Wir wurden ziemlich hinten reingedrückt“, sagt Onur Bulut im ersten Interview mit seinem neuen Arbeitgeber, dem SC Freiburg, über die letzte Partie seines ehemaligen VfL Bochum im Schwarzwald-Stadion. ,,Aber die Stimmung war super, wie schon die ganze Saison“, weiß der 22-Jährige brav zu honorieren. Nicht nur die Stimmung war super, auch ein Tor erzielte der Außenbahnspieler bei seinem ersten Rendezevous mit dem neuen Club. Künftig sollen die Treffer auf der Gegenseite fallen – gelingt das? Oder ist der SCF als Bundesligateam eine Nummer zu groß für Bulut?

Langsam aufgebaut

Bulut, 1994 in Werdohl geboren, ging eine typische Karriere über den Heimatverein FSV Werdohl, für den er bis zur D-Jugend spielte, über die nächstgrößeren Sportfreunde Oestrich-Iserlohn, ehe er 2008 in die U16 des VfL Bochum wechselte. Dort durchlief der Deutschtürke die Jugendmannschaften des Vereins, über B- und A-Jugend-Bundesliga debütierte er 2012 unter Iraklis Metaxas in der Regionalliga bei der Zweiten, ein Jahr später unter Peter Neururer bei den Profis in der zweiten Bundesliga. Fast ein Jahr vorher schon war er für die U19-Natiolmannschaft der Türkei aufgelaufen, für die er insgesamt in vier Spielen auf dem Platz stand. Seit seinem ersten Durchbruch bei den Profis baute er seine Karriere auf höchster Ebene langsam auf und reifte beim VfL zum Fußballprofi. Seine Einsatzzeiten erhöhten sich im Laufe der Zeit, zuletzt war er Stammspieler. Nach acht Jahren Bochum stehen nun 54 Zweitligaeinsätze zu Buche, hierbei konnte Bulut fünf Tore schießen und sechs vorbereiten. Doch seine Leistungen auf dem Platz waren Grund genug für den SC Freiburg, den 22-Jährigen auf die Mission erste Liga mitzunehmen – und ihn sich 1,2 Millionen Euro kosten zu lassen, wie transfermarkt.de kolportiert. Der SC Freiburg hat darüber nämlich ,,wie gewohnt“ Stillschweigen walten lassen. 1,2 Millionen Euro hin oder her – hat Bulut das Zeug dazu, sich in der ersten Liga durchzusetzen? Das erfahrt ihr wie gewohnt bei Transferkritiker.

Diagonal-Tourer

Bulut ist ohne Frage ein typischer Außenbahnspieler. Der Rechtsfuß findet sich ausschließlich auf der rechten Seite wieder, dabei kristallisierte sich das erst langsam heraus: In der Jugend kam Bulut auch als Rechtsverteidiger oder Sechser zum Einsatz, als er sich im Herrenbereich des VfL etablierte, legte der damalige Sportdirektor Todt Wert darauf, die ,,Vielseitigkeit“ des Jungspunds zu betonen. Von der ist gar nicht mehr so viel übrig: Der zierliche Bulut hat sich im Profitum auf der rechten Außenbahn etabliert und es ist schwer vorstellbar, ihn erfolgreich auf der Sechs spielen zu sehen. Warum? Dagegen spricht vordergründig seine Qualifikation für die rechte Außenbahn: Bulut ist ein sehr leichtfüßiger Dribbler, der 81% seiner offensiven 1vs1 gewinnt. Typisch für ihn ist außerdem dass er recht früh, zu Beginn des letzten Drittels, nach innen zieht, allerdings nicht horizontal, sondern bei Möglichkeit diagonal, um das Spiel schräg auf die andere Seite oder in die Spitze zur verlagern oder zur Not den Angriff durch einen Rückpass abzubrechen. Allerdings hat Bulut auch ein sehr gutes Raumverständnis, was ihn sogar für die Rolle als Zentrumsspieler wieder ins Gespräch bringen könnte: Schnittstellenbälle spielt Bulut bei seinen Diagonal-Touren zuhauf und auch im Umschaltspiel nach gegnerischen Ballverlusten ist der 22-Jährige in der Lage, schnell und effektiv in die Spitze zu spielen, sei es tief aus der eigenen Hälfte oder bereits in der gegnerischen ,,roten Zone“. Aber – und das ist entscheidend – das defensive Zweikampfverhalten Buluts ist ein einem 1vs1 von Angesicht zu Angesicht einfach zu schlecht. Zu schmächtig ist der Deutschtürke, der in dieser Hinsicht auf der Sechs Nachteile mitbringen würde, die schwer ausgleichbar wären. Nichtsdestotrotz, und das passt zu seinem Raumverständnis, ist er in der Rückwärtsbewegung clever, stopft Schnittstellen gut und fungiert auch als Balleroberer.

Zurück in die Offensive: In der klassischen Rolle des Außenbahnspielers, also nahe der Auslinie auf Höhe oder gar hinter der letzten defensiven Reihe des Gegners, fühlt sich Bulut oft gar nicht so wohl. Zu eingeschränkt sind hier seine Handlungssmöglichkeiten, zu einer klassischen Flanke lässt er sich nicht sehr oft, und wenn, mäßig erfolgreich, hinreißen. Viel lieber hat er es, wenn er aus dem Halbraum kommt oder auch im letzten Drittel noch die Möglichkeit hat, diagonal einzulaufen. Denn dann kann er den Ball auf kurze Distanz einchippen oder flach bzw. halbhoch zurücklegen, was meist unter dem Strich sehr erfolgreich ist, zudem seine mangelhaften Fähigkeiten einer Flanke über eine lange Distanz kaschiert und sein Raumverständnis ein weiteres Mal unterstreicht. Ein Fazit fällt schwer, da es fast scheint, als habe Bulut seine Rolle als 22-Jähriger schon sehr genau festgelegt, und das, obwohl er erst eine Saison bei den Profis hatte, in der er Stammspieler war. Letztendlich ist Bulut ein Spieler mit guten Werkzeugen, die er aber noch vielseitiger einsetzen muss – was dann auch am Trainer liegt.

Verlorene Vielseitigkeit: Ein Problem?

1,2 Millionen Euro – geht man davon aus, dass diese Summe stimmt, dann ist das für den SC Freiburg schon ein ordentlicher Betrag, der ein gewisses Risiko mit sich bringt. Bulut ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, wird kaum Eingewöhnungszeit benötigen, dass er in der Vergangenheit gut dotierten Angeboten aus dem Ausland (u.A. Gaziantepspor) zum Wohle der eigenen Entwicklung absagte, spricht außerdem für eine weitsichtige, vernünftige Einstellung. Für Bulut ist Freiburg sicher der richtige Schritt, mit 22 Jahren ist er alt genug, um die Herausforderung erste Liga anzugehen und vielleicht auch wieder in Richtung türkische Nationalmannschaft zu schielen. Auf Freiburger Seite liegt es jetzt am Trainer, die Formbarkeit des Deutschtürken zu prüfen und das noch in ihm ruhende Potential in Hinsicht auf verlorene Vielseitigkeit herauszukitzeln. Im Kader des SCF trifft er vor allem mit Mike Frantz auf einen namhaften Konkurrenten, das Duell um den Platz in der Startformation verspricht spannend zu werden.

In der Bundesliga wird Bulut auch oft auf Mannschaften treffen, die ihn und die Freiburger hinten reindrücken. Schafft er es trotzdem, wie mit Bochum gegen Freiburg damals, ab und zu ein Tor zu schießen – dann werden alle zufrieden sein.

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