Guten Tag, Stefan und Lukas. Mittlerweile ist „Packing“ eines der Modewörter in der modernen Fußballberichterstattung. Ein jeder Fan erinnert sich an die Halbzeitpausen und Nachberichte der letzten EM, in denen Holger Stanislawski zwar oft merkwürdige Analysen anbot, die Moderatoren jedoch immer wieder auf die Packing-Statistik als entscheidendes Kriterium im Spiel verwiesen. Stefan, vielleicht kannst du unseren Lesern ja zu Beginn erklären, wie du auf das Konzept des „Packings“ gekommen bist, was sich genau hinter dem Begriff verbirgt und wie es zum Projekt IMPECT kam.

Die gängigen Statistiken wie Ballbesitz-, Pass- oder Zweikampfquoten haben nachgewiesenermaßen praktisch nichts mit der Leistung und dem Endergebnis einer Mannschaft zu tun und können auch Spielerleistungen kaum erklären. Daher haben wir uns die Frage gestellt: Was ist das Kriterium für eine gelungene Offensivaktion und wie kann man dies quantitativ messen? So sind wir auf die Idee gestoßen, dass eine Aktion umso wertvoller ist, je mehr Gegner man überspielt. Dies kann sowohl durch einen Pass, eine Flanke oder ein Dribbling geschehen. Wichtig ist nur, dass der Ball bei einem Mitspieler ankommt, verarbeitet werden kann und sich weniger Gegner zwischen Ball und Tor befinden als vorher. Diese überspielten Gegner können ihr Tor nicht mehr verteidigen. Daher sind sie „gepackt“ und aus dem Spiel genommen – eine etwas grafische Betrachtungsweise, die zum Kunstwort Packing geführt hat. Da wir zu Beginn aus der Branche viel positives Feedback bekommen haben und gemerkt haben, dass der Bereich der datenbasierten Analyse im Fußball noch ein großes Potential besitzt, haben wir uns entschieden, daraus ein Geschäftsmodell zu entwickeln.

Ihr sprecht auf eurer Website von einer „Neubetrachtung des Fußballs“ durch eure Analyse. Was ist das innovative an eurer Idee? Und wie schafft ihr es, die Spielbeobachtungen besonders objektiv zu gestalten?

Der Begriff „Gegner überspielen“ oder auch „Reihen überspielen“ ist nicht neu und wird auch schon seit Jahren in der Kabine verwendet. Wir waren aber die Ersten, die diesen Indikator messbar gemacht haben. Ähnlich wie bei den überworfenen oder gefangenen Yards im American Football haben wir jetzt eine Maßeinheit, die objektiv bewertet, wie gut eine Aktion war und inwiefern sie mich dem gegnerischen Tor nähergebracht hat. Letztendlich zählte für uns nur die Aussagekraft der Daten. Wenn wir nun nach der Hinrunde der Bundesliga resümieren können, dass die Packing-Daten eine höhere Aussagekraft als jede Torchancenstatistik haben – von Ballbesitz und Zweikampfstatistiken ganz zu schweigen – dann sind wir wahrscheinlich auf einem guten Weg.

Die Objektivität ist insofern gewährleistet, dass bei uns niemand die Qualität eines Zweikampfes oder eines Passes subjektiv bewertet, sondern alle Bewertungen auf einfachen Kennzahlen mit direktem Bezug zum Spiel beruhen. Genauso vermischen wir nicht verschiedene Daten zu einem komplexen Index, sodass letztendlich niemand mehr nachvollziehen kann, wie sich die Werte zusammensetzen.

Wie steht ihr denn zu herkömmlichen Daten wie Ballbesitz, Zweikampf- und Passquote? Welche Werte der gewohnten Spielbetrachtung sind eurer Meinung vielleicht sonst noch aussagekräftig?

