theke ging. Haben die Schanzer also ein denkbar blödes Geschäft abgeschlossen, weil sie nicht schnell genug waren? Nein, der Betrag ist das Ergebnis aus Klauseln und Optionen, die im modernen Transfergeschäft ja eine wachsende Rolle spielen. Und außerdem: Transferkritiker sagt, Leipertz wäre auch das Doppelte wert gewesen.

Über die harte Schule

Leipertz, 1993 in Jülich geboren, begann das Fußballspielen bereits mit vier Jahren bei Rasensport Tetz – den gelb-schwarzen blieb er ganze neun Jahre treu, was erstaunlich ist, da die Tetzer wahrlich nicht für ihre herausragenden sportlichen Erfolg bekannt sind. In der Vereinschronik werden mit Blick auf den Jugendbereich die Teilnahme an Mittelrheinmeisterschaften sowie eine Kooperation mit dem FC Rurdorf als größte Erfolge gerühmt. Wie dem auch sei, mit 13 Jahren verließ Leipertz also seine Jugendliebe und wechselte nach zwei einjährigen Abstechern (Bedburger BV, Viktoria Arnoldsweiler) 2008 zu Alemannia Aachen. Der beispiellose sportliche Abstieg der Alemannen hatte da schon langsam begonnen, doch die Jugendarbeit war noch intakt, weshalb sich Leipertz in Aachen auf höchster Ebene präsentieren durfte: 22 Spiele in der U17-Bundesliga, 24 in der U19, in letzterer stolze 18 Tore und 13 Assists. Mit 19 Jahren debütierte er dann für die erste Mannschaft in der dritten Liga – blöderweise in just jener Saison, in der die Alemannia dann zum zweiten Mal in Folge abstieg. Eine wirkliche Perspektive war also nicht mehr gegeben in Aachen, weshalb Leipertz im Sommer 2013 zur zweiten Mannschaft von Schalke 04 wechselte. Auch hier behielt er eine bermerkenswerte Scorer-Quote bei: 20 Tore und fünf Vorlagen in 35 Spielen lassen sich durchaus sehen, trotzdem reichte es für Leipertz unter Jens Keller nur zu einem einmaligen Platz auf der Bank in der ersten Mannschaft, die Bundesliga blieb dem Offensivmann noch verwehrt. Somit hieß es für Leipertz 2014 Heidenheim nach nur einem Jahr Gelsenkirchen, der zu diesem Zeitpunkt 21-Jährige ging für 100.000 Euro in die zweite Liga, die Schalker sicherten sich aber eine Rückkaufoption bei 300.000 Euro – die Summe zeigt, dass man in Heidenheim nicht wirklich mit dem durchschlagenden Erfolg Leipertzs rechnete. Waren es in der ersten echten Profisaison des Jungspunds noch acht Tore und sieben Vorlagen, krönte sich Leipertz 15/16 mit zehn Toren und neun Vorlagen zum besten Scorer des FCH. Kein Wunder also, dass vielerorts Begehrlichkeiten geweckt wurden – doch dank der Rückkaufklausel war es erst einmal der FC Schalke 04, der für 300.000 Euro ein echtes Schnäppchen machen konnte. Nichtsdestotrotz ist der Bedarf an Leipertz in Gelsenkirchen angesichts der Ambitionen und der bereits vorhandenen Qualität des Kaders nicht groß genug gewesen, als dass man zu einem 1,3 Millionen Euro-Gewinn dank einer Offerte aus Ingolstadt ,,Nein“ gesagt hätte. Warum Leipertz auch mit 1,5 Millionen Euro Ablöse noch als Schnäppchen zu bezeichnen ist, erklärt ein Blick auf seine fußballerischen Fähigkeiten.

Erstaunlich ansatzlos

Leipertz ist ein Spieler, bei dem vor allem mit Blick auf sein junges Alter seine extreme Abgeklärtheit heraussticht. Erklären kann man diese eventuell mit seinen bisherigen Stationen, die durchaus abhärtend und erfahrungsreich gewesen sein können, spielte Leipertz bisher doch immer für Vereine, die in ihrem Wettkampfalltag nie sonderlich dominant auftraten. Trotzdem machte Leipertz immer verlässlich seine Tore und Vorlagen, der Lohn seiner Abgeklärtheit: Der Offensivmann braucht nicht viele Chancen, um erfolgreich zu sein.

