Anfang August wurde publik, dass Kevin-Prince Boateng einen neuen Verein gefunden hat. Der 29-Jährige, zuletzt für den schillernden AC Milan am Ball, kickt zukünftig auf Mallorca für UD Las Palmas. Somit zieht es den Lebemann und Fashionprince Boateng auf eine Urlaubsinsel, um im Herbst einer bewegten Karriere mit viel Glanz- und Skandalmomenten, aber immer maximaler Aufmerksamkeit und Inszenierung, um noch die ein oder anderen hunderttausend Euro zu verdienen. Boatengs Transfer könnte sinnbildlich stehen für die glamouröse, die unnahbare und exquisite Welt des Profifußballs. Doch zum etwa gleichen Zeitpunkt wurde noch ein anderer Transfer publik: Der in der UDSSR aufgewachsene Abwehrmann Artem Fedetsky verlässt Dnipro Dnipropetrovsk und wechselt zu Darmstadt 98. Schillernd an diesem Transfer sind höchstens die frisch gewischten Steinfließen in der Kabine, wenn Fedetsky zum ersten Mal das Böllenfalltor, seine neue Wirkungsstätte, besichtigt. So wenig kevin-prince dieser Transfer ist, so wenig ist es auch Artem Fedetsky und seine Spielweise. Weshalb der Ukrainer ja gut zu Darmstadt passen sollte – könnte man denken.

Über zwei Leichen

Wie schon erwähnt erblickte Fedetsky das Licht der Welt in der ehemaligen UDSSR, genauer gesagt am 26.04.1985 in Novovolynsk in der Region Lutsk. Fußballtechnisch ging es aber recht flott zu einer großen Hausnummer, Fedetsky durchlief die Jugendabteilungen von Shaktar Donetsk, 2002 wechselte er bereits aus der U17 in den Herrenbereich zur zweiten Mannschaft. Vier Jahre später und ohne große Perspektive auf die erste Garde in Donetsk ging es 2006 zu Arsenal Kiew, der nicht mehr als den Namen mit dem Londoner Vetter gemein hat. 2001 wurde man bei Arsenal noch Vizepokalsieger, einige Jahre später war der sportliche Absturz schon längst ins Rollen gekommen. Dass 2004 zwei junge Spieler des Vereins auf ominöse Art und Weise ums Leben kamen, wird Fedetskys Entscheidung, schon nach einem Jahr den Verein wieder zu verlassen, kaum abträglich gewesen sein. Der Ukrainer verließ den 2013 insolvent gegangenen Club also in Richtung Kharkiv. Nach einem einjährigen Intermezzo beim hiesigen FK, das allerdings beträchtlich erfolgreich verleif (respektable fünf Tore bei 24 Einsätzen), kehrte Fedetsky 2008 zu Shaktar Donetsk zurück. Doch auch beim zweiten Anlauf war man sich noch nicht ganz grün, weshalb er mit mittlerweile 24 Jahren den Verein nach einer Saison erneut verließ und sich per Leihe in Richtung Karpaty Lviv verabschiedete. Nach seiner Rückkehr zu Donetsk wurde das Kapitel Donetsk endgültig beendet, Fedetsky verließ den Club zu Dnipro Dnipropetrovsk und hatte endlich einen Verein gefunden, wo er konstant Leistung bringen konnte. In vier Jahren brachte es der Verteidiger hier auf 115 Einsätze – auch in Lviv waren es zwar schon 96 gewesen, die Liason aber nicht auf Dauer. Neben seiner wankelmütigen Vereinskarriere bestritt Fedetsky seit 2010 als spät debütierender Landesvertreter 51 Spiele in der ukrainischen Nationalmannschaft, der 31-Jährige steht auch aktuell noch im Kader des Teams von Andrey Shevtchenko, bei der diesjährigen EM stand er in allen Partien über die volle Distanz auf dem Rasen. Resümierend kann man vielleicht sagen: Fedetsky kommt mit einem Alter zu Darmstadt, in dem andere Profis bereits aufhören – doch die Karriere des Ukrainers kam erst relativ spät in Schwung, weshalb man alles in allem nicht von einem Spieler im Karriereherbst sprechen kann. In seinem ersten Interview in Darmstadt gibt er auch gleich zu Beginn an, dass D98 für ihn eine Chance sei, von der er lange geträumt habe – keine Aussage, die man von einem 31-Jährigen mit internationaler Erfahrung (Championsleague, EM) erwarten würde. Doch sie ist auch offenbarend für die bisher wenig schwunghafte Laufbahn des Defensivmannes. Erfahrung, Härte und Abgeklärtheit sind sicher charakterliche Komponenten, die Fedetsky mit zu seiner ersten Station im Ausland bringt – aber reicht es auch sportlich für die Bundesliga?

