Jannik Vestergaard (für Freunde gepflegter Phonetik „Westergohr“ ausgeprochen) zählt zu den teuersten Gladbacher Zugängen der Vereinsgeschichte. Nach dem Karriereende der Gladbacher Ikone Martin Stranzl sollte Vestergaard die Abwehrzentrale gleichsam verjüngen und verstärken. Insbesondere Vestergaards Freund Andreas Christensen spielte bei der Verpflichtung Vestergaards eine nicht unerhebliche Rolle, von einem neuen Traumduo war bereits die Rede. Bisher fällt jedoch auf, dass der 1,99m große Linksfuß nicht auf die Einsatzzeiten kommt, die Fans und Experten vielleicht vor der Saison vermutet hätten. Transferkritiker setzt das Maßband an und vermisst punktgenau die bisherigen Umstände. 

1. Schuberts Dreierkette

Normalerweise bildet Vestergaard in der dänischen Nationalmannschaft das zentrale Innenverteidiger Duo einer Viererkette mit Neu-Mannschaftskollege Andreas Christensen. Dabei gibt Vestergaard normalerweise den linken Part; ein Umstand, der durchaus auch in Gladbach ziemlich gut funktionieren könnte. Das Problem: Schubert lässt wie schon in der Vorsaison mit einer Kette aus drei Innenverteidigern spielen. In diesem System nimmt Vestergaard nach eigener Aussage mit Vorliebe die mittlere Position ein – auf dieser ist in Gladbach jedoch vornehmlich eben jener Nationalmannschaftskollegen Christensen unter Schubert gesetzt. Ein nicht außer Acht zu lassender Umstand ist hierbei auch die Tatsache, dass Gladbach nach wie vor mit Hochdruck an einer langfristigen Verpflichtung Christensens arbeitet und die Rolle als zentraler Abwehrchef ihm dabei durchaus schmackhaft gemacht werden soll. Einen Hoffnungsschimmer bereitete zuletzt die Versetzung Christensen ins zentrale defensive Mittelfeld neben Motor Christoph Kramer, bei der Christensen in der Rückwärtsbewegung als zusätzlicher Innenverteidiger ins letzte Glied rückte. Dies scheint jedoch in Anbetracht der wieder aufsteigenden Form Mo Dahouds nur eine Lösung auf Zeit gewesen zu sein. Der in Syrien geborene Youngster wird wohl wieder vermehrt neben Kramer in der Startelf gesetzt sein.

2. Konkurrenzkampf und Lieblingsschüler

Zwar kann Vestergaard auch links in der Kette spielen, hier scheinen der zu Beginn gesetzte jedoch derzeitig verletzte Strobl, der durch seine Nordtveit-ähnliche Einsatzbereitschaft und nicht herausragende, aber solide Spielweise als Beginner der Vorbereitung zu sehen war, und der wendigere Ersatzkapitän Tony Jantschke die Nase vorn zu haben. Insbesondere wenn Ausnahmetalent Doucoure wieder genesen ist, wird diese Position weiter angefochten bleiben. Auf der rechten Position fühlt Vestergaard sich wesentlich unwohler und Schubert vertraut hier eher Spielern mit einem technisch-versierten rechten Fuß – Lieblingsschüler Elvedi wird hier auf Dauer gesetzt sein und durch Julian Korb oder zuvor genannten Tony Jantschke ersetzt, wenn Rotationen anstehen.

3. Die Statik im Spiel mit dem langen Vestergaard

Ein weiterer Grund für Vestergaards holprigen Start konnte man im letzten Spiel gegen Schalke besonders gut erkennen: mit ihm verändert sich die Statik im Gladbacher Spiel grundlegend. Zwar verfügt Vestergaard über eine besonders gute Spieleröffnung, die ihm nicht zuletzt gegen Werder Bremen eine Torbeteiligung einbrachte, mit ihm steht Gladbach jedoch wesentlich tiefer. Hierbei agiert Vestergaard als zentraler Fixpunkt, der durch sein Kopfballspiel und seine Zweikampfstärke viele Chancen des Gegners verhindert – diesen Umstand musste auch Breel Embolo in den ersten 45 Minuten schmerzlich zu spüren bekommen. Man merkte jedoch auch, dass das Spiel mit Vestergaard an der ein oder anderen Stelle an schnellen Aktionen nach vorne und in der direkt eingeleiteten Vertikalität vermissen ließ. Das Resultat ist bekannt: mit der Herreinnahme Stindls änderte sich zwar die Dynamik im Spiel nach vorne, die defensive Stabilität und Statik ging jedoch verloren.

4. Nach fest kommt ab: rotiert Schubert zu weit?

Zu einem gewissen Grad ist Vestergaards Rolle jedoch auch Trainer Andre Schubert anzuhaften: Der Gladbacher Coach schwankt momentan zwischen einem gesunden Maas an schonender Rotation und Phasen der Positionsfindung innerhalb der Abwehr. Bei fast jedem Spiel schickt Schubert auf den drei hinteren Positionen andere Spieler auf den heimischen oder gegnerischen Rasen. Die Folge: fehlende Eingespieltheit und ungenaue Abläufe, die der Gladbacher Mannschaft zunehmend Probleme bereiten. Dabei fiel der gewohnt passsichere Vestergaard ebenfalls durch Abspiel- oder Stellungsfehler auf, die sich zwar mit vermehrter Einsatzzeit verminderten und durch seine starke Leistung im Schalke-Spiel fast vergessen gemacht wurden, jedoch weiterhin auftreten können, sollte nicht eine stärkere personelle Konstanz in Gladbachs Abwehr auftreten.

Ausblick: Christensen als Fluch oder Segen?

Eigentlich besteht kein Zweifel daran, dass Vestergaard alle Voraussetzungen mit sich bringt, um sich auf Dauer in der Gladbacher Verteidung durchzusetzen. In der momentanen Situation kommen mehrere Faktoren zusammen, die seine Lage erschweren. Ein unerwartetes Hindernis ist der eigentlich als Partner anvisierte und nun als positioneller Hauptkonkurrent geltende Andreas Christensen. Von dessen Personalie wird auch Vestergaards Zukunft entscheidend abhängen: Bleibt Christensen über das Saisonende hinaus und Schubert bei seinem Spielsystem, wird es für Vestergaard bei gleich bleibenden Vorzeichen weiterhin schwierig, sich festzuspielen. Kehrt Schubert in gewissen Situationen aus taktischen Gründen zur die Viererkette zurück, ist Vestergaard wohl erste Alternative neben Landsmann Christensen. Wie man es auch dreht und wendet: es scheint noch zu dauern, bis der junge und doch erfahrene Vestergaard zentraler Leistungsträger in der Defensive wird. Einsätze im defensiven Mittelfeld sind unter dem experimentierfreudigen Schubert jedoch alternativ auch nicht auszuschliessen.

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