Abgeschoben in die zweite Mannschaft, vom Investor als Spieler mit zu geringer Klasse abgestempelt, am Ende nur 79 Einsätze in sechs Jahren – und trotzdem bedauern es die Fans des HSV, dass Gojko Kacar die Hamburger verlässt. Der Serbe hat es geschafft, trotz seiner wenig erfolgreichen Zeit beim Dino – er selbst spricht von einer ,,Achterbahnfahrt“ – große Wertschätzung zu erlangen. Außer bei den Entscheidungsträgern – dafür bekommt er die der Augsburger. Dirk Schuster sagt über seinen Neuzugang: ,,Genau so einen Spieler haben wir gesucht.“ Weshalb er sich da aber noch irren könnte, erklärt Transferkritiker.

Aus der Kanzlei nach Berlin

Eigentlich sollte es gar nicht die große Fußballkarriere werden. Dass sein Sohn Talent hatte, merkte zwar Gojko Kacars Vater auch – schließlich kickte er nach acht Jahren beim Heimatverein Podlamak bei Vojvlodina Novi Sad, einer regional renommierten Größe. Aber trotzdem sollte ein zweites, sicheres Standbein her, war doch der serbische Fußball kurz nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens nicht die aller luxoriöseste Beschäftigung. Deshalb wurde Gojko an die Universität geschickt, um Rechtwissenschaften zu studieren, um später einmal die Kanzlei des vorsorgenden Vaters übernehmen zu können. Doch dann kamen die Deutschen dazwischen, genauer: Die Berliner. Hertha BSC maßte sich tatsächlich an, in die kacar’schen Planungen einzugreifen und dem aufstrebenden Juristen ein Angebot vorzulegen, das seinem geübtem Auge dann wohl doch mitteilte: Auf nach Deutschland, Ćao Novi Sad. Und so begann das deutsche Abenteuer für Gojko Kacar, der in der Hauptstadt durchaus überzeugen konnte. Spätestens nach einem 25-Meter-Kreuzecktor gegen Frank Rost war bei den Hamburgern die Lust nach dem Defensivmann geweckt, wegen des Berliner Abstiegs in die zweite Liga konnte der Transfer in die Elbstadt realisiert werden. 2010 hieß es also in Hamburg: Dobrodosao, Gojko Kacar! So herzlich die Willkommensgrüße auch waren, so wenig herzlich war die Zeit des Abräumers beim HSV. In sechs Jahren erlebte der Serbe elf Trainer, sechs Sportdirektoren und drei Klubchefs. ,,Keiner hatte Geduld“, sagte Kacar erst kürzlich zur BILD.

Zu dieser Ungeduld gesellte sich dann noch Kacars Hang zu kleinen bis mittelschweren Verletzungen, die ihn immer wieder aus der Bahn warfen und gepaart mit dem fehlenden Vertrauen der Verantwortlichen jegliche Konstanz verhinderten. Konstant jedoch die Einstellung des mittlerweile 29-Jährigen, der trotz Degradierungen, teilweise öffentlichen Diffamierungen und Deplatzierungen (Leihsaison in Japan) nie aufgab und auf dem Platz stets das Äußerste gab. Hier lässt sich auch begründen, warum die Fans des HSV den Abgang des Kämpfers bedauern: In schwierigen Zeiten – wie zuletzt in den Relegationssaisons 2014 und 2015 – trug Kacar zum Saisonende durch aufopferungsvolle Vorstellungen und enorm wichtige Tore maßgeblich zur Erhaltung des Dinos als solchen bei. Trotzdem wurde der zum Ende der abgelaufenen Saison auslaufende Vertrag nicht verlängert, Kacar steuert gen Augsburg auf seine dritte Station in Deutschland zu. Kann er dieses mal auch dauerhaft überzeugen? Oder hatten die Hamburger Verantwortlichen Recht, wenn Sie dem Serben kein uneingeschränkte Vertrauen schenkten?

Innenverteidigender Serbenpogba

Gojko Kacar findet sich auf dem Platz fast ausschließlich im Zentrum wieder, und hierbei am liebsten bzw. am häufigsten im zentralen defensiven Mittelfeld. Auch als Außenverteidiger oder äußerer Mittelfeldspieler hat Kacar zwar schon gespielt, diese Positionen wird er aber beim FCA nicht bekleiden. Wahrscheinlicher ist es, dass der Serbe nach den Abgängen von Hong (China) und Klavan (England) als Innenverteidiger auftreten wird. Warum das Risiko und Chance zugleich ist, erklärt eine Untersuchung des Spielertypen Kacar.