Cafudetsky

Fedetsky ist positionell ein reiner Rechtsverteidiger. Seinen Aufgaben auf der Außenbahn geht er aber auch mit voller Inbrunst nach, dabei blickt er kaum über den Tellerrand. Was aber nicht unbedingt schlecht sein muss, denn so erfüllt er mannschaftstaktisch, was er erfüllen muss und bringt durch Ausreißer kein Ungleichgewicht ins Gefüge. Zudem ist er in seiner Spielweise dann doch effektiv und erfolgreich, da er eben immer zu hundert Prozent weiß, was er macht. Trotzdem lässt sich Fedetsky eine gewisse Eindimensionalität nicht absprechen, auch mit der Flexibilität wird es wohl nicht mehr allzu weit her sein beim Ukrainer – ein moderner Hybridaußen wie Philipp Lahm, der dann wie unter Pep Guardiola auch in der Lage ist, ohne Ball asymmetrisch horizontal zu verschieben, wird aus Artem Fedetsky nicht mehr. Taktisch gesehen kann man sagen, dass Fedetsky so etwas wie Cafu light ist ist. Als der Ukrainer die ersten Schritte im Herrenfußball machte, wurde der Brasilianer nämlich allerorts als Pionier des modernen Außenverteidigens angepriesen. Mittlerweile ist Cafus Spielweise, nämlich das offensive Ausrücken der Außenverteidiger, die Flankenläufe, teilweise sogar das nach-innen-ziehen, immer noch der kleinste gemeinsame Nenner eines jeden modernen Außenverteidigers, doch in dieser Form sicher nicht mehr der aktuelle Stand der Dinge. Doch damals war er es, und Fedetsky etablierte sich so – und schafft es noch immer, durch ein fast exzessives Zelebrieren der cafu’schen Spielweise, sich im Profifußball zu halten.

Auch abgesehen vom taktischen Verhalten erinnert Fedetsky ein wenig an sein brasilianisches Vorbild. Wie Cafu ist Fedetsky zwar durchschnittlich groß, wirkt durch den etwas gedrungenen Körperbau aber ein wenig kleiner. Dabei ist er alles andere als dick, vielmehr extrem drahtig und stabil, was ihm auch für seine kompromiss- und schonungslose Spielweise zu Gute kommt. Es erübrigt sich fast schon zu erwähnen, dass Fedetsky konditionell herausragend ist und konkreter über eine überdurchschnittliche Schnelligkeitsausdauer verfügt. Alles in allem ein Mann also, der das Darmstädter Bundesliga-Wunder noch länger am Leben halten kann?

Passend im Rahmen der Möglichkeiten

Mit Norbert Meier hat Fedetsky am Böllenfalltor einen Trainer, der Spieler wie ihn schätzt und den Einsatz dieser Spieler entsprechend honoriert – dass der 31-Jährige regelmäßig auflaufen wird, steht außer Frage. Und auch wenn er in Darmstadt keine Luxuskabinen vorfinden wird, so kann Südhessen wohl locker mit der Lebensqualität in einem ostukrainischen Kernenergiezentrum mithalten. Es fällt also leicht, sich festzulegen: Auch wenn Fedetsky in Darmstadt auf keine Mannschaft trifft, die die besten Perspektiven hat, für ihn ist der Wechsel eine Win-Situation: Er kann sich wieder (oder erstmalig) über einen längeren Zeitraum in die allgemeine Aufmerksamkeit spielen und, wenn alles gut läuft, bringt er sogar das Zeug zu einem uneitlen, bescheidenen und kämpferischen Publikumsliebling mit.

Die Darmstädter, denen ja von allen Ecken und Enden fehlende Attraktivität für gute Transfers nachgesagt wird, haben bewiesen, dass das nicht der Fall ist. Denn mit Fedetsky holen sie keinen Glamour-Kicker, der tatsächlich nicht zu den Lilien gepasst hätte, sondern einen international etablierten Spieler, der charakterlich und sportlich obendrein zu D98 passt. Ob die Darmstädter Spielweise, die für diese positiven sportlichen Fügung grundlegend ist, zu einem Klassenerhalt der Lilien passt, ist eine andere Frage. Fest steht: Man macht wohl aus seinen Mitteln, was man kann. Und Artem Fedetsky passt dann genauso gut dazu wie Kevin-Prince Boateng nach Las Palmas.

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