Zunächst einmal können diese Daten immer dazu dienen ein Spiel zu beschreiben. Dass Bayern 80% Ballbesitz und Frankfurt in einem Spiel 60% ihrer Zweikämpfe gewonnen hat, ist erst einmal ein Fakt. Wir haben zumindest einmal angestoßen, dass die nächste Frage sein sollte, was die Bayern mit all dem Ballbesitz angestellt haben. Es gibt nämlich Spiele, wo sie diese Dominanz auch in Torgefahr ummünzen konnten und Spiele, wo sie dies eben nicht geschafft haben. Und wir denken, dass die Statistiken auch erst an diesem Punkt interessant werden, sowohl für die Clubs selber als auch für den Fußball-Fan vor dem Fernseher. Es ist also nicht unser Ziel die herkömmlichen Daten zu ersetzen, sondern wir glauben diese aufwerten zu können.

Wie kann man sich eure Mannschafts- und Spielanalyse Schritt für Schritt vorstellen?

Bei der Arbeit mit den Clubs sieht es so aus, dass wir das Spiel direkt im Anschluss von unseren Scouts mittels des Videobildes auswerten lassen. Dies dauert in etwa drei Stunden. Die Berechnung unserer Kennzahlen erfolgt dann in unserer Datenbank. Unsere Analysten schreiben anschließend noch kurze Fazits zu jedem Spieler und zu den Teamstatistiken, was die Arbeit der Clubs noch einmal erleichtern soll. Die fertige Analyse wird den Clubs dann am Morgen nach dem Spiel zur Verfügung gestellt.

Ausschnitt aus einer Analyse von Impect.

Gibt es neben dem „Packing“ weitere Kriterien, die ihr für eure Bewertungen nutzt?

Die im TV bislang vorgestellten Statistiken beinhalten lediglich das Überspielen von Gegnern. Für Offensivspieler ist es aber umso interessanter, wer das Überspielen überhaupt erst möglich gemacht hat. Wir bewerten also auch die Passempfänger und analysieren, wer es schafft sich gut in den Räumen und zwischen den Ketten zu zeigen und die Anspiele dann auch zu behaupten. Außerdem bewerten wir nicht nur das Spiel mit, sondern auch gegen den Ball. Dies funktioniert auf Basis der gleichen Methodik: wir schauen also z.B. wie viele Gegner eine Mannschaft oder ein Spieler mit Balleroberungen aus dem Spiel nehmen konnte. Was ist die beste Balleroberung? Die Balleroberung, nach der ich frei auf das gegnerische Tor zulaufe. Und warum? Weil ich damit alle meine Gegner bereits hinter mir gelassen und aus dem Spiel genommen habe. So können wir auch Mannschaften und Spieler aufzeigen, die vielleicht nicht die besten Packing-Werte im Ballbesitz haben, aber besonders gut gegen den Ball arbeiten.

Wo seht ihr in eurer eigenen Arbeit noch Verbesserungsbedarf? Wie lassen sich beispielsweise die von euch genutzten Werte noch aussagekräftiger gestalten?

Es gibt noch einige Bereiche im Fußball, die sich bislang noch überhaupt nicht aus Datensicht beschreiben lassen. Wann steht eine Mannschaft besonders gut, wann hat ein Spieler ein gutes Stellungspiel gehabt und wann nicht? Mit Hilfe von Positionsdaten der Spieler und des Balles lassen sich aber auch in diesen Bereichen Kennzahlen entwickeln und daran arbeiten wir zurzeit. Letztendlich kann man jede Kennzahl auch noch bis ins Unendliche weiterentwickeln, man muss aber aufpassen, dass es nicht zu komplex wird und dass der direkte Bezug zu dem, was auf dem Feld passiert, bestehen bleibt.

Der „Packing“-Wert sagt ja, wie ihr bereits erklärt habt, bekanntlich aus, wie viele Gegenspieler mit einem Pass bzw. einer direkten Vorlage überspielt und somit aus dem Spiel genommen werden. Wie behandelt ihr dabei denn einen vorletzten Pass, der nicht zu einem direkten Vorteil für die Mannschaft führt, sondern erst durch eine Weiterverarbeitung entscheidend wird? Worauf ich hinaus möchte: Gegenspieler zu überspielen ist ja nicht in jeder Situation gleich effektiv. Manchmal kann ein Querpass, der als Vorlage zur Vorlage fungiert, vielleicht sogar gewinnbringender sein als eine direkte Vorlage, die über fünf Gegenspieler gespielt wird. Wie geht ihr mit solchen Situationen um? Wäre es an dieser Stelle sinnvoll, einen genaueren Bericht zu schreiben anstatt „nur“ den Packing-Wert zu nutzen?

