Der Ekel als Programm, das härteste und konsequenteste Spiel der Bundesliga – die Sprache ist natürlich vom FC Ingolstadt, wo einem, wie Josip Drmic meinte, beim Zusehen die Augen weh täten. Und dann ist da Sonny Kittel: Neuzugang der Ingolstädter von Eintracht Frankfurt, 23 Jahre alt – und in seiner Verletztenakte stehen zusammengerechnet bereits 993 Tage Ausfallzeit zu Buche. Kittel gilt als äußerst fragil und verletzungsanfällig – wie passt dieser Spieler dann ins das Ingolstädter System, das so intensiv ist, dass es nicht nur den Gegner, sondern auch die eigene Mannschaft zermürbt?

Doch da gibt es da ja noch Markus Kauczinski, neuer Trainer beim FCI und Nachfolger von Ralph Hasenhüttel, Vater des Ekel-Systems. Brechen neue Zeiten an bei den Schanzern? Ist der Kittel-Transfer ein Wink in eine andere Taktik-Richtung? Oder hat der FCI einfach einen schlechten Transfer getätigt?

Ein Drama in 993 Akten

Kittel, 1993 als Sohn polnischstämmiger Eltern in Gießen geboren, wechselte bereits mit sechs Jahren von seinem Heimverein in Gießen in die Nachwuchsabteilung von Eintracht Frankfurt. Dort durchlief er alle Nachwuchsmannschaften und absolvierte parallel dazu eine Musterkarriere in den U-Nationalteams. 2010 wurde er deutscher B-Jugend-Meister, debütierte noch im gleichen Jahr für die Bundesligamannschaft der Eintracht. 2011 gewann er, hinter Julian Draxler, für den jüngst 60 Millionen Euro vom FC Arsenal geboten wurde, die Fritz-Walter-Medaille in Silber. Die große Karriere, sie scheint zum Greifen nah für Sonny Kittel, der Schritt zum Star ist nur noch ein kleiner. Doch 2011, als Kittel auf dem vorläufigen Höhepunkt angekommen war, war auch das Jahr, in dem das Drama seinen Anfang nahm. Am 18. April reißt das Kreuzband im rechten Knie, Kittel fällt 213 Tage aus. Doch Kittel kämpft sich zurück in die erste Mannschaft, die mittlerweile in der zweiten Bundesliga spielt, wo er am 13. Februar 2012 debütiert. Aber man merkt, dass der Weg zurück – frisch verletzt als B-Jugendlicher – hart und steinig ist. Im Oktober 2012 läuft Kittel erstmalig für die zweite Mannschaft der Frankfurter auf, doch im April 2013 der nächste Schock: Knorpelschaden, wieder das rechte Knie. Nur drei Monate nach der vermutlichen Genesung passiert ihm genau das gleiche im Januar 2014 erneut, Kittel verpasst wegen des Knorpels 73 Spiele seiner SGE. Ende Oktober 2014 ist der Albtraum vorbei, das rechte Knie ist gesund und arbeitet wie bestellt. Kittel schnuppert erneut Bundesliga-Luft – er hat es nicht verlernt, das Fußballspielen. Am 2. Mai 2015 passiert das Unglaubliche: Kittel knickt um, muss ausgewechselt werden. Bald darauf ist gewiss: Schon wieder ein Kreuzbandriss. Dieses Mal im linken Knie. Februar 2016 – der nächste Anlauf. Kittels Vertrag in Frankfurt läuft zum Ende der Saison aus, er muss also versuchen sich zu beweisen in den kommenden Rückrundenspielen. Doch am Ende stehen nur magere 272 Minuten Einsatzzeit zu Buche, die letzten drei Spiele blieb Kittel unberücksichtigt. Nach vier Knieoperationen, 17 Jahren und 993 Ausfalltagen heißt es also: Abschied nehmen.

Muss Sonny Kittel, Ex-Nachwuchshoffnung und Ex-Supertalent, froh sein, dass er überhaupt noch einen Profivertrag bekommen hat? Oder ist die Leidenszeit jetzt endlich vorbei für den 23-Jährigen, der ja eigentlich noch am Anfang seiner Karriere steht?

Vier Prozent auf Ronaldo

Dass Kittel ein großartiger Fußballer ist, hat er oft bewiesen. „Sonny Kittel ist ein technisch versierter Offensivspieler, der gepaart mit seiner Schnelligkeit äußerst stark im Eins-gegen-Eins ist“ heißt es von Thomas Linke, der seinen Neuzugang bestens zu kennen scheint. Denn er hat Recht: Kittel gewinnt karriereübergreifend ganze 80% seiner offensiven Zweikämpfe. Zum Vergleich: Die Quote von Franck Ribery liegt bei 86%, die von Cristiano Ronaldo bei 84%. Fußballerisch reiht er sich zumindest mit dieser Quote in Größen ein, die seinen Vorschusslorbeeren entsprechen. Dass die Realität anders aussieht, ist klar. Wenn Kittel nie verletzt gewesen wäre, würde er dann heutzutage tatsächlich bei einem großen Verein in der Championsleague spielen?