Der 29-Jährige zeichnet sich als Zentrumsspieler dadurch aus, dass er eben überhaupt nicht so ist wie ein Sergio Busquets oder Francis Coquelin, die durch unüberbietbar cleveres Raumverständnis und unspektakuläre, aber extrem wichtige Aktionen überzeugen. Kacar ist einer, der auffällt, wenn er spielt, ein weiterer Grund dafür, warum er den Hamburgern im Gedächtnis blieb. Kacar ist in der Defensive kein Spieler, der Räume abdeckt und durch hohe ,,interception-rates“ auffällt, sondern einer, der stets höchst offensiv den Zweikampf sucht und aggressiv wie aufopferungsvoll nach Balleroberungen lechzt. Dabei scheut er es nicht, durch unkoordinierte Ausbrüche aus dem Kollektiv ein gewisses Risiko einzugehen, ebensowenig, ein Foul zu begehen, da durch eben genannte Ausbrüche, um eben dieses Risiko klein zu halten, eine Änderung der Spielsituation unabdingbar ist. Ob das eine Balleroberung, eine Klärungsaktion, oder eben ein Foul am Angreifer ist, ist vorerst zweitrangig. Nichtsdestotrotz kann man dem Serben ein kompromissloses und signalstarkes Zweikampfverhalten attestieren. Eine Defensivschwäche Kacars wurde mit dem relativ hohen Risiko schon genannt, eine weitere lässt sich am schonungslosen Zweikampfstil festmachen, der sicher nicht schuldlos an bereits genannten etlichen Verletzungen des Spielers ist. Auch die Quote von einer gelben Karte in etwa jedem fünftem Spiel spricht für sich.

Blicken wir auf die offensiven Fähigkeiten des Serben. Der Zentrumsspieler vertritt konsequenterweise auch hier die Rolle des auffälligen Typen, der gerne durch riskante Einzelaktionen oder spektakuläre Abschlüsse in Erscheinung tritt. So verschlägt es ihn mit Ball gerne nach Außen, wo er dann auch einen Zweikampf in Unterzahl nicht scheut und mit wenig Risiko, aber auch wenig Chancen das Dribbling sucht. Kacar kann hierbei ein gewisses Geschick im Umgang mit dem Ball nicht abgesprochen werden, seine 185cm Körpergröße, besonders die unteren Extremitäten derer, setzt der Serbe nämlich gewieft ein. So erinnert seine Ballführung im Dribbling (übrigens auch die Bewegungsabläufe im defensiven Zweikampf) ein wenig an die von Paul Pogba. Kacar legt sich den Ball oft bewusst weit vor, um den Gegner zu einem Ausfall zu provozieren, um dann schnell und riskant dazwischenzugehen und den Vorteil wieder auf der eigenen Seite zu haben. Um Paul Pogba nichts zu nehmen muss natürlich dazugesagt werden, dass der Franzose technisch bewanderter, koordinativ virtuoser und athletisch bevorteiligt (noch längere Gliedmaßen) ist. Trotzdem lassen sich leichte Ähnlichkeiten zwischen den beiden feststellen.

An dieser Stelle lässt sich auch ideal auf den nächsten Abschnitt verweisen, der im Kontext schlussfolgern soll, warum Kacar denn jetzt als Innenverteidiger Chance und Risiko zugleich für den FCA sein könnte.

Chance, ja – aber im Kontext unverständlich

Nun – sein doch recht riskanter Spielstil machen ihn zu einem vielleicht nicht optimal geeignetem Partner von Marvin Friedrich, der Neuverpflichtung aus Gelsenkirchen. Auch dieser pflegt nämlich einen Herausrück-Stil, der nicht immer ganz ungefährlich ist. Angenommen, Friedrich und Kacar würden ihre Spielweise als Innenverteidiger perfektionieren, so hätte man ein ideales IV-Duo für den FCA, der somit schon eine sehr zielweisende Komponente für die gesamtaktische Ausrichtung hätte. Friedrich braucht da noch ein bisschen, ein erfahrener Mann wie Kacar käme da vielleicht Recht. Unter Umständen sogar noch rechter als der noch erfahrenere Callsen-Bracker, der mit seinem Innenverteidiger-Stil einen anderen Typ als Kacar und Friedrich verkörpert und deshalb eventuell weniger geeignet sein könnte.

Dirk Schuster betonte bei der Stellungnahme zum Kacar-Transfer, dass die Vielseitigkeit des Serben große Wertschätzung seinerseits erfahre. Kann es also sein, dass Kacar ungeachtet der Hong- und Klavan-Abgänge als Sechser auftreten wird? Unwahrscheinlich, da man hier mit Baier einen Spieler hat, der am besten alleinig fungiert. Und noch offensiver (8 oder gar 10) reichen Kacars Fähigkeiten dann nicht mehr aus, der Serbe hat zwar die Pogba-Ansätze, diese veredeln zwar sein Spiel als Innenverteidiger, verlangsamen aber dieses in einer offensiven Rolle.

Es bleibt festzuhalten, dass Kacar beim FCA in einem Umfeld gelandet ist, das ganz entgegen dem beim HSV von Ruhe und Unaufgeregtheit geprägt ist. Das kann dem Serben, der unbedingt in der Bundesliga bleiben wollte, nur gefallen – für ihn kann der Transfer schon als gut bezeichnet werden.

Für die Augsburger jedoch muss man sagen, dass Kacar nicht der richtige Mann nach den folgenschweren Abgängen in der Innenverteidigung war. Angesichts der personellen Situation wäre hier ein Spieler angebracht gewesen, der ein Gegenpol zu den offensiv verteidigenden Friedrich und Gouweleeuw ist, ein Callsen-Bracker im Zenith sozusagen. Ohne Frage passt Gojko Kacar charakterlich einwandfrei zum FCA, auch sportlich sind durchaus Affinitäten erkennbar – doch im Kontext erschließt sich der Transfer nicht wirklich.

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