Was haben Darmstadt 98 und EA Guingamp gemein? Fußballhistoriker und -romantiker werden gleich sagen: Beides sympathische Vereine, die es mit kleinen Mitteln und auf erstaunlichstem Wege bis in die höchste Nationalliga geschafft haben. Darmstadt als sportlicher Regionalliga-Absteiger, Guingamp als 7000-Seelen-Gemeinde. Doch was wohl selbst der ausgefuchste Fußballstatistiker nicht weiß, ist, dass am 10. Mai 2013 Jean-Philippe Gbamin mit einer 7:0-Niederlage von EA Guingamp im Profifußball begrüßt wurde, also mit eben jenem Ergebnis, mit dem Darmstadt 98 den FSV Mainz 05 24 Jahre, einen Monat und einen Tag vorher aus dem Profifußball verabschiedet hatte. Nochmal gut drei Jahre später gibt es ein Wiedersehen zwischen den 0:7-Geschädigten: Mainz 05 holt Gbamin in die Bundesliga – in der Hoffnung auf keine weitere Klatsche.

Abstrus steil

Jean-Philippe Gbamin wurde am 25.09.1995 in San Pedro, einer ivorischen Küstenstadt geboren. Der Ort, der seine Einwohnerzahl in den Jahren zwischen 1965 und ’75 in etwa verdreihundertfachte, ist ein Exempel für die abstruse Nähe aus einheimischer Armut und touristischem Luxus im Golf von Guinea. Ähnlich abstrus steil ging dann Gbamins sportlicher Aufstieg nach seinem Umzug nach Frankreich vonstatten. Schnürte er die Schuhe in den ersten zwei Jahren noch für die zwei nordfranzösischen fußballerischen Graupen Saint-Quentin Blessy und Aire-sur-la-Lys, ging es mit 13 Jahren zur regionalen Größe RC Lens, wo das Talent des Defensivmannes schnell entdeckt wurde. Bereits mit 16 Jahren wurde Gbamin zum zweiten Seniorenteam in die vierte Liga befördert und spielte regelmäßig, was vor allem vor dem Hintergrund seiner Position extrem erstaunlich ist. Folgerichtig debütierte er im selben Jahr für Frankreichs U18-Nationalmannschaft, es folgte eine stringente Karriere mit bisher 20 Einsätzen für die Nachwuchsteams der Les Bleus. Auch auf Vereinsebene ging die Entwicklung weiter, kolportierte Interessen der nationalen Schwergewichte aus Paris und Lyon wurden ignoriert und Gbamin wuchs zur Größe in der ersten Mannschaft an. Sein 0:7-Debüt geriet ob seiner stabilen Leistungen schnell in Vergessenheit, Gbamin stieg mit Lens in die erste Liga auf, für die Nordfranzosen absolvierte er insgesamt in erster und zweiter Liga sowie Pokal 98 Spiele, schoss dabei vier Tore und bereitete zwei vor. Zum Einsatz kam er als Innenverteidiger, aber nicht bemerkenswert weniger oft als Außenverteidiger und als Sechser.

Für fünf Millionen Euro wechselt der Franzose mit ivorischen Wurzeln jetzt also in die Bundesliga. Eine Summe, die für einen zwanzigjährigen Defensivspieler, der vom Sechstplazierten der zweiten französischen Liga kommt, durchaus als stolz bezeichnet werden kann, weshalb sich unweigerlich die Frage stellt: Ist Gbamin sein Geld wert?

Die dritte aus zwei Möglichkeiten

Der 186cm große Defensivmann ist auf dem Platz sehr flexibel, nicht nur positionsbezogen, sondern auch fußballerisch. Das heißt: Es ist schwierig, einen bestimmten Stil für ihn zu definieren, was aber auch daran liegt, dass Gbamin eben regelmäßig als Innenverteidiger, als Außenverteidiger und als Sechser spielt. Einzelne Fertigkeiten lassen sich aber durchaus nennen, abgesehen von seinem taktischen Verhalten. So ist Gbamin dank seiner stabilen Körpergröße und einer im Gesamtpaket kraftvollen Physis ein harter Zweikämpfer, der hier sehr reaktionsschnell zur Sache geht. Damit verbunden ist er ein guter Athlet, antrittsstark und auch auf längere Distanzen sehr schnell. Für seine körperlich ausgezeichnete Verfassung spricht auch, dass er in vier Jahren Herrenfußball nur eine einzige Verletzungspause aufzuweisen hat.

