„Im Sommer tust du gut und im Winter tut’s weh.“ Seeeds Ode an ihre Heimatstadt, samt der ersten beiden Zeilen des Refrains, passen mit etwas Fanatasie auch zum Werdegang von Holger Badstuber. Auf sommerliche, verletzungsfreie Zeiten, die Abwehrfetischisten immer noch sabbern lassen, folgten kalte, verletzungsgeplagte Abschnitte, in denen Deutschland an der Karriere des Ur-Bayern gezweifelt hat. Erstmals wagt er sich nun aus seiner bayrischen Komfortzone heraus, um sich und den Verantwortlichen der Bayern zu beweisen, dass er seine Bundesligatauglichkeit nicht verloren hat. Wobei weniger an seiner Tauglichkeit gezweifelt wird, als vielmehr an seinem Körper. Wenn das Wörtchen „wenn“ nur nicht wäre…

Die meisten Karrieren werden schöner, wenn man sie im Konjunktiv schreibt und wir alle kennen Fußballer-Beispiele, bei denen das zutrifft. Was hätte aus Sebastian Deisler werden können? Wie gut wäre Uli Hoeneß auf, statt neben dem Platz gewesen? Wir wollen Holger Badstuber noch nicht in diese Kategorie einsortieren, zu viel Hoffnung hat er selbst noch, dass er das Ruder herumreißen kann und sein Körper standhält. Doch eine ähnliche Verletzungsgeschichte wie die des Neu-Schalkers sucht man vergeblich in der Bundesliga (tut uns leid, Arjen!). Trotzdem hat sich Manager Christian Heidel die Chance nicht nehmen lassen und den verletzungsanfälligen Abwehrspieler für den Rest der Saison ausgeliehen.

Schalke verpflichtet damit einen Vorzeige-Profi, den Bayern-Fans, trotz aller Sorgen, nur ungern bei einem anderen Verein sehen. Immerhin sprechen wir von einem Bayern im Dress der Bayern, der seit 2002 die Schuhe für seinen Verein schnürt. Badstuber, der sich sehr präsent in den sozialen Medien zeigt, ist bekannt für seine stets positive Haltung und seine intensive Auseinandersetzung mit den Fans. Dazu gehören auch seine ersten Worte an die Schalker Fans, denen er mitteilte, dass er einfach Lust auf Fußball habe. Publikumsliebling und Medienprofi, das wünscht man sich.

Transfer-Sherlock, übernehmen Sie!

Bayern-Spieler sind medial derart gut abgedeckt, dass Stärken und Schwächen eigentlich für jeden sichtbar sind. Das führt vor allem zu der Schwierigkeit, großartige Neuigkeiten zu Tage zu führen (vielen Dank nochmal an den Facebook-Kommentar, der uns alle als „Sherlocks“ bezeichnet hat). Da wir unseren Transferkritiker-Watson aber losgeschickt haben, versuchen wir trotzdem, einen Mehrwert für unsere Leser zu erzielen. Ziel ist es daher, die Statistiken von Holger Badstuber zu finden, die uns Aufschluss über seine Zeit bei Schalke geben können. Immerhin wird der Bayer in ein leicht verändertes Spielsystem integriert, das eine Dreierkette für ihn bereithält.

Wir betrachten also nur Spiele ab der Saison 2014/15, in denen die Bayern entweder mit einer faktischen Dreierkette gespielt haben oder Spiele mit einer Viererkette, in denen Xabi Alonso bzw. Bastian Schweinsteiger auf der Sechs gespielt haben. Da beide beim Spielaufbau zwischen die Innenverteidiger zurückfallen, ziehen wir auch solche situativen Dreierketten zur Rate. Daraus ergibt sich eine Stichprobe von zwölf Spielen in den letzten zweieinhalb Jahren.* Nicht viel, aber immerhin. Was verraten uns diese Spiele über Badstubers Fähigkeiten in einer Dreierkette zu agieren?

