Packing ist nur das populärste Beispiel für die wachsende mediale Fokussierung von Fußballtaktik. Mithilfe von Kooperationen mit Experten oder aufwendig in Graphiken verpackten Informationen wollen Zeitungen und Fernsehsender ihre sportliche Glaubwürdigkeit wahren. Konzeptfußball ist eine relativ kleine Seite, die sich nicht viel um diese Trends schert, aber mit qualitativ hochwertigsten Analysen und spannenden Blickwinkeln auf Fußballtaktik aufwartet. Alex Belinger, 22, ist einer von den Konzeptfußballern. Der Student, der auch Trainer ist, sagt: ,,Wir wüssten schon, mit welchem Content wir mehr Klicks generieren könnten – für uns geht es eher darum, dieses komplexe Spiel selbst entschlüsseln zu können.“

Hi Alex, was ist denn das Konzept von Konzeptfußball?

Wir sind ein Taktikblog mit derzeit acht, mehr oder weniger aktiven, Autoren. Wir wollen analytisch über Fußball schreiben und versuchen, den Fußball besser zu verstehen. Inhaltlich machen wir hauptsächlich taktische Spielanalysen, teilweise Spielerporträts, ein bisschen Trainingsberichtebeziehen uns viel auf Jugendfußball. Vor allem beziehen wir uns aber auch auf Themen und Mannschaften, die sonst eher wenig Beachtung finden. Wir sind thematisch nicht so genau festgelegt.

Schwerpunkt ist aber Fußballtaktik.

Genau. Fußballtaktik in allen Facetten.

Muss man Fußballtaktik verstehen und nachvollziehen können, um diese überhaupt attraktiv zu finden und so etwas zu lesen?

Verstehen muss man nur bedingt. Man muss ein Interesse daran haben, es verstehen zu wollen, denke ich. Fußball wird oft als einfaches Spiel bezeichnet, Fußball ist meiner Meinung nach ein extrem komplexes Spiel und das muss man mal akzeptieren. Es gibt dann auch einige, die – zum Beispiel bezogen auf spielverlagerung.de – das ein bisschen ins Lächerliche ziehen, wie kompliziert darüber geschrieben wird. Wir wollen das nicht unnötig verkomplizieren, aber es ist eben ein kompliziertes Spiel und wir wollen es bestmöglich beschreiben.

Wenn man sich so sehr auf die Taktik fokussiert – wie schätzt man dann andere Erfolgsfaktoren im Fußball wie die Psyche oder den Zufall ein, die es ja auch gibt?

Den Zufall schätze ich extrem hoch ein. Die Psyche spielt auch eine Rolle, Fitness spielt eine große Rolle, es gibt sehr viele unterschiedliche Bereiche, die da Einfluss haben. Was wir probieren ist eben, das zu beschreiben, was auf dem Platz passiert und zu erklären versuchen, warum das passiert. Meiner Meinung nach ist aber Taktik der wichtigste Faktor und steht einfach über Allem. Ein Trainer versucht, mit seiner Mannschaft einen gewissen Fußball zu spielen und arbeitet an einer gewissen Taktik dafür sind viele andere Faktoren wichtig, die alle auf die Umsetzung der Taktik hinarbeiten und diese ermöglichen sollen. Da spielt etwa Fitness eine große Rolle, da ist mentale Stärke notwendig– letztlich hängt aber auch viel vom Zufall ab, ich denke das erwähnen wir auch immer wieder bei unseren Analysen, dass dann einfach ein Ergebnis durch Glück, Pech zustande kommt. Das spielt im Fußball gerade auch eine so große Rolle, weil durchschnittlich sehr wenige Tore fallen. Beim Basketball fallen unzählige Punkte pro Spiel, beim Fußball sind es dann vielleicht nur ein, zwei Tore, die häufig das Resultat von eher zufälligen Aktionen sein können. Trainer versuchen daher natürlich, den Zufall zu minimieren.

