Polen ist ein Land zwischen Traditionen mit großem Drang in die Moderne. Ein Land der Kontraste bei denen mancherorts die Zeit stehen geblieben scheint, wenn Großmütter mit gebundenen Kopftuch am Wegesrand selbstgemachte Marmelade verkaufen und andererorts in den Großstädten sich besonders bei jungen Frauen ein Trend zur Glitzer-und Glamourwelt entwickelt.Auf dem Rynek Glowny, dem großen Marktplatz in Krakau, direkt neben der bekannten Krakauer Tuchhalle, befindet sich eine Traube voller Kinder mit einem großen Wassereimer bewaffnet an Springbrunnen und Wasserhähnen. Der Tag des Smigus Dingus ist eine alte Tradition in Polen, an dem die Jungen und junggebliebenden Männer Frauen mit Wasser nass machen. Ein paar Augenblicke später, erschrickt eine Teenagerin an diesem Sonntag total und die Jungen kichern um die Wette, sozusagen ALS Bucket Challenge auf eine ganz andere Art und Weise. Eine Tradition. Eiskalt erwischt hat es auch den Traditionsverein Wisla Krakau, die in den 00er Jahren die größte und erfolgreichste Mannschaft in der polnischen Ekstraklasa waren, aber seit einigen Jahren finanziell kürzer treten müssen und somit andere Teams oben an der Tabellenspitze mitmischen. Wer dieses Jahr in der Meisterschaft die größten Chancen hat, wie momentan ein Abstiegskandidat nach 7 Spieltagen mit 6 Punkten Vorsprung von der Tabellenspitze grüßt und was die Traditionsvereine machen, in unserem heutigen Artikel.

Die polnische T-Mobile Ekstraklasa mit ihren 16 Teams sorgt beim Außenstehenden meist für Achselzucken. Fußball und Polen? Lewandowski, Kuba oder die Liverpool-Legende Jerzy Dudek sind bekannt, aber sonst herrscht meist Ahnungslosigkeit über den einheimischen Fußball unseres Nachbarlandes. Rekordmeister in der Ekstraklasa sind Ruch Chorzow und Gornik Zabrze mit jeweils 14 Titeln, die besonders vor einigen Jahrzehnten für Meistertitel en Masse gesorgt und über Jahrzehnte mit Legia Warschau den polnischen Fußball bestimmt haben. Heutzutage haben sich die Wege etwas getrennt, zwar spielen alle 3 Teams in der höchsten Liga, doch Legia Warschau hat einen fast 10 Mal so hohen Etat wie die beiden Teams mit ca.120 Millionen Zloty (28,3 Millionen Euro).

Allgemein Legia Warschau besitzt für die kommende Spielzeit mit Lech Posen den besten Kader der Liga. Legia Warschau profitiert dabei durch die jahrzehntelang starke Jugendspielerausbildung und den Teilnahmen an den internationalen Wettbewerben, sodass sich trotz fehlenden CL-Teilnahmen finanzielle Unterschiede in der finanzschwachen Liga breit machen. Auf dem Transfermarkt hat der norwegische Trainer Henning Berg mit dem ungarischen Mittelstürmer Nikolics Ersatz für Goalgetter Sa gefunden, sodass bereits 7 Saisontore auf dem Konto von Nikolics stehen. Zusammen mit Top-Talent Zyro und Kucharczyk sorgt man Idealfall für Durchschlagskraft, doch momentan ist wie bei Lech Posen noch Sand im Getriebe. In der Europa-League schied man in der Qualifikation aus und in der Liga steht nach 7 Spieltagen nur ein ernüchternder 6.Tabellenplatz. Zu wenig für die Ansprüche von Legia und doch hätte es schlimmer kommen können, wie beispielsweise bei Lech Posen, die momentan 14. sind.

Lech Posen, benannt in Andenken an den Solidarnosc-Führer Lech Walesa, ist dem deutschen Fan durch Robert Lewandowski und Artjoms Rudnevs bekannt, die beide in Posen Torschützenkönig wurden.Lech konnte als amtierender Meister mit dem deutschen Denis Thomalla und Dariusz Dudka interessante Leute holen und besitzt mit Kownacki, Linetty oder Kedziora eine Riege vielversprechender Talente, die im Meisterrennen für Furore sorgen sollen, wohlwissend, dass die besten Leute an finanzkräftigere Mannschaften im Ausland verkauft werden.