Zahlen lügen nicht

Badstuber schafft es seine ohnehin überragende Passquote in solchen Spielen noch einmal zu steigern. Elf der zwölf Spiele weisen eine über 90 prozentige Quote aus, mit der Ausnahme eines 88 Prozent-Ausrutschers gegen Leverkusen. Dank der hohen Ballzirkulation im Stakkato artigen Bayernspiel sind diese Quoten zwar keine Seltenheit, aber die Fähigkeiten, die Badstuber am Ball zeigt, sind rar gesät in der Bundesliga. Neben präzisen kurzen Pässen hat er auch öffnende lange Pässe im Repertoire, die er für Seitenverlagerungen oder Bälle in die Spitze nutzen kann. Dabei schlägt er am liebsten diagonale Bälle von der halblinken Verteidigungsposition rechts in die Spitze, wie er gerade in der Saison 14/15 noch beweisen konnte. Dazu ist Badstuber auch noch mit einem begnadeten linken Fuß gesegnet, der ihn zu einem gefährlichen Freistoß- und Eckenschützen werden lässt. Obwohl wir ihn länger nicht am Ball gesehen haben, bleibt seine linke Klebe lange genug in Erinnerung.

Seine Sicherheit am Ball zeigt sich auch darin, dass er lediglich einen Ballverlust in besagten Spielen zu verzeichnen hat. Eine starke Bilanz für einen Abwehrspieler, der meist weit vor dem eigenen Tor in letzter Reihe verteidigen muss. Gerade seine Erfahrung als Linksverteidiger zu Beginn seiner Karriere spielt Badstuber in der Dreierkette in die Hände. Mit seinem Gespür für Räume auf der defensiven Außenbahn verschiebt er immer wieder geschickt und lässt wenige Räume offen. Vereitelt er Angriffe nicht durch sein Stellungsspiel, kann er sich immer noch auf seine Zweikampfstärke verlassen. Seine Fähigkeiten ermöglichen es ihm, die meisten Eins-gegen-Eins-Situationen ohne Grätsche zu lösen. Seine Erfolgsquote in Zweikämpfen liegt bei weit über 60 Prozent in diesen Fällen.

Seine Zweikampfstärke und sein herausragendes Stellungsspiel werden an zwei weiteren Statistiken deutlich: auf der einen Seite begeht er selten Fouls (0,7 pro Spiel) und hält somit den Spielfluss aufrecht. Auf der anderen Seite gelingen ihm immer wieder Balleroberungen (ca. vier pro Spiel), die gefährliche Angriffe einleiten können. Alle Werte sind herausragend und im absoluten Spitzenbereich aller Bundesligaverteidiger anzusiedeln. Sie sind aber auch bedingt durch das Spiel der Bayern und die Gegner in unserer Stichprobe, soviel muss gesagt werden. Zu den Spielen, die unten ausführlich aufgeführt sind, gehören immerhin die Schlachtfeste gegen Hamburg (8:0) und Paderborn (6:0), aber auch die 0:2-Niederlage gegen Borussia Mönchengladbach. Die Werte sind also durchaus zugunsten Badstubers ausgelegt. Nichtsdestotrotz unterstreichen sie das spielerische (und statistische) Potenzial des Neu-Schalkers.

The elephant in the room

Wenn wir über Schwächen Badstubers sprechen, dann konzentrieren wir uns zunächst auf fußballbezogene Unzulänglichkeiten. Der Neuzugang hat trotz aller Begeisterung auch einige Mankos in seinem Spiel. Er ist zu langsam, um in intensiven Sprints die Oberhand zu behalten und zeigt größere Schwächen im Kopfballspiel. Gerade bei gegnerischen Ecken oder Flanken ist er zu anfällig und lässt sich gerne übertölpeln. Dazu kommt sein rechter Fuß, der im Vergleich zu seinem Pendant, stiefmütterlich behandelt wird. Andererseits, wer so einen linken Fuß hat, kann sich das durchaus erlauben. Dadurch ist er eigentlich auf die linke Halbposition in der Dreierkette festgelegt, um ihn im Spielaufbau nutzen zu können. Die beiden anderen Positionen fallen wohl weg aufgrund seiner Schwäche mit dem anderen Fuß.

