Es war die 83. Spielminute als das Eigengewächs Julian Draxler  am 15. Januar 2011 bei der Heimniederlage gegen den HSV der jüngste Debütant der Schalker Vereinsgeschichte wurde. Im darauffolgenden Spiel bei Hannover 96 stand der damals 17-Jährige Draxler gleich in der Startelf und bereitete den Siegtreffer von Raúl sehenswert vor. Die Anhänger der Königsblauen waren aus dem Häuschen. Auch wenn es in der Bundesliga nicht gut für sie lief, hatten sie endlich wieder ein echtes Kronjuwel im Kader, das auch noch aus der Region stammt. Eine große Diskussion ging in Deutschland nachher los, als der damalige Schalke-Trainer Felix Magath ihn versuchte von einem Schulabbruch zu überzeugen. „Dieser Junge braucht kein Abitur“ so Magath damals. Aber allen Schalkern war auch klar, dass „dieser Junge“ sicher nicht ewig auf Schalke spielen wird, dazu war der Edeltechniker einfach zu talentiert. Dass der nächste Verein des gebürtigen Gladbeckers aber der VFL Wolfsburg sein wird, dass hätte kein Schalke Fan zu dieser Zeit gedacht. Er wechselt für 36 Millionen Euro + 7 Millionen erfolgsabhängige Bonuszahlungen zum Vizemeister. Bei den Niedersachsen unterschreibt der Nationalspieler einen Fünfjahresvertrag. Was Draxler’s Spielertyp ausmacht und wo er beim VFL Wolfsburg auflaufen könnte, lest ihr im heutigen Artikel.

 

Sportliche Vergangenheit:

Julian Draxler wird im September 22 Jahre alt und spielte seit 2001 in der Jugend von Schalke 04. Insgesamt spielte der Mittelfeldspieler 119mal für die Knappen und erzielte dabei 18 Tore. Seinen größten Erfolg auf Schalke feiert Draxler 2011 mit dem DFB-Pokal Sieg in Berlin. Im Finale gegen Duisburg erzielte Draxler das zwischenzeitliche 1:0.

Die letzten 2 Jahre liefen für Draxler auf Vereinsebene aber nicht gerade nach Wunsch. Zu viele Verletzungen schlichen sich beim Rohdiamanten ein. Ein weiterer Grund für die Stagnation in seiner Entwicklung war der Tatsache geschuldet, dass er zu selten auf seiner Wunschposition spielen durfte. Nach einer starken Rückrunde unter Jens Keller in der Saison 2013/14 auf der Zehnerposition, kaufte Schalke zur neuen Saison Kevin-Prince Boateng für diese Position hinter Huntelaar. So liefen in den letzten Jahren meist Boateng oder Max Meyer auf Draxlers Lieblingsposition auf. Das Eigengewächs musste meist auf den linken Flügel ausweichen. Der Nationalspieler der im WM-Halbfinale gegen Brasilien eingewechselt wurde, wirkte auf Vereinsebene zunehmend unzufrieden. Als Konsequenz kam nicht der Wechsel nach München oder in die Premier League, sondern der Abgang zum VFL Wolfsburg. In dieser Saison stand Draxler in allen drei Bundesligaspielen für Schalke in der Startelf, schoss ein Tor und machte sein letztes Spiel für die Knappen ausgerechnet letzten Freitag in Wolfsburg.

 

Spielertyp:

Zu Draxlers Stärken gehören sicher die feine Ballbehandlung auf engstem Raum und die Schnelligkeit. Der 1,87m Mann besticht durch eine starke Übersicht und findet somit meist die richtige spielerische Lösung. Er spielte gerne Doppelpässe mit seinen Mitspieler und hat eine extrem gute Schusstechnik. So konnte er schon sehenswerte Treffer außerhalb des Sechzehnmeterraums erzielen. Wenn er von links kommt zieht er am liebsten nach innen, hat dabei oft einen unberechenbaren Trick auf Lager und ist kaum vom Ball zu stoppen. Zu den Schwächen des Weltmeisters kann man sicherlich die mangelnde körperliche Robustheit zählen. Damit verbunden ist er bisher auch noch nicht als Kopfballungeheuer in Erscheinung getreten. Auch wenn er schon länger dabei ist, zählt Draxler mit 21 Jahren noch zu einem jungen Spieler. Er muss jetzt beweisen, dass er ein bis zwei Spielzeiten ohne größere Verletzungen auf hohem Niveau abrufen kann.

