Jeder hat sie. Diese eine Jugendliebe, die einem nicht mehr aus dem Kopf geht. In jungen Jahren verdreht sie einem den Kopf und besitzt die Anziehungskraft, an die in späteren Beziehungen niemand so recht herankommen kann. Und doch wird man irgendwann von ihr getrennt, weil man zu früh zusammen war, sich in andere Richtungen entwickelt hat oder weil die Vorstellung einer Beziehung schöner war als die Realität einer Beziehung. André Hahns Jugendliebe ist der HSV. Zwei Jahre lang war Hahn bereits mit seiner Jugendliebe liiert, ohne über Einsätze in der 2. Mannschaft hinaus zu kommen. Es folgten eine (fast) angefangene und abgebrochene Ausbildung, zwei unerwartete Anrufe, Champions-League-Auftritte und das Nationalmannschaftsdebüt, ehe Hahn wieder mit seiner Jugendliebe vereint werden konnte. Ein veränderter Spieler, der eine fußballerische Entwicklung erlebt hat, die man ihm wohl kaum zugetraut hat.

Sein Wechsel in die Hansestadt wird heute mit anderen Erwartungen verbunden als noch 2008 bei seiner ersten Beziehung. Hahn und der HSV wollen beide ihre Bundesligatauglichkeit und Europapokalambitionen unterstreichen und nach eher ernüchternden Spielzeiten wieder durchstarten. Doch welche Version von André Hahn wird dem HSV helfen können? Ein Blick zurück, um einen Blick nach vorne zu werfen.

Hahn 1.0: das Kampfschwein (2010-2013)

Nach einer semioptimal verlaufenen Zeit in der zweiten Mannschaft der Hamburger, findet sich André Hahn bei FC Oberneuland vor den Toren Bremens wieder. Angetreten mit der Hoffnung, die Zeit beim HSV vergessen machen zu können, tut sich Hahn schwer in der Regionalliga und seine Trefferausbeute bleibt mager. So mager, dass er sich bald mit dem Gedanken anfreundet, dass er die Hand ‚Profifußballkarriere‘ nicht überspielen sollte. Noch im Oktober 2010 entscheidet sich Hahn, im kommenden Jahr eine Ausbildung als Autolackierer zu beginnen und möchte bis dahin nur noch nebenher Fußball spielen. Es folgt, was in jeder Hollywood-Geschichte folgen muss: in den anschließenden vier Spielen erzielt Hahn sieben Treffer, taucht auf dem Radar potenter Drittligisten auf und wechselt nach einem überzeugenden Telefonat zur TuS aus Koblenz.

In Koblenz und später auch Offenbach kann er zwar nicht mehr an seine Torexplosion aus Regionalligazeiten anknüpfen, doch es sind andere Attribute, die Hahn zu einem begehrten Spieler in der dritthöchsten Spielklasse werden lassen. Sein unermüdlicher Eifer, seine hartnäckige Zweikampfbereitschaft und seine ungeheure Schnelligkeit heben ihn von üblichen Drittligaspielern ab. Ein Wühler, der Gegner unter Druck setzt und nicht lockerlässt. Ein ‚Mentalitätsmonster‘. Einer, der hingeht, wo es weh tut. In zwei Jahren in der 3. Liga schafft Hahn es in 58 Spielen auf 14 Scorer-Punkte und 13 gelbe Karten. Auf der rechten Außenbahn findet er sein Hoheitsgebiet, das er mühselig mit unzähligen Laufwegen, Flanken und Grätschen beackert, in der Hoffnung, dass die große Fußballtür noch nicht geschlossen ist. Und tatsächlich meldet sich in der Winterpause 2012/13 Stefan Reuter vom FC Augsburg und möchte Hahn in die Bundesliga holen. Das Kampfschwein hat sich endlich seinen Weg nach oben gesuhlt.

