Wenn man einen Artikel über den niederländischen Fußball schreiben möchte, kommt man beinahe nicht umhin früher oder später auf Ajax Amsterdam zu stoßen. Dieser 33-malige niederländische Rekordmeister lässt unsere etwas älteren Leser vermutlich noch immer mit der Zunge schnalzen, bei der Erinnerung an das schon damals ausgeprägte „Voetbal Total“ in den 90er-Jahren als Ajax mit legendären Spielern wie Rijkaard, van Basten, Seedorf und dem blutjungen Kluivert den Champions-League Pokal entgegennahm. In den letzten Jahren verblasste dieser einstige Stern des europäischen Fußballs der 70- und 90er-Jahre, sodass man sich nun vollständig auf seinen Ruf spezialisierte und in der Ruhe der holländischen Eredivisie technisch hochbegabte Profis formt. Doch was macht die Ajax-Jugendausbildung aus und worauf wird systemtechnisch wert gelegt?

 Jugendarbeit und Spielsystem

Der 1900 von Studenten gegründete Sportclub Ajax Amsterdam gilt nicht umsonst europaweit als einer DER Talentbrutstätten , da sich Ajax bereits seit Jahrzehnten für eine umfassende professionelle fußballerische Ausbildung einsetzt und mittlerweile geschätzte 55% der Ehrendivisie die Nachwuchsakademie „De Toekomst“ durchliefen. Der Rekordmeister aus der niederländischen Hauptstadt vefügt über eine umfassende Scouting-Abteilung, die mit insgesamt allein 30 Talentspähern in der näheren Umgebung regionsweise die Jugendspieler beobachten. Sticht ein Spieler heraus, wird er den sieben Hauptscouts der Amsterdamer vorgeschlagen, die nach einem Votum der einfachen Mehrheit den Weg zu einem Probetraining ebnen, was der erste Schritt zu einem der begehrten zweijährigen Förderverträge darstellen kann. In der Jugendabteilung wird großen Wert auf die Hauptkriterien „TIPS“ gelegt, nämlich der TECHNIK, INTELLIGENZ, PERSÖNLICHKEIT und der SCHNELLIGKEIT. Der Nachwuchs soll schon früh mit dem charakteristischen Ajax-Spielstil infiziert werden, jedoch außerdem in der persönlichen Charakterbildung reifen, sodass teilweise einzelne Trainingssequenzen von den jungen Wilden geleitet werden können und auch die Hausarbeit im Internat aufgeteilt werden muss.

Spielerisch werden den Kindern und Jugendlichen früh das Tempopressing, die höchst anspruchsvolle technische Ballfertigkeit und Kreativität einverleibt. Besonders durch den Fokus auf dem Antizipieren von Spielsituationen, dem Kennenlernen jeder einzelnen Position auf dem Spielfeld und deren Anforderungen, wird eine spielstarke, polyvalente Jugend herangezogen, die nicht umsonst Begehrlichkeiten weckt und mittlerweile immer früher größere Klubs an die Spieler herantreten und ins benachbarte Deutschland oder bevorzugt nach England locken. Die schmerzvollen Abgänge der hochdekorierten Fußballvirtuosen werden dann durch die höheren Ablösesummen nicht mit teuren Neuzugängen, sondern zumeist mit eigenen Jugendspielern aufgefüllt, die durch die jahrelange Anpassung an das 4-3-3-System der Profis in allen Nuancen,keinerlei Anpassungsschwierigkeiten besitzen und somit in ein funktionierendes Kollektiv stoßen. Neben diesen Jugendspielern bietet Amsterdam auch ein hervorrangendes Karrieresprungbrett für ausländische Spieler, die man bevorzugt aus dem skandinavischen Raum verpflichtet. Doch dieser Trend flaut allmählich ab, da man statt auf Erfolgsgeschichten wie Ibrahimovic, Eriksen oder Suarez, nun noch stärker dem eigenen Nachwuchs vertraut und es sprießen schon wieder weitere neue Knospen von verheißungsvollen Pflanzen der Jugendschmiede, die nur auf ihre volle Entfaltung hoffen.

Aktuelle sportliche Situation

Mit den hochtalentierten Außenspielern El Ghazi und dem bereits jetzt europaweit gejagten Viktor Fisher, verfügt Trainer Frank de Boer über impulsive, spielstarke Außen, die schon jetzt zusammen mit der geballten Wucht vom Ex-Leverkusener Arkadiusz Milik oder dem dänischen Routinier Lasse Schöne ein schönes Offensivspektakel abliefern können. Besonders El Ghazi dreht diese Saison mit bereits 7 Toren in sieben Einsätzen auf und dürfte der nächste Rohdiamant sein, der Ajax im Sommer gen internationalen Topclubs verlassen dürfte. Da man außerdem mit dem hochtalentierten Ex-Gladbacher Younes, dem Innenverteidigertalent Veltman und dem spielstarken, exquisiten Klaasen ein gutes Gleichgewicht im Team hat, kann De Boer immer weiter neue Jugendspieler einbauen und Spieler wie die blutjungen Rohdiamanten wie der erst 18-jährige Riechedly Bazoer stehen als Stammspieler schon in der Verpflichtung, entwickeln sich prächtig und bieten schöne Versprechungen für die Zukunft. In der Liga grüßt man zurzeit von der Tabellenspitze und hat bereits einen kleinen Vorsprung auf den Meister  PSV Eindhoven  und Feyenoord Rotterdam, doch muss leider im Hinterkopf behalten, dass wohl in naher Zukunft, wenn man nicht in die Champions League zurückkehrt , auch diese Generation Ajax vermutlich den Rücken kehrt und ins Ausland wechselt. Auf internationaler Ebene startet man derzeit in der Europa League, fuhr zum Auftakt gegen Celtic Glasgow ein vom Spielverlauf eher ernüchterndes Remis zuhause ein, doch fährt nun unter der Woche mit breiter Brust zu Molde nach Norwegen, wo der erste Dreier in der Gruppenphase gelingen soll.

Fazit

Die Eredivisie ist mehr denn je zu einer Ausbildungsliga geworden und besonders Ajax Amsterdam sticht mit seinem Konzept deutlich heraus. Europaweit schafft man sich neben dem FC Barcelona somit einen exzellenten Ruf, doch sind aufgrund von dem geringen Stellenwert der Eredivisie im internationalen Fußball, Talente nicht lange haltbar. Eines bleibt jedoch sicher: Das „Harvard der Fußball-Nachwuchsakademien“(de Boer) wird immer weiter neue interessante Spielertypen hervorbringen und die Fans weiter alljährlich den feinen Ajax-Fußball bestaunen können. Gibt doch wahrlich schlechtere Szenarien für den interessierten Fußballfan!

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