Was verleitet Profisportler dazu Autobiographien zu veröffentlichen, obwohl sie noch selbst aktiv sind? Ist es ihr Geltungsbedürfnis? Finanzielle Not? Das Gefühl, wirklich etwas mitteilen zu können? Man kann hier selbstverständlich nur spekulieren, denn auch historische Vergleiche bieten wenig Aufklärungspotenzial. Das bekannteste Beispiel dürfte wohl Toni Schumachers Selbstoffenbarung „Anpfiff“ sein, die ihm zweifelhaften Ruhm einbrachte. Und einen vorschnellen Karriereknick. Das abschreckende Exempel lässt viele Sportler bis an das Karriereende warten, ehe man sein Leben verschriftlicht. Besser ist es.

Aber in Zeiten von neuen Konsum- und Lesegewohnheiten haben sie weiterhin die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge zu präsentieren, nur eben zeitgemäßer. Beliebtes Portal ist dann zum Beispiel der Players Tribune. Hier hat NBA-Superstar Kevin Durant seinen spektakulären Wechsel zu den Golden State Warriors bekanntgegeben. Auch Joshua Kimmich sah sich veranlasst, seine bisherige Karriere dort Revue passieren zu lassen. Es gibt schließlich immer irgendetwas mitzuteilen und folglich auch zu berichten. Jüngst hat uns ein neuer Bundesliga-Autor mit seinen Weisheiten beglückt. Bobby Wood des HSV hat uns mit seinen methusalem’schen 24 Jahren an seinem Lebensweg teilhaben lassen. Was er zu erzählen hatte und wie es seine bisherige Saison bei den Hamburgern charakterisiert, erfahrt ihr heute in unserer Transferabrechnung.

Ein Mal von Hawaii nach Hamburg

Zum Fußball kam er, weil seine Mutter ihm bei einem hawaiianischen Verein anmeldete, der per Fahrgemeinschaft zu erreichen war. Dass der kleine Bobby Angst hatte, keinen Schimmer vom runden Leder und sowieso keine Ausrüstung? Egal, Hauptsache der Kleine bewegt sich. Ganz im Klinsmann’schen Sinne wurde er jeden Tag ein bisschen besser, bis er mit seiner Familie in Kalifornien aufschlagen durfte. Dort vermittelte ihn schließlich ein Trainer an die Jugendabteilung des TSV 1860 München, denn als Stürmer müsse er sich in Deutschland beweisen, um ein Großer zu werden. Dass Bobby noch nie Schnee gesehen hatte, von seinen Mitspielern gemobbt wurde und dann auch noch Meniskusprobleme bekam? Macht nichts, denn nur wer sich hohe Ziele steckt, kann diese auch erreichen.

Denn auch das ist Bobby Wood. Ein Kämpfer, der auf und außerhalb des Platzes die Dinge angeht, die er beeinflussen kann. Mal sind es Abwehrspieler, mal seine Leistung und am Ende vor allem die eigene Gedankenwelt. „And then I made a decision. One day at a time.“ One day at a time. Mantra artig wiederholt Wood diesen Satz in seinem Essay, wenn er wieder einen Scheidepunkt seiner Karriere beschreibt. Dieser Spruch wird zum entscheidenden Leitgedanken, denn er lässt ihn bei 1860 durchhalten, bis er endlich in der ersten Mannschaft debütieren kann. Der Wechsel zu Union Berlin ist der Funke, der sein Profifeuer endgültig entzündet. Bei den Eisernen legt er in der vergangenen Spielzeit eine Fabelsaison hin, bei der er mit 17 Saisontreffern Unions Zweitligarekorde bricht und die Bundesliga auf ihn aufmerksam werden lässt. Den Zuschlag erhält letztlich (ausgerechnet) der HSV.

Ein Verein, bei dem eigentlich nichts passt

Keinem anderen Verein möchte man in der Bundesliga One day at a time lauter entgegen brüllen als den Hansestädtern. Getreu des Kölschen Mottos bewegt man sich dort nämlich zwischen zwei Gemütszuständen: himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt. Eine realistischere, man möchte fast Wood’sche Sicht sagen, wünscht man den Hamburgern bereits seit längerer Zeit. Vor der Saison konnte man nicht unbedingt überzeugt sein, dass man einen Verein im Konsolidierungsprozess antrifft.

Denn neben allen möglichen Querelen (Sportdirektor-, Trainer- oder Aufsichtsratsvorsitzenden-Schnitzeljagd) überzeugten auch die Neuzugänge nicht auf Anhieb. Ein schwäbischer Fahnenflüchtling, der eigentlich nach Europa wollte? Ein brasilianischer Linksverteidiger, den man noch nie wirklich zu Gesicht bekommen hat? Ein recht erfolgreicher Torjäger aus der zweiten Liga? Das wirkte doch recht zusammengewürfelt. Wirklicher Hoffnungsträger war ein kroatisches Supertalent, dessen Namen die meisten schon wieder vergessen haben. Auch das sind die Hanseaten.