Woran liegt das? Nun, Grundvoraussetzung ist Leipertz Begabung, fehlerhaftes Stellungsspiel in der gegnerischen Defensive bzw. sich öffnende oder schon offene Räume sehr schnell zu erkennen, sein ,,gutes Auge“, wie man so schön sagt, ist definitiv der Grundstein seines Erfolgs. Diese Begabung allein würde ihm aber noch nicht viel bringen, wenn er seine zunächst rein gedanklichen Erkenntnisse nicht auch in Aktionen auf dem Platz umsetzen würde. Doch glücklicherweise verfügt Leipertz über die spielerischen Mittel, um genau das zu erreichen. Eine ordentliche, enge Ballführung und ein starker Antritt erlauben ihm, Räume mit Ball zu nutzen, doch noch effektiver ist Leipertz, wenn er diese Räume nutzt, und dabei den Ball abgibt – sei es ein Abschluss oder ein letzter Ball. Denn bei beiden Optionen sticht wiederum seine Abgeklärtheit hervor, die sich in einer erstaunlichen Ansatzlosigkeit seiner Ballabgaben zeigt. Leipertz benötigt einen minimalen Aktionsradius, um in höchst aufrechter und daraus resultierend stets spielgeschehenüberblickender Körperhaltung sehr exakte und scharfe Bälle in Schnittstellen zu spielen oder mit einer exzellenten Schusstechnik brandgefährliche Abschlüsse aufs Tor zu bringen. Darüber hinaus ist seine Spielweise sehr puristisch, schnörkellos, Leipertz ist ein Pragmatiker, der stets den schnellsten und einfachsten Weg zum Tor und somit zum Erfolg sucht. Es ergibt sich das harmonisches Bild eines effektiven Angreifers, der aber nicht nur deshalb äußerst wertvoll für den FC Ingolstadt ist: Thomas Linke schätzt vor allem auch seine Flexibilität. Beide Außenbahnen, die 10, die Sturmspitze – alles kein Problem für Robert Leipertz, der trotz seiner beschriebenen Geradlinigkeit kein eindimensionaler Spieler ist, sondern situationsbezogen – wo man wieder den Kreis auf sein ,,gutes Auge“ schließen könnte – immer den einfachsten Weg erkennt.

Sucht man Schwächen im Spiel des Offensivallrounders, findet man diese vor allem in hinteren Spielfeldregionen. Leipertz ist sicher keiner für den Spielaufbau aus dem ersten oder vielleicht auch noch zweiten Drittel, seine Fähigkeit der Raumdeutung ist nur wirksam, wenn er diese mit unmittelbar absoluten Aktionsmöglichkeiten, wie sie sich ihm nur im letzten Dittel bieten, nutzen kann. In diesem Kontext könnte man eventuell sogar eine Parallele zu Thomas Müller erkennen – inwiefern diese dann wirklich ihre Berechtigung erhält, wird sich in der kommenden Saison zeigen.

Die Endmarke

Für Markus Kauczinski, der den 23-Jährigen aus der zweiten Liga kennt, ist Leipertz ein Spieler wie maßgeschneidert. Auch Kauczinski ist ein Pragmatiker, der über etliche taktische Kniffe verfügt, und diese bei den Schanzern wohl – das Grundgerüst des charakteristischen Pressings nutzend (sofern das überhaupt möglich ist) – zur Genüge anwenden wird. Leipertz kann in diesem Konstrukt zu einer Art kleinster gemeinsamer Nenner werden, der bei verschiedenen Schachzügen seines Trainers die letzten oder vorletzten Aktionen ausführt, die im Gesamtbild zwar klein, aber ungeheuer wichtig sind. Mit dem gebürtigen Jülicher verfügt Kauczinski also über ein Werkzeug, das er gezielt in seine Mannschaft einbauen kann, um das Ende von taktischen Abläufen zu markieren. Mit Groß, Kittel, Lex und Co. gibt es außerdem genug Spieler im Kader, die ideal als Zuarbeiter oder Vollstrecker Leipertz in Erscheinung treten können. Als Fazit bleibt also stehen: Mit Leipertz hat der FCI für verhältnismäßig wenig Geld einen Spieler verpflichtet, der sich zwar auf höchster Ebene erst noch beweisen muss, aber gezeigt hat, dass er auch unter widrigen Umständen effektiv ist. Zudem passt der 23-Jährige zum neuen Trainer, der genau wissen wird, wie er seinen Schützling am besten einsetzt.

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