Weiterhin lässt sich dem 20-Jährigen eine solide Technik attestieren, vor allem bei hohem Tempo, wo Gbamin eine unsaubere Ausführung durch körperliches Fintieren und Abschirmen kaschiert. Zudem ist er in der Lage, auch über große Distanzen überaus genaue Flugbälle zu schlagen, seine Schusskraft gepaart mit einer sehr guten Schusstechnik ist eine Auszeichnung für einen spieleröffnenden Innenverteidiger der alten Schule, obwohl Gbamin dank seiner positionellen Flexibilität und der technischen Fähigkeiten sicherlich taktisch gesehen kein Innenverteidiger der alten Schule ist. Vielmehr lässt sich der Juniorennationalspieler – und hier wären wieder beim anfänglichen Stil – als Thomas Müller der Defensive zu bezeichnen. Gbamin bringt, ob er jetzt als Innenverteidiger, Außenverteidiger oder Sechser spielt, typische Elemente aus dem taktischen Verhalten gegen und mit dem Ball einer jeden Position in sein Spiel, das heißt, um den Vergleich mit Thomas Müller zu verstehen: Der junge Franzose spielt bisweilen sehr unorthodox, verwendet in manchen Situationen zum Beispiel fußballerische Stilmittel, die andere zu einem ganz anderen Zeitpunkt eingesetzt hätten. Das kann am besten mit einem Beispiel verstanden werden. Gbamins Mannschaft ist in der Rückwärtsbewegung, nach einem Ballverlust im letzten Drittel ist die gegnerische Mannschaft versucht, durch eine Umschaltaktion möglichst schnell möglichst weit in die gegnerische Hälfte vorzudringen. Ballführender ist ein äußerer Offensivspieler, der gerade im Zuge ist, aus dem zweiten ins tornahe Drittel Gbamins Mannschaft vorzudringen. Gbamin steht wenige Meter innen vom Ballführenden, theoretisch hat er zwei Möglichkeiten: Entweder er hätte sich als Außenverteidiger unmittelbar nach dem Ballverlust schnellstmöglich auf den Weg zurück in die eigene Hälfte gemacht, um die eigene Defensivordnung wiederherzustellen und den Angriff im Kollektiv abzuwehren. Oder er hätte unmittelbar nach der Balleroberung den unkontrollierten Zweikampf gesucht, um die Situation zu unterbrechen und die Umschaltaktion zu unterbinden oder zumindest zu entschleunigen. Doch Gbamin entscheidet sich für die dritte Möglichkeit: Er begleitet den Ballführenden aus der gegnerischen in die eigene Hälfte, ohne einzugreifen, wartet, bis die Mitspieler des anderen nachgerückt sind und die Situation latent gefährlicher wird. Dann, als es zu einem Zeitpunkt kommt, in dem der Ballführende entweder einen Schnittstellenball schlagen muss, einen Seitenwechsel vornehmen sollte oder ein 1vs1 suchen, greift Gbamin unvermittelt ein und sucht plötzlich den Zweikampf, erobert dabei entweder den Ball – was eine höchst vorteilhafte Situation zur Folge hat, da die eigene Mannschaft jetzt selbst eine Umschaltaktion starten kann – entschärft den Angriff, oder, im schlechtesten Fall, foult. Dieses Beispiel zeigt nicht nur Gbamins ,,reaktionsschnelles Zweikampfverhalten“, wie weiter oben postuliert, sondern ist darüber hinaus Beleg einem situationsbedingt hohen Verständnis für dynamische, taktische Abläufe auf dem Feld. Nichtsdestotrotz kann man auch jetzt noch nicht sagen, dass Gbamins Stil dieses Abwarten-und-erst-später-eingreifen wäre, das wäre ja viel zu eindimensional und würde auch ihm nicht gerecht werden. Vielmehr könnte man sagen: Gbamins Stil ist das Unerwartete.

Ist das jetzt gut oder schlecht? Vordergründig gut, macht es doch die Planbarkeit seiner Aktionen schwer möglich. Doch es darf auch nicht vergessen werden, dass Gbamins Art, zu spielen, ein gewisses Risiko birgt, denn auch die eigene Mannschaft baut ja in der Regel auf geplante und bekannte taktische Prozesse. Andererseits muss man auch beachten, dass der Franzose erst zwanzig Jahre alt ist und unter Martin Schmidt sicher noch vieles lernen wird. Zeit, eine Prognose zu wagen.

Gbamin? Schmidt’s kommender Lieblingsspieler

Gbamin trifft in der Bundesliga auf eine Mannschaft, die regelmäßig durch unerwartete Erfolge für Aufsehen sorgt. Allein daher könnte man schon sagen: Mainz und Gbamin, das passt. Aber auch sportlich stehen die Erfolgschancen gut, mit Martin Schmidt trifft der Defensivmann auf einen Trainer, der das Alternative und das Unkonventionelle im Fußball personifiziert. Der Schweizer wird seine helle Freude haben am Zwanzigjährigen und seine Einstellung gut einzusetzen wissen. Zudem gibt ihm die personelle Situation mit Abgängen auf allen für Gbamin relevanten Positionen (Baumgartlinger, Soto, Moritz, Sereno) großen Handlungsspielraum. Transferkritiker legt sich fest: Der Franzose wird ein bisschen brauchen, aber in naher Zukunft den Durchbruch in der Bundesliga schaffen.

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