Lass uns mal kurz über Transfers sprechen. Was glaubst du: Suchen Scouts und Sportdirektoren durchschnittlich mehr nach flexiblen Spielern, die viele Systeme leicht erlernen können, oder nach Nischenspielern, die eine gewisse Rolle sehr gut können und bis zur Perfektion ausführen?

Das ist für mich ein wenig schwierig zu beantworten, weil ich relativ wenig Einblick habe in den Profifußball. Ich glaube, man kann es auch schwer generell sagen, da es wahrscheinlich von Verein zu Verein sehr unterschiedlich ist. Ich denke aber, dass es in Zukunft wichtiger wird, dass man flexibel ist als Spieler, da auch die Taktik immer flexibler wird, mehr angepasst wird an die Gegner, mehr variiert wird hinsichtlich verschiedener Formationen. Da wird man sich als Spieler immer zurecht finden müssen. Dabei geht es aber nicht nur um die reinen Positonen, sondern mehr um die Rolle die ein Spieler einnimmt. Spieler, die mehrere Rollen übernehmen können sind wohl gefragt, diese Anpassungen können aber leicht mit einem Qualitätsverlust verbunden sein. Spieler, die nur eine spezielle Rolle einnehmen können, diese aber dann sehr gut, werden auch immer gefragt sein, wobei diese dann auch wirklich passend ins System eingebunden werden müssen.

Es ist keine neue Entwicklung mehr, dass der Fokus auch bei Transfers immer stärker auf jüngere Spieler gerichtet wird. Liegt das auch daran, dass junge Spieler generell taktisch besser ausgebildet und lernfähiger sind als früher?

Ja, das denke ich schon. Die taktische Entwicklung wurde in den letzten Jahren immer besser – auch wenn es noch viel Verbesserungspotential gibt -, jüngere Spieler sind zudem offener für neue Ideen der Trainer. Damit meine ich einerseits Trainingsmethoden – ein 35-jähriger Spieler, der schon 20 Jahre lang auf seine Methoden festgefahren ist, wird einem neuen Trainer, der andere Methoden aufbringt, etwas kritischer gegenüber stehen, als ein junger Spieler. Der ist aber auch gewillter, sich selbst weiterzuentwickeln, der ist leichter formbar für den Trainer.

Verändern sich Fußballtaktik-Trends, weil junge Spieler für verhältnismäßig mehr Geld wechseln?

Das ist sehr unterschiedlich und sehr schwer allgemein zu beantworten. Die Frage impliziert quasi, dass Trainer nur geringfügig darauf Einfluss haben, welche Spieler sie vom Verein zur Verfügung bekommen. Dann müssen sie taktisch flexibel sein und von ihrer eigenen Vision abweichen, um die Spieler passend einzubinden. Das ist kein Idealfall und wohl auch nicht wirklich relevant für die Entwicklung von neuen Trends. Ich finde, die Trainer müssen ein sehr hohes Mitspracherecht haben. Wenn man einen Trainer hat, weiß man, für welche Spielidee der steht – demnach sollte man auch Trainer holen, die zur vorhandenen Mannschaft passen. Und dann auch Transfers tätigen, die diese Spielidee noch besser umsetzen lassen.

Wer ist denn dann dein Lieblingstrainer? Und warum?

Ich schätze Pep Guardiola am meisten, halte ihn für den besten Trainer der Welt. Aber ehrlich gesagt schaue ich nicht so viel deutschen Fußball, auch Manchester City habe ich noch nicht so oft gesehen diese Saison. Ich habe mehr die Serie A im Fokus – in Italien bin ich sehr beeindruckt von Maurizio Sarri bei Napoli. Sehr beeindruckt bin ich aber auch von einem jungen Trainer, der Roberto De Zerbi heißt. Der war letztes Jahr in der dritten Liga Trainer und hat dort sehr ähnlich gespielt wie Guardiola. Es war wirklich beeindruckend zu sehen, dass man einen solchen Fußball auch in einer dritten Leistungsstufe spielen lassen kann.

Spielst du selbst auch Fußball?

