Alexander Esswein steht am Spielfeldrand und macht sich bereit für seine Auswechslung. Als auf der Anzeigetafel in grünen LED-Lampen am letzten Sonntag die Nummer 7 aufleuchtet, weiß er, dass es nun für ihn zählt. Er klatscht sich kurz ab, sprintet auf den Rasen. Einige Meter weiter oben auf den Rängen lobt der hier nicht namentlich erwähnte Kommentator Esswein in eben jenem Moment für seine technische Qualität im Spiel mit dem Ball, die ja vielleicht doch noch den Unterschied gegen den HSV ausmachen könne. Wait a second… oder ein gepflegtes what the… werden sich in diesem Moment wahrscheinlich viele fußballbegeisterte Zuschauer vor der Flimmerkiste gedacht haben. Denn wenn Alexander Esswein eins vermissen lässt, dann ist es Technik. In der heutigen Transferabrechnung knöpft sich Transferkritiker den Sommerwechsel zur Hertha vor. Warum unser Fazit eher mau ausfällt, erfahrt ihr im Folgenden.

Sinuskurve eines B-Talents: Deutschen Meister, Mittelmaß, Aufschwung

Ja, ihr lest richtig. Was viele Fans vielleicht gar nicht mehr so richtig auf dem Schirm haben: Alexander Esswein wurde in der Fantastiksaison der Wolfsburger unter Import-Export-Guru Felix Magath deutscher Meister. In Worms geboren, verbrachte Esswein seine Jugend zunächst bei Waldhof Mannheim, ehe es ihn über die U17 und U19 des 1. FC Kaiserslautern in die Autostadt verschlug. In der Zweitvertretung der Wolfsburger regelmäßig zum Einsatz gekommen, konnte er sich bei den seit Magaths Zeiten hochkarätig besetzten Wolfsburgern nie wirklich durchsetzen. Was folgte, war aus Essweins Sicht genau der richtige Schritt: 2010 ging es für ihn in die zweite Liga zu Dynamo Dresden, wenig später folgte sein Wechsel zum 1. FC Nürnberg. Bereits in Dresden von der U19 in die U21 berufen, machte er in seiner Nürnberger Zeit durchaus auf sich aufmerksam, netzte als Teil der deutschen Juniorennationalmannschaft genauso wie für die Franken, wurde zur festen Größe im Nürnberger Spiel.

Esswein, vielleicht so etwas wie der Protoyp des ewigen B-Talents, empfahl sich durch seine Stärken erneut für ein aufstrebendes Projekt: der damals noch von Markus Weinzierl trainierte FC Augsburg nahm den Außenbahnspieler als Wintertransfer unter Vertrag, der damit auch den zu diesem Zeitpunkt wohl bereits feststehenden Abgang des Senkrechtstarters der Saison, André Hahn, zum Ende der Spielzeit kompensieren sollte. In der Folgezeit machte Esswein genau das, was Hahn ebenfalls auszeichnet: rennen. Vom Spielertyp ähneln sich beide so sehr, dass Weinzierl quasi in dieser Situation mit einem eins-zu-eins Tausch arbeiten konnte. Der Knackpunkt: Esswein machte seinen Job zwar auch in Augsburg solide, konnte jedoch auch aufgrund seiner mangelnden Torgefahr nie aus dem Schatten Hahns treten. Dementsprechend fällt auch unser Fazit zu seinen bisherigen Leistungen in Berlin aus. Esswein macht seinen Job zwar solide, wird jedoch spätestens, wenn die Hertha dauerhaft im oberen Drittel angreifen möchte, Opfer gewachsener Ansprüche.

Alleinstellungsmerkmal und Problem: Esswein der Körperspieler

Essweins spielerisches Potenzial bringt, ähnlich wie es auch beim Gladbacher André Hahn der Fall ist, ein Alleinstellungsmerkmal mit sich, welches gleichzeitig auch ein Problem ist: beide kommen durch ihre Körperlichkeit und Mentalität ins Spiel. Durch ihre raumgreifenden Schritte im Umschaltspiel und Kontersituationen können beide ihre hohe Schnelligkeit ausspielen und gefährliche Angriffssituationen kreieren, durch ihre körperliche Durchsetzungsfähigkeit lassen sie sich schwer vom Ball trennen und können auch im Spiel gegen diesen ihre Gegner unter Druck setzen. Das Problem hieran ist, dass die Bundesligamannschaften in vielen Fällen mittlerweile kompakter verteidigen, wodurch sich nicht mehr allzu viele Räume für diesen Spielertypus ergeben. Und wenn es eines ist, das beide brauchen, dann sind es eben jene Schnittstellen, in die sie mit Tempo stoßen können. Für das schnelle Kombinationsspiel ist Esswein genauso ungeeignet wie Kollege Hahn, Ballkontrolle bei der ersten Annahme und -weiterleitung sind in den meisten Aktionen mit einem unsäglichen mangelhaft zu bewerten.

Kurz: beide sind am stärksten, wenn sie über einige Meter unbedrängt Tempo aufnehmen und auf das Tor bzw. den letzten stehenden Verteidiger zusteuern können. Diesen mit ihrem Körper geschickt aus dem Spiel nehmend, verfügen beide über einen satten Schuss, durch den sie eine gewisse Torgefahr ausstrahlen. Allerdings bieten sich eben jene Situationen im modernen Fußball viel zu selten, technisch versiertere Spieler, die zum einen Räume in diversen Aktionen kreieren können und ballsicherer agieren, werden bevorzugt.

Erwartungen erfüllt, doch unterm Strich zu wenig: Die Zeit in der Hauptstadt

Essweins Transfer ist wohl auch mit den fehlenden finanziellen Mitteln der Hertha zu erklären, er wurde erst relativ spät in der Transferperiode verpflichtet. Wunschkandidat Balázs Dzsudzsák, der wie Esswein sowohl auf der linken als auch auf der rechten Außenbahn eingesetzt werden kann, war wohl nicht zu bezahlen. B-Talent Esswein ist also auch eher die B-Lösung. Und genau dies kristallisiert sich immer mehr heraus. Zwar ist er, wie bereits angesprochen, ein solider Spieler, strahlt jedoch genau das nicht aus, was der Hertha auf Außen und im offensiven Mittelfeld abgeht: Torgefahr. Die offensive Lebensversicherung der alten Dame lautet Kalousevic, der Druck aus dem zweiten Glied fehlt komplett. Abhilfe soll das große Talent Duda schaffen, welches wohl noch etwas Zeit braucht, um seine Vorschusslorbeeren bestätigen zu können.

Stocker und Haraguchi sind auf links gut aufgehoben, zudem scheint der Freiburger Grifo ein heißes Gerücht zu sein. Und rechts? Ja, da schlägt noch die Stunde des Alexander Esswein – noch. Auf kurz oder lang wird ihn jedoch durch seine Qualitäten aus unserer Sicht das gleiche Schicksal ereilen wie André Hahn in Gladbach: aufgrund seiner fußballerischen Beschaffenheit als Körperspieler wird man ihn von der Bank bringen, da „man so einen Spieler ja sonst nicht im Kader hat und man ihn immer mal bringen kann.“ Für Hertha ist dies gemessen an den eigenen Ansprüchen irgendwann zu wenig, für Esswein wohl auch. Es ist jedoch auch keine Schande, sich bei einem Klub aus der zweiten Reihe unverzichtbar zu machen. Esswein mit Hahn-Syndrom, aus unserer Sicht gegeben der Umstände ein solider Transfer, der jedoch keine Bäume ausreißt.

 

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