Wir glauben sogar, dass aus Scouting-Sicht an dieser Stelle ein genauerer Bericht eher verfälscht, als dass er mir in der Bewertung eines Spielers weiterhilft. Im Fußball entscheidet sehr häufig ein Tor über den Erfolg und es ist selbstverständlich, dass viele Leute sich sehr von dem Tor und der ganzen Entstehungen drum herum beeinflussen lassen. Wenn wir uns aber am Ende der Saison zwischen einem Spieler A entscheiden müssten, der im Schnitt 10 Verteidiger überspielt und keinen Assist auf dem Konto hat, oder einem Spieler B, der 10 Assists hat, aber keine Verteidiger überspielt, dann würden wir uns immer für Spieler A entscheiden. Um also nochmal auf euer Beispiel einzugehen: es interessiert uns viel mehr, wer den Pass gespielt hat, dass nur noch ein Querpass zum Torerfolg nötig war.

Wie beurteilt ihr den Stellenwert der Datenanalyse im modernen Fußballgeschäft? Es wird mittlerweile oft darauf verwiesen, dass Mannschaften im Spielerscouting vermehrt auf standardisierte Datenwerte und Statistiken anstelle der klassischen, oft subjektiven Scoutingberichte setzen. Wie seht ihr diese Entwicklung und welche Rolle spielt diese Datenanalyse in der Mannschafts- und Spielbeobachtung?

Das ist relativ schwierig zu beantworten. Schaut man sich an, wie in den USA oder auch in England mit Statistiken umgegangen wird, dann muss man klar sagen, dass der Fußball in Sachen Statistiken hier noch in den Kinderschuhen steckt. Es ist aber definitiv richtig, dass mehr und mehr Vereine den Mehrwert erkannt haben und auch einige Clubs Daten bereits in ihre Analyse einfließen lassen. Wir glauben auch nicht, dass der klassische Scout zu ersetzen ist. Wir sind aber sicher, dass Daten ein immer wichtiger werdendes Werkzeug in der Mannschaftsanalyse und insbesondere auch im Scouting werden können.

Wer nutzt bisher euer Angebot und in welchem Bereich wird eure Analyse derzeit eingesetzt? Sind es neben den bekannten TV-Formaten vor allem Profimannschaften, Fußballverbände und/oder vielleicht sogar Kunden aus dem Amateurbereich?

Wir arbeiten mit mehreren Clubs in Deutschland und der Liga zusammen. Unsere Daten werden dabei zum einen für die Teamanalyse genutzt und zum anderen werten wir komplette Turniere und weitere Ligen aus, um Scouting-Daten zu generieren. Bislang beschränkt sich unser Angebot auf den Profibereich, da die Datenerhebung noch mit einem erheblichen Aufwand verbunden ist, der für die meisten Amateurvereine nicht zu stemmen ist. Aber auch hier wird sich mit zukünftigen Chips im Ball und an den Spielern sicherlich noch einiges tun.

Wie seht ihr die weitere Entwicklung von IMPECT, welche Ziele visiert ihr an und welche Ideen stecken in den Startlöchern?

Wir entwickeln derzeit auf verschiedenen Feldern Ideen und Produkte. Da wir mit unseren Daten Spielerleistungen deutlich besser als alle anderen Statistiken abbilden können, sind die Daten also auch für sämtliche Manager- und Fantasyspiele interessant und erspart einigen Usern ein paar Nerven, wenn sie sich über die subjektive Notenvergabe einiger Portale aufregen.

Für unsere Vereine arbeiten wir mit Hochdruck an einem neuen Scouting-Portal, welches das Datenscouting auf ein neues Level heben soll. Wir stecken zurzeit auch in Gesprächen mit internationalen Vereinen und versuchen Packing auch außerhalb von Deutschland zu etablieren.

Die Vision ist eine Datenrevolution im Fußball, bei der die Packing-Methode der Dosenöffner ist – im Scouting, bei der Spielanalyse und der medialen Betrachtung von Fußball.

Interview: Julian Wacker

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