Hahn 2.0: der sprintende Vollstrecker (2013/2014)

Noch in der Rückrunde kann sich Hahn zum Stammspieler mausern und Team, Verantwortliche und Fans von seinen Fähigkeiten überzeugen. Gerade seine Schnelligkeit im Konterspiel und seine Leidenschaft im Spiel gegen den Ball verhelfen Augsburg zum unerwarteten Klassenerhalt. Die Grundlage für eine beispiellose Folgesaison der Fuggerstädter und von André Hahn.

Zwölf Saisontore und sieben Torvorlagen am Ende der Saison klingen bereits beeindruckend für Augsburger Verhältnisse, drücken aber nicht annähernd die Bedeutung des Spielers für das Spiel unter dem damaligen Trainer Markus Weinzierl aus. Auf dem rechten Flügel wird Hahn zum Schlüssel im Augsburger Angriffsspiel. Dank seiner Geschwindigkeit, zu dem Zeitpunkt soll er angeblich schneller als Aubameyang sein, gelangt Hahn immer wieder hinter die Abwehrkette, schlägt die meisten Flanken der Bundesliga (118) und findet nebenbei seine Torgefährlichkeit wieder. Ihm gelingen Traumtore per Volley und alle Karrierezweifel der vergangenen Jahre werden über Bord geworfen. Das überfallartige Konterspiel der Augsburger mit Hahn als zentralem Umsetzungsmechanismus sorgt für Furore und befördert ihn in die Nationalmannschaft.

Doch neben seinen offensiven Qualitäten überzeugt der Flügelspieler weiterhin vor allem mit seiner defensiven Bereitschaft und seiner wahnsinnigen Laufbereitschaft (O-Ton Marwin Hitz: „(D)er rennt wie ein Gestörter.“). Er verzeichnet im Schnitt drei Fouls, zwei Balleroberungen und über 50% gewonnene Luftzweikämpfe pro Spiel und stellt seine Wertigkeit unter Beweis. Das hohe Pressing und schnelle Umschaltspiel seiner Mannschaft unterstreichen diese Stärken, wie die Augsburger Saison eindrucksvoll beweist. Denn am Ball werden auch Hahns Schwächen aus Hamburger Tagen weiter deutlich. Er bringt auch in seiner statistisch besten Saison weniger als 60% seiner Pässe zum Mitspieler, verliert fast zwei Bälle pro Spiel und kann weniger als 40% seiner Dribblings für sich entscheiden. Auf engem Raum gehen ihm mit dem Ball am Fuß schnell die Möglichkeiten aus, doch bekommt er den Platz, den er benötigt, wird er zur entscheidenden Waffe vor dem Tor.

Hahn 3.0: der Sturm-Bulle (2014-2017)

Darum zögert Max Eberl nicht lange und verpflichtet Hahn nach seiner Durchbruch-Saison in Augsburg, indem er die Ausstiegsklausel von 2,5 Mio. Euro aktiviert. Ein Schnäppchen für den damals frischen Nationalspieler. Hahn soll am Niederrhein den Flügel verstärken und sieht sich ab sofort Konkurrenten wie den pfeilschnellen Patrick Herrmann und Ibrahima Traoré bzw. Technikern wie Thorgan Hazard gegenüber. Nach vielversprechendem Beginn auf der rechten Außenbahn verliert er seinen Stammplatz im Laufe der ersten Saison und muss sich als Joker beweisen. Schon hier wird er immer häufiger im Sturmzentrum aufgeboten, doch Lucien Favre findet keine rechte Verwendung für den gebürtigen Cuxhavener. Zwei Schicksalsschläge verhelfen Hahn zu einem ungeahnten Comeback. Der überraschende Trainerwechsel von Favre zu Schubert und seine schwere Verletzung nach dem Horrorfoul von Johannes Geis. Der Bruch des Schienbeinkopfes und ein Meniskusriss zwingen Hahn zu monatelanger Reha, in der er anfängt Muskelmasse aufzubauen. Muskelmasse, die ihn körperlich eindrucksvoller, aber auch langsamer im Antritt daherkommen lässt.