 

Vor/Nachteile des Wechsels

Der aus der Schalker Region stammende Draxler wechselt von seinem Herzensklub ins beschauliche Wolfsburg. Wenn man es klischeemäßig ausdrücken möchte: Er wechselt von einem Traditionsklub zu einem Werksklub. Kein Wechsel für Fußballromantiker, und so kann sich Draxler sicherlich auch auf einem Shitstorm im Internet einstellen. Die Fans der Knappen werden den Wechsel ihres Talents nicht nachvollziehen können. Die Vorteile für Draxler liegen aber auch auf der Hand: Beim VFL kann er die nächsten Jahre wahrscheinlich regelmäßig Champions League spielen, diese Garantie konnte im Schalke nicht geben. So bietet ihm der VFL Wolfsburg die bessere Perspektive um sich entwickeln zu können und regelmäßig auf hohem Niveau zu spielen. Auch gehaltmäßig wird Draxler bei den Wölfen zu den Topverdienern aufsteigen und so mehr verdienen als auf Schalke. Der VFL hat große Ziele und die Wölfe haben mit diesem Transfer auf den Abgang von Kevin De Bruyne reagiert. Die Ablöse von knapp 40 Millionen Euro für Draxler ist im Vergleich zur Ablösesumme von Kevin De Bruyne von 80 Millionen Euro als Schnäppchen zu bewerten.

 

Neue Sportliche Situation:

Nach dem Abgang vom besten Bundesligaspieler der letzten Saison, suchte man in Wolfsburg einen Mann der Kevin de Bruyne in Zukunft ersetzen könnte. Julian Draxler hat die Qualitäten dafür, zudem ist er mit 21 Jahren noch nicht am Ende seiner Entwicklung angelangt. Wie De Bruyne ist Draxler auf der Spielmacherposition zu Hause, bringt aber ebenso wie der Belgier das Tempo mit um auf den Flügeln zu spielen.

Dieter Hecking ist seit zweieinhalb Jahren Trainer in Wolfsburg. Die Mannschaft zeichnet sich damit aus, dass sie hinten stabil steht und nach vorne mit sehr viel Tempo umschaltet. Heckings Truppe wirkt sehr gereift und spielt sehr konstant. Draxler spielt somit zukünftig in einer Mannschaft die funktioniert, das konnte man auf Schalke in den letzten Jahren bei weitem nicht behaupten. Mit seinem Tempo in der Umschaltbewegung, passt er Perfekt zum Spielstiel des Pokalsiegers. Im 4-2-3-1 System der Niedersachen muss Draxler sich gegen Max Kruse oder Bas Dost durchsetzen. Dost ist als Sturmtank der Wölfe ein Torgarant, während Kruse flexibel einsetzbar ist und beide Positionen im Zentrum bekleiden kann. Gegen Kruse sollte sich Draxler aber durchsetzen können, da er im Vergleich zum Ex-Gladbacher als der schnellere und beweglichere Spieler gilt. Kruse kommt mehr über seine Laufstärke und Spielintelligenz. Auf den Flügeln wird Andre Schürrle nach Anlaufschwierigkeiten in der Rückrunde, in diesem Jahr gesetzt sein. Der Weltmeister kann mit seiner Torgefahr und seiner Schnelligkeit eine Waffe für die VFL-Offensive werden. Weitere Konkurrenten für Draxler um einen Platz in der offensiven Dreierreihe werden Daniel Caligiuri und Vieirinha sein, die über die auf beiden Außenpositionen spielen können. Vieirinha wurde zwar von Hecking zum Rechtsverteidiger umgeschult, spielte zuletzt nach dem Abgang von Perisic zu Inter Mailand wieder im Mittelfeld. Auch Maxi Arnold könnte neben der Sechserposition, auch die Zehnerposition bekleiden und gilt somit auch als Konkurrent für den Ex-Schalker.

 

Fazit:

Draxler kennt die Bundesliga und wird nicht lange brauchen um sich zu integrieren. Wenn er das System von Dieter Hecking kennengelernt hat, wird er den Platz von Kevin de Bruyne auf der Zehnerposition bei den Wölfen einnehmen. Zur Not muss Max Kruse im Sturm auflaufen, und durch der Dreifachbelastung Champions League wird sowieso jeder beim Vizemeister zum Zug kommen. Mit seinem Talent wird sich Draxler in Wolfsburg sicher durchsetzen können und kann sich so auch wieder in den Fokus von Jogi Löw spielen. Sicher wird der Draxler-Wechsel in Deutschland kritisch gesehen werden. Der De Bruyne-Wechsel zu Manchester City hat aber auch bewiesen, dass Wolfsburg eine geeignete Durchgangsstation zu einem Topklub sein kann. Denn auf Schalke hat man ihn bei einem Solchen schon gesehen, als er mit 17 Jahren beim Auswärtsspiel in Hannover den Treffer von Raul mustergültig vorbereitete.

Draxler zu Wolfsburg
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