Dementsprechend niedrig war die Erwartungshaltung zu Saisonbeginn, die der HSV sogar noch unterbieten konnte. Mit unterwältigenden Leistungen startete man in die Hinrunde und Nörgler, Zyniker und Masochisten klopften sich ungläubig auf die Schulter. Die Hamburger hatten es wieder einmal geschafft, sich zum Gespött der Liga zu machen. Klitzekleiner Lichtblick der ersten (beiden) Spieltage? Doppeltorschütze Bobby Wood.

Ein Verein, der eigentlich passt

Im 4-2-3-1 kann dieser seit Saisonbeginn die Position als alleinige Spitze für sich beanspruchen und mit seinen Stärken glänzen. Sein Tempo ist wie gemacht für das konterlastige Spiel der Hanseaten. Bei den vereinzelten Angriffen kann er immer wieder in die freien Räume stoßen und strahlt jederzeit Gefahr aus. Sinnbildlich stehen hier die ersten beiden Spiele, in denen er jeweils treffen konnte. Beide Male waren die Situationen ähnlich gestrickt und sein Tempo ausschlaggebend. Dazu kommt seine überraschend effiziente Spielweise. Man kann zwar sagen, dass er in 19 Spielen nur fünf Treffer erzielt hat. Man könnte aber genauso gut erwähnen, dass er fünf Treffer mit lediglich 13 Schüssen auf das Tor erzielt hat. Kommen seine Bälle auf den gegnerischen Kasten, dann sind sie immens gefährlich. In diesem Bereich konnte er seine Quote aus Berliner Zeiten übertragen.

Die vielleicht größte Bereicherung ist er jedoch im Spiel gegen den Ball. Als unermüdlicher Balltreiber agiert er in vorderster Reihe und jagt den Gegenspielern hinterher. Er kommt auf beeindruckende 49 Balleroberungen und unzählige indirekt eingeleitete Angriffe durch seine pausenlosen Attacken. Nicht umsonst betont Trainer Gisdol, dass Wood große Fortschritte in diesem Bereich gemacht hat seit der Winterpause. One day at a time-mäßig hat sich der Stürmer an den Bundesliga-Fußball und seine zahlreichen Facetten gewöhnt, um jetzt endgültig unabdingbar zu werden.

Denn bislang standen ihm zwei Dinge im Weg: die fußballerisch unterirdische Leistung des gesamten Teams in weiten Teilen der Hinrunde und er sich selbst. Eine unnötige rote Karte gegen den 1. FC Köln brachte ihm eine Drei-Spiele-Sperre ein und vielleicht den letzten Denkzettel, den er benötigte.

Alles eine Frage der Perspektive

Seit Beginn der Rückrunde läuft es nun deutlich besser bei ihm und er wirkt tatsächlich unverzichtbar für den Fußball der Hamburger. Seine Stärken passen zum HSV, genau wie seine Schwächen. Sein Passspiel ist eher unterdurchschnittlich, seine Fähigkeiten am Ball sind ausbaufähig und an schlechten Tagen taucht er auch gerne komplett ab. Kommt Hamburgern bekannt vor. Nichtsdestotrotz hebt er sich deutlich von den meisten Spielern im Kader ab, denn er kann regelmäßiger seine Leistung auf dem Platz abrufen. In dieser Hinsicht hat sich die Verpflichtung definitiv gelohnt. Denn kein Stürmer im Kader der Hamburger kann selbiges von sich behaupten. Lasogga ist ein Schatten seiner selbst und wirkt noch unbeholfener als ohnehin schon. Gregoritsch scheint eine Position tiefer besser aufgehoben zu sein und Gian-Luca Waldschmidt braucht noch Zeit.

Daher macht Wood auch perspektivisch für den HSV Sinn. Doch welche Perspektive bieten sie ihm? Der Abstiegskampf mag zwar gut zu den Stärken des Amerikaners passen, aber seine Leistungen sind auch (tabellarisch) offensiveren Mannschaften aufgefallen. Die Premier League klopft bereits an und Mannschaften rund um Everton, Leicester und sogar Liverpool lauern auf den Zuschlag. In den letzten Wochen machten prompt Gerüchte um eine mögliche Ausstiegsklausel die Runde. Zwölf Millionen? Zehn Millionen? Oder doch nur fünf Millionen bei Abstieg? Man kennt das Rauschen durch den medialen Blätterwald, vor allem im boulevardesken Hamburg.

Ob sich Bobby Wood bereits damit beschäftigt, darf bezweifelt werden. Es würde so gar nicht zu seinem Mantra passen. Denn Abstiegskampf bedeutet vor allem: One day at a time.

 

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