Ich spiele derzeit nicht Fußball, ich habe gespielt, bis ich 20 war. Ich habe aufgehört, weil ich umgezogen bin zum Studieren, dort habe ich als Trainer angefangen…

Das wäre meine nächste Frage gewesen…
bei SKN St. Pölten, die seit dieser Saison in der ersten Bundesliga spielen – aktuell bin ich aber in Italien, mache ein Auslandssemester. Als Spieler war ich nie besonders talentiert.

Bist du dann immer noch Trainer?

Ich war letzte Saison in der U11 bei St. Pölten, bin jetzt für sechs Monate in Italien, hab zwei Monate nichts gemacht und den Fußball dann schon ein bisschen vermisst. Ich bin jetzt bei einer U13 als Co-Trainer, wenn ich zurück komme, bin ich wieder bei St. Pölten. In welcher Funktion genau, das steht noch nicht fest.

Warum sieht man die Autoren von Konzeptfußball, Spielverlagerung und Co. – als Fußballtaktiker auf höchstem Niveau – nicht als Trainer in der Bundesliga?

Weil wir ja alle noch sehr jung sind. Bei Konzeptfußball sind wir alle Studenten, einer sogar noch Schüler. Wir haben großteils selber gespielt, aber eben nur auf sehr niedrigem Level, sind jetzt teilweise Trainer. Aber man braucht als Trainer Erfahrung, man braucht viel Ahnung von Trainingswissenschaften, von Didaktik, vielen verschiedenen Punkten. Damit beschäftigen wir uns viel, aber das kann man sich nicht vom einen auf den anderen Tag aneignen. Aber: Wir wissen alle relativ viel von Taktik, und wie vorher schon angesprochen wurde, ist das ein sehr wichtiger Punkt, der eigentlich über allen anderen steht. Von dem her hätten wir eine recht gute Grundvoraussetzung, um mal etwas mehr zu machen – bei etwas besseren Vereinen.

Wenn du dir die Größe von Konzeptfußball ansiehst – bist du zufrieden?

Ja. Besonders groß sind wir zwar nicht, wir haben auch nicht besonders tolle Klickzahlen. Aber das spielt keine große Rolle für uns. Wir wüssten schon, mit welchem Content wir mehr Klicks erreichen könnten – für uns geht es aber mehr darum, dass wir selbst dazu lernen. Es geht eher um den Selbstlernprozess, dass wir aufmerksam Spiele schauen, darüber schreiben, lesen, wir diskutieren untereinander extrem viel, stehen mit den Autoren von Spielverlagerung sowie anderen Taktikbloggern und Analysten sehr viel in Kontakt. Es geht also eher darum, dass wir selbst dieses komplexe Spiel entschlüsseln wollen, besser verstehen wollen.

Gibt es vielleicht gar nicht so viele Menschen, die diese Analysen auf höchstem Niveau überhaupt zu würdigen wissen bzw. überhaupt würdigen können?

Ich denke, dass es da schon einige Leute gibt, vor allem in den letzten Jahren immer mehr. Das Bewusstsein für die Bedeutung von Taktik wird in der Bevölkerung ein wenig stärker. Merkt man ja auch in den Mainstream-Medien. Dann braucht man sich nur Spielverlagerung anschauen, die mittlerweile eine sehr große Seite mit sehr hohen Klickzahlen sind.

Soll Konzeptfußball in einigen Jahren auch diese Größe erreicht haben?

Es wäre schön, aber unser Ziel ist es nicht. Wir wissen, was die Leute von Spielverlagerung können und dass es sehr schwierig ist, auf deren Niveau zu kommen, da sind wir noch nicht ganz. Unser Ziel ist es, vom Wissen und Verständnis her auf deren Niveau zu kommen – nicht von der Seitengröße her. Das spielt eine untergeordnete Rolle. Besonders aktiv sind wir ja auch nicht, haben alle noch eine Menge andere Sachen zu tun, Studium, vielleicht noch nebenbei arbeiten, hat Priorität.

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