Gut möglich, denn auf dem Platz brächte er alles mit, was nötig wäre. Kittel ist, wie erwähnt, sehr stark im 1vs1, sieht man hier etwas genauer hin, kann man das unter Anderem mit seinem Körperbau begründen: Kittel ist mit seinen 179cm Körpergröße zwar größentechnisch näher an Cristiano Ronaldo als an Lionel Messi – betrachtet man diese Beiden als zwei von Grund auf unterschiedliche Dribbeltypen – dribbeltechnisch ist Kittel aber mehr Messi als Ronaldo. Er bringt eine unglaublich hohe Hüftbeweglichkeit mit, was es ihm ermöglicht, beim Fintieren sehr viel über Gewichtsverlagerungen des Oberkörpers zu kommen, ähnlich wie Messi und nicht wie Ronaldo, der beim Fintieren übermäßig mit den unteren Gliedmaßen arbeitet und dann extrem von seinem Antritt und seiner Explosivität profitiert, während Messi – und Kittel – zwar auch antrittsstark und schnell sind, aber nicht nur darauf angewiesen, da sie den Gegner zuvor schon auf eine falsche Fährte gelockt und sich räumliche Vorteile erspielt haben.

Ist Kittel also sogar noch besser als Messi, weil er ja körperlich stärker ist, aber so beweglich, dass er mit Messis Fintiertechnik arbeiten kann? Nein, natürlich nicht, denn Sonny Kittel ist letztendlich dann doch ein gutes Stück langsamer in seinen Bewegungsabläufen. Nichtsdestotrotz ist er erfolgreich, wie die nackten Zahlen von WyScout zeigen. Um noch mehr über Sonny Kittel herauszufinden, ziehen wir wieder Thomas Linke hinzu: ,,Er […] versteht es, enge Spielsituationen intelligent aufzulösen.“ Auch das können wir unterschreiben: Kittel nimmt auffällig oft bewusst Tempo aus seinem Spiel, wenn er in der Vorwärtsbewegung einen Zweikampf nahen sieht und sich ergo die von Linke angesprochene enge Spielsituation ergibt. Dann nimmt er den Kopf hoch – und verlagert das Spiel intelligent. Oder er nutzt die Verlangsamung, um den Verteidiger kommen zu lassen und sich die Möglichkeit des Tempowechsels nach oben wieder zu eröffnen. Und dann á la Messi vorbeizuziehen. Das geschieht aber vermehrt im letzten Drittel, was kaum verwunderlich ist.

Zuletzt muss erwähnt werden, dass Kittel extrem variabel einsetzbar ist: Als Flügelstürmer (beidseitig), Mittelstürmer, aber auch dahinter als Zehn oder linker/rechter Mittelfeldspieler, sogar auf der Sechs spielte Kittel schon. Eine Eigenschaft, die den FC Ingolstadt sehr beeindruckt haben dürfte.

Ein taktischer Wink von Kauczinski?

Doch die anfängliche Frage ist immer noch offen: Ist Sonny Kittel ein Transferflop für den FC Ingolstadt? Nein, für den Verein nicht. Die Schanzer haben ablösefrei einen Spieler geholt, der über riesige Anlagen verfügt. Mit Groß, Hartmann, Hinterseer, Lex, Lezcano, Leipertz und Leckie ist man aber offensiv ausreichend besetzt, um nicht auf Kittel angewiesen zu sein. In das System der letzten Saison passt der 23-Jährige kaum. Einerseits ist er wohl körperlich nicht robust genug, als dass er sich unter diesen Umständen als Stammspieler profilieren könnte, andererseits ist seine beste Ressource das Spielerische und das gute Auge, zwei Werkzeuge, mit denen er enge Situationen auflösen kann, wie oben beschrieben. Diese Ressource bliebe bei der Beibehaltung des konsequenten Pressings, in der Offensivaktionen meistens nach Balleroberungen in der gegnerischen Hälfte zustande kommen und sich kaum enge Situationen ergeben, ungenutzt. Doch der Trainer der neuen Saison ist Markus Kauczinski – was heißt das? Hätte man für Kittel verhältnismäßig viel Geld ausgeben müssen, und hätte man das auch getan, dann hieße das: Die Schanzer kehren ab vom reinen Pressing, Kauczinski wird seine Mannschaft individuell taktisch klug einstellen. Dann könnte man sagen: Glückwunsch Sonny, richtige Entscheidung. Doch Kittel kam ablösefrei, was diese Schlussfolgerung nicht zulässt, gut möglich also, dass Kauczinski am äußerst erfolgreichen System seines Vorgängers festhält. Weshalb als Fazit stehen bleibt: Der 23-Jährige, der 17 Jahre bei der SGE spielte, hätte, nachdem er nun endlich vollständig genesen scheint, versuchen sollen, seinen Vertrag beim Heimatverein zu verlängern. Hält das Knie, kann er sich dort zur Legende machen, in Ingolstadt wohl kaum. Ob das bekennend eklige Ingolstadt und der fragile Sonny zusammenpassen, ist mehr als fraglich.

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