Es ist meistens ein Paradoxon: Bekanntheit erlangen die, die unerfolgreich sind. Die Erfolgreichen kennt kaum Jemand. So sind die Namen von Dietmar Beiersdorfer, Horst Heldt und Co. in aller Munde – wogegen die wenigsten etwas mit Klemens Hartenbach oder Otmar Schork anfangen können. Warum ist das so? Sportdirektoren kämpfen nicht an vorderster Front – ist ihre Arbeit erfolgreich, wird – zurecht natürlich -, aber auch in erster Linie, die Fassade gelobt. Mannschaft, Trainer. Erst wenn die Fassade bröckelt und ausgetauscht wird, rückt das Grundgerüst in den Fokus, weshalb Erfolgslosigkeit die beste Publicity für Sportdirektoren und Geschäftsführer dieser Fußball-Welt ist. Zeit, auch den Erfolgreichen die verdiente Aufmerksamkeit zu schenken.

Klemens Hartenbach und Jochen Saier

Von Ingolstadts Gärtner und Linke hätte man viel halten können, braucht jetzt aber wieder ein bisschen, um diese Achtung erneut einnehmen zu können. Die sportliche und geschäftliche Leitung des FC Ingolstadt hat nach wenigen Spielen und kurzer Amtszeit Deutschlands Trainer des Jahres 2015, Markus Kauczinski, wieder des Amtes enthoben. Unverständlich vor dem Hintergrund, dass das Umfeld vergleichsweise extrem ruhig ist und die Alarmglocken nicht schrillten – Ruhe und Objektivität beweist in diesem Fall regelmäßig die sportliche Leitung des SC Freiburg, bestehend aus Klemens Hartenbach und Jochen Saier. Zweiterer kam über ein Sportökonomiestudium ins Fußballbusiness, Hartenbach spielte (gemeinsam mit Christian Streich) beim Freiburger FC. Beide sind seit weit mehr als zehn Jahren im Verein, seit 2013 gebührt ihnen die sportliche Leitung. Eine fast schon wohltuende Vertrauensbeziehung zum Trainer und dem restlichen Funktionsteam sowie ein herrlich bescheidener, unaufdränglicher Führungsstil garantieren für Freiburger Konstanz im Profifußball, was alles andere als selbstverständlich ist. In der Saison 2014/15 drohte der SC aus der Bundesliga abzusteigen, eigentlich Zeit den Trainer zu feuern. Doch Christian Streich blieb. Der SC stieg ab, ja und? Mittlerweile ist er wieder erstklassig und steht nicht nur auf dem zehnten Platz, sondern auch zehn Punkte vor Gärtners und Linkes FCI.

Noël Le Graët

Zugegeben, dieser Name ist dann doch ein Bekannter und entspricht nicht mehr ganz der Paradoxon-These aus der Einleitung. Nichtsdestotrotz hat er eine Würdigung verdient, wohl auch, weil seine Geschichte eine romantische ist.
Le Graët wurde während des zweiten Weltkriegs geboren und wuchs als Sohn einer Bauern-/ Industriearbeiterfamilie auf. Anfangs verdiente er sein Geld als Erzieher, dann in der Steuerverwaltung und als Handelsvertreter. Irgendwann entschloss er sich aber dazu, Meeresfrüchte zu vertreiben und so erwarb er kurzerhand den kleinen Betrieb Celtigel in Bretone, der sich mit eben jenem Handel befasste. Eben jener kleine Betrieb verzeichnet im laufenden Jahr als Le Graët-Gruppe schon einen Umsatz von 200 Millionen Euro. Doch Noël Le Graët ist mehr als der Meeresfrüchte-Mogul: Auch als Fußballfunktionär machte er Karriere. So führte er En Avant Guingamp, Fußballverein der 8000-Einwohner-Stadt Guingamp, als Präsident von einer regionalen Amateurklasse in die erste Liga. 2009 und 2014 gewann man den Pokal, spielte letzte Saison international, zur Zeit steht man auf dem fünften Platz der Ligue 1. Le Graët war derweil 13 Jahre Bürgermeister von Guingamp, wurde zum Bretonen des Jahres ernannt und ist seit 2011 Präsident des französischen Fußballverbandes, wo er wegen seines Engagements für den Damenfußball als Held der Frauen gilt. Läuft.

Otmar Schork

Auch wenn sein Verein noch regelmäßig mit Kreativitäten wie “Sandhaufen“ und Ähnlichem verunglimpft wird, kann es kaum jemand leugnen: Der SV Sandhausen hat sich im Profifußball etabliert. War schon sein Aufstieg in die zweite Liga eine kleine Sensation, wurde und wird er danach Jahr für Jahr als Abstiegskandidat Nummer eins gehandelt. Und doch landet der von Otmar Schork geführte Verein Jahr für Jahr vor wahrscheinlich besseren, jedoch unwahrscheinlich größeren Clubs. Der 58-jährige absolvierte als Spieler eine kaum bemerkenswerte Karriere, aus Stationen wie Ober-Abtsteinbach und Starkenburgia sticht Darmstadt 98 II als Highlight heraus. Schork arbeitete dann 31 Jahre als Schadensregulierer bei der Allianz, ehe er mit 53 zum Fußball kam und jetzt seinen ,,Traumjob“, wie er selbst sagt, ausüben darf. Auf die Frage nach seinen Vorsätzen für das neue Jahr sagte er in einem Interview im Januar 2016, dass er im Februar für eine Woche Skifahren gehen wolle. Was ist das Erfolgsgeheimnis des SVS? Nun, man macht sich wohl einfach nicht viele Gedanken. Mit Trainern wie dem cleveren Alois Schwarz oder momentan dem leidenschaftlichen Kenan Kocak setzt man auf offenkundig passende Personalien, zudem tätigt Schork Transfers, die auf der Hand liegen, ohne große Geheimniskrämerei. 100.000 Euro für elf Zugänge lesen sich gut, manche Leistungsträger wie Wooten kann Schork des Öfteren überzeugen. Mehr braucht es nicht – außer eine Woche Skiurlaub eventuell.

John Rudkin

Die ganze Fußballwelt sprach über Leicester City und die Helden der Premier League, die das unmögliche möglich gemacht hatten: Robert Huth, Jamie Vardy und Co. hatten die Giganten der Liga um Chelsea, Manchester und Co. gestürzt und sich zum Meister gekrönt. Auch Claudio Ranieri wurde angemessen gewürdigt, der Trainer, der als Vater des Erfolgs betitelt wurde. Sogar der Name Vichai Srivaddhanaprabha sagt dem ein oder anderen etwas, genug Wiedererkennungswert bieten die zahlreichen Konsonaten ja. Der Thailänder, der die Mannschaft nach dem Triumph reichlich entlohnte, freute sich, in seiner persönlichen Premier League zumindest zeitweise die Glazer-Familie, Roman Abramowitsch und Sheikh Mansour überholt zu haben. Doch einem Mann wurde keine Zeile gewürdigt: John Rudkin, der seit 2003 und somit acht Jahre vor dem thailändischen Geldsegen im Verein arbeitete, lange Zeit als Nachwuchskoordinator wichtige Arbeit an der Basis leistete und mit Ranieri, dem Erfolgstrainer, vor der Saison einen Mann in den Verein holte, der zuvor vom griechischen Verband gefeuert und düpiert worden war. John Rudkin, seit Dezember 2014 Sportdirektor von Leicester, ist derjenige, der die erfolgreichen Strukturen im Kader baute, Transfers tätigte und mutig auf einen Trainer setzte – auch er hat sich den Platz in dieser Liste redlich verdient.

Facebook-Kommentare