Jetzt ist Holger Badstuber aber kein gewöhnlicher Fußballspieler, den man nach seinen Fähigkeiten beurteilen kann. Diese sprechen für sich. Für sich spricht aber auch eine Krankenakte, die nach dem Wochenarbeitspensum eines Sportchirurgen klingt. In chronologischer Reihenfolge zum Mitschreiben: Schambeinreizung, Kreuzbandriss (1,5 Jahre Pause!), Sehnenriss, Oberschenkmuskelriss, Sprunggelenksdistorsion und zu guter Letzt muskuläre Probleme. Jede Verletzung hat ihn mindestens zwei Monate außer Gefecht gesetzt. Puh, eigentlich genug, um zwei Krankenakten zu füllen. Und trotzdem will sich Badstuber wieder herankämpfen (#comebackstronger). Schalke geht es bei der Verpflichtung Badstubers wie dem Besucher einer Frittenbude beim Anblick der hausgemachten Frikadelle: man weiß nicht genau, was man bekommt und es könnte sich auch rächen, aber die Verlockung ist zu groß, „Nein“ zu sagen.

Ene, mene, muh und raus bist du…

Wie passt Badstuber also in die Schalker Abwehr? Seit Schalke am 8. Spieltag endgültig auf die Dreierkette in der Abwehr umgestellt hat, ist Weinzierls Wunschvorstellung wohl das Trio aus Benedikt Höwedes, Matija Nastasic und Naldo. Bis zum 13. Spieltag konnte man mit dieser Abwehr stolze 13 Punkte holen, mit einer einzigen Niederlage gegen Timo Werner, ähm, RB Leipzig, sorry. Sie wirkten abgestimmt und zeigten allesamt ansprechende Leistungen in dieser Kombination. Daran dürfte auch Badstuber zunächst wenig rütteln dürfen. Immerhin zeigt sich die Schalker Defensive stabil, der Spielaufbau mit Geis als zurückfallendem Sechser klappt und Sicherheit kehrte zurück ins Schalker Spiel. Einzig, man konnte nicht durchgehend auf diese Konstellation setzen. Da war zum einen die Sperre Naldos nach einer Notbremse, die eine verfrühte Winterpause nach sich zog. Zum anderen die immer wiederkehrenden Verletzungssorgen bei Nastasic, die ihn seit seinem Wechsel begleiten.

In Vertretung der beiden durfte sich beispielsweise Youngster Thilo Kehrer beweisen, der zwar sein Potenzial andeutete, aber auch seine Unerfahrenheit. Auch Sead Kolasinac bekleidete einen der drei Plätze und obwohl seine Leistung in Ordnung war, dürfte er auf dem linken Flügel wichtiger sein, das hat das Ende der Rückrunde bewiesen. Ansonsten wird es eng bei den Knappen in der Defensive.

Damit erklärt sich wohl auch die Leihe Badstubers. Schalke hat gezeigt, dass man die nötige Qualität in der Abwehr besitzt, um nach dem verkorksten Start wieder oben anzugreifen. Es fehlt lediglich in der Breite, um Formschwankungen (Naldo) und Verletzungen abfangen zu können. Ob man einen Verletzten mit einem anderen aufwerten kann, ganz nach dem Motto „Minus Mal Minus gibt Plus“, wird die Rückrunde zeigen. Klar ist aber, dass Badstuber ein überaus sinnvoller Ersatzspieler ist, der seine Einsätze erhalten wird. Wenn(!) er fit(!) werden sollte(!), hat er auch das Potenzial, Naldo im Laufe der Serie zu verdrängen, soweit kann man gehen. Für die Position des halblinken Verteidigers hätte man sich nicht besser verstärken können. Wie gesagt: wenn das Wörtchen „wenn“ nur nicht wäre…

 

* In der Saison 2014/15: 2. und 3. Spieltag sowie die Spieltage 21-24, 26 und 29. In der Saison 2015/16 die Spieltage 17-20.

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