Bulliger und fitter als seine Kollegen steigt er noch in den Saisonendspurt ein und markiert saisonübergreifend sechs Treffer in fünf Spielen. Seine neue, noch beeindruckendere Physis machen ihn für Schubert zum idealen Stoßstürmer, der mit Kopfball- und Zweikampfstärke vorangeht und als erster Verteidiger für Unruhe sorgt. Doch das ballbesitzlastigere Spiel der Gladbacher und die engeren Räume hinter der Abwehr rauben Hahns ursprüngliche Stärken, dazu gewöhnt er sich recht langsam an die Rolle im Zentrum. Und trotz gelegentlicher guter Leistungen kommt er am Sturmduo Stindl-Raffael nicht vorbei. So will sich auch in seiner letzten Gladbach-Saison trotz zahlreicher Einsätze kein wirklicher Torerfolg (abgesehen von zwei Treffern in der Champions League!) wiedereinstellen und nachdem alle Verletzten der Gladbacher zurückgekehrt sind, führt Hahn ein Leben zwischen Ersatzbank, Seitenlinie und Spielfeld. Zu groß bleiben seine fußballerischen Defizite und zu gering die Einsatzmöglichkeiten, seine Stärken, besonders der Zug zum Tor von der rechten Außenbahn, unter Beweis zu stellen. Ein Wechsel bleibt die logische Konsequenz.

Hahn 4.0?

Nun also die Wiedervereinigung mit seiner Jugendliebe, die die neueste Weiterentwicklung André Hahns noch nicht aus nächster Nähe kennt. In Gisdols wahrscheinlich bevorzugtem 4-4-2 ist Hahn die ideale Besetzung für den zweiten Stürmer neben Bobby Wood. Denn er ist genau der Spielertyp, der den Hamburgern gut zu Gesicht stehen sollte. Schließlich spielen die Hamburger einen Fußball, der wie gemacht ist für die Fähigkeiten der Neuverpflichtung. Aggressives Pressing gegen den Ball, möglichst überfallartige Konter, dazu lange Bälle aus der Abwehr, die im Sturmzentrum festgemacht werden. Hahns unermüdliches Arbeiten gegen den Ball, seine (hoffentlich noch vorhandene) Schnelligkeit und seine Zweikampf- und Kopfballstärke passen erstaunlich präzise. Dass gleiches auch für seine Schwächen gilt, sei an dieser Stelle jedoch auch erwähnt. Findet Gisdol nun noch eine stabile Mittelfeldzentrale, die dem Hamburger Spiel die lang ersehnte Balance geben kann, steht einer erfolgreiche(re)n Saison nicht mehr viel im Weg.

So bleibt die Frage, ob sich der Stürmer noch einmal weiterentwickeln kann, um endlich mit seiner Jugendliebe langfristig glücklich zu werden. Sollte Hahn in der Lage sein, als zweiter Stürmer nicht nur Lücken zu nutzen, sondern auch aufzureißen, wird er die nach innen tendierenden Kostic und Müller optimal in Szene setzen können. Solche Wege auf die Außenbahn könnten Hahns alte Stärken auf den Flügeln wiederbeleben. Er wird weiterhin eine Alternative auf dem Flügel bleiben, wahrscheinlich aber nicht mehr. Es gilt ihn zu einem mitspielenden Stürmer vollends auszubilden, wenn er seine Daseinsberechtigung in Hamburg untermauern will. Die Hamburger Verantwortlichen sind davon überzeugt und schwärmen in höchsten Tönen von ihrem Rückkehrer. Als solchen bezeichnen ihn die Hanseaten auch, ganz als würde man seiner alten Liebe nach vielen Jahren wieder in die Augen blicken. Man kann nur hoffen, dass das Kribbeln im Bauch länger anhält, als ein paar Wochen und dass die verliebten Blicke nicht durch eine graue Realität getrübt werden. Dann steht dem (Beziehungs‑)Glück nichts im Wege.

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