Im Verfolgerfeld reihen sich eine Reihe von Mannschaften ein, von Jagiellonia Bialystok, Slask Wroclaw, Wisla Krakow und Lechia Gdansk, die durch die Übernahme von dem Sohn des Viktoria-Köln Mäzen Wernze finanziell unterstützt werden und in diesem Sommer mit Slawomir Peszko und Ariel Borysiuk, zwei Bundesliga-erfahrene Spieler nach Danzig ins große EM-Stadion geholt haben. Außerdem verpflichtete man den vermeintlich größten Star der Liga, Milos Krasic, der zwar bei Juventus Turin und Fenerbahce, nie zu alter Form kommen konnte, aber nun sein Glück im zentralen Mittelfeld der Danziger sucht.
Allgemein sind die EM-Stadien eine richtige Augenweide, doch werden nur selten bis nie gefüllt, da zu überdimensional gebaut, für den teilweise doch eher mäßigen Zuschauerschnitt. Ein weiteres Problem sind die geringen Vereinsbudgets, die nur selten über 5 Millionen Euro übersteigen und auf deutschem 2.-3.Liganiveau, mit Außnahmen der großen Klubs, anzusiedeln

Momentan ist allerdings verkehrte Welt in Polen, denn Abstiegskandidat Piast Gliwice grüßt von der Tabellenspitze. Anfangs von Experten in einem Atemzug mit den Aufsteigern aus Lubin und dem Provinz-und Sensationsaufsteiger Termalica Bruk-Bet als Abstiegskandidat Nummer 1 genannt, wuchsen sie trotz dem Abgang des polnischen Torschützenkönig Wilczek nach Italien und Vassiljev nach Bialystok, aus der Not und den knappen Ressourcen über sich hinaus. Sie machten eine Tugend daraus, setzen auf ein eingespieltes Team und verdanken dem erfrischenden, doch kontrollierten Offensivstil vom Tschechen Radoslav Latal und den Toren von Stürmer Nespor die Tabellenspitze. Bereits sechs Punkte Abstand hat  Cracovia Warschau, dem Erzfeind von Legia Warschau, die besonders mit dem erst 18-jährigen Toptalent Bartosz Kapustka im defensiven Mittelfeld und der starken Offensive um den Ex-Lauterer Erik Jendrisek für Furore sorgen, trotz fehlendem Sportdirektor.

Fazit: Der polnische Fußball nagt am finanziellen Hungertuch und teure Neuzugänge oder gar Stars, sind nicht zu erwarten, sodass außer heimatverbundenen ehemaligen polnischen Bürgern auch in Zukunft wenig Interesse an Spielen bestehen dürfte. Der Vorteil der Ekstraklasa ist, dass man aus der Not eine Tugend macht, Talente entwickelt und besonders auf der Torwartposition für höchste Qualität steht, sodass bei Bialystok mit dem blutjungen Dragowski der nächste Premier League Torhüter in den Startlöchern steht. Zudem gibt es in allen Mannschaftsteilen interessante Talente, die allerdings nur kurzzeitig die heimische Ekstraklasa bereichern und dann in größere Ligen ziehen, sodass die Nationalmannschaft zu 70% aus Legionären besteht. Ein schwieriger Spagat diesen Weg der Tradition der Klubs und der Moderne der jungen Spieler und den EM-Stadien unter einen Hut zu bringen, wodurch sich die Ekstraklasa in Zukunft messen lassen muss. „Lieber ein Spatz in der Hand, als eine Taube auf dem Dach“, mal sehen, ob die polnische Liga diesen Spatz in Zukunft, wie in diesem polnischen Sprichwort, in der Liga behalten kann. Zu wünschen wäre es, auch wenn die eiskalten Duschen für die Mädchen am „Smingus Dingus“ am Krakauer Marktplatz auch in Zukunft bestehen bleiben dürften.

 

Top 3-Transfers:

1. Milos Krasic (von Fenerbahce zu Lechia Danzig)

2. Nemanja Nikolics (FC Videoton zu Legia Warschau)

3. Slawomir Peszko (1.FC Köln zu Lechia Danzig)

Ekstraklasa - Round-Up der Transferperiode
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