Die Amtszeit von Roger Schmidt bei Bayer 04 Leverkusen begann furios. Ein 6:0-Appetizer im DFB-Pokal bei Schmidts Pflichtspieldebüt auf der Leverkusener Bank, machte schnell Hunger auf mehr. Die Werkself kochte ihre Gegner in den folgenden Spielen, durch unfassbar aggressives Pressing weich und bot den Fußballgourmets auf der Tribüne ein Festmahl. Doch wurde das Ganze über die letzten zwei Jahre hinweg etwas fad und die Spielidee büßte an Effektivität ein. Leverkusens Erfolg ging verloren und letztendlich auch Schmidts Job. Vielleicht wird es wieder Zeit dem System eine neue Note zu verleihen und mit ein paar Neuzugängen nachzuwürzen.

Verlust der Essenz – Es fehlt die Schärfe

Sieht man sich Leverkusen genauer an, weiß man erstmal gar nicht so genau, warum es in dieser Saison bei Bayer 04 nicht so richtig laufen mag. Der Kader ist qualitativ hochwertig, das System ist gut durchdacht und taktisch nicht schlechter, als die meisten anderen Spielsysteme in der Bundesliga auch. Doch treten die kleinen Schwächen der individuellen Spieler und der Spielweise der Mannschaft, in dieser Saison besonders häufig und besonders ausgeprägt zu Tage. Versuchen wir die größten Brandherde kurz zusammenzufassen: enorm hohe Anfälligkeit nach Standards, geringere Fitness und dadurch deutlich schlechteres Pressing, fehlerhafter Spielaufbau und als Topping die sagenhaft schlechte Elfmeterquote (1 von 6 verwandelt).

Die Anfälligkeit bei Flanken, nach Ecken oder Freistößen, ist an sich kein neues Problem für die Rheinländer. Einige Wechsel zwischen Mann- und Raumdeckung und einer Mischung aus beidem verwirrten die Mannschaft allerdings scheinbar mehr, als das der erwünschte Erfolg eingetreten wäre. Zudem fehlt zumeist einer, der sowieso schon wenigen kopfballstarken Spieler (Tah, Torpak, Kießling) verletzt.

Noch schlimmer ist der schleichenden Rückgang der Intensität des vielzitierten Leverkusener Pressings über die letzten zwei Saisons hinweg. Die Arbeit gegen den Ball verläuft in Leverkusen nicht mehr auf höchstem Niveau und auch nicht mehr auf höchster Linie. Bayers klare Spielessenz geht verloren und dementsprechend unstimmig und unharmonisch wirkt auch das Spiel der Mannschaft im Moment.

Eher mangelhaft ist auch der Spielaufbau. Durch das schwächere Pressing steht Bayer tiefer und beginnt seinen Spielaufbau folgerichtig auch weiter weg vom gegnerischen Gehäuse. Die Stärken des Teams lagen im schnellen Kombinationsspiel und dem wahnsinnigen Tempo im letzten Drittel. Beginnt der Aufbau nun tiefer, fehlen häufig die Zutaten für einen gelungenen Angriff, zumal es ohne Calhanoglu einfach an Kreativität mangelt.

Und zuletzt bleibt noch die lächerlich schwache Quote bei Elfmetern zu erwähnen (siehe oben), die jedem Fußballfan ein mitleidiges Lächeln ins Gesicht zwingt.

Zu wenige Köche verderben den Brei

Der schrittweise Abschied von Schmidts Vollgasfußball steht mit Sicherheit auch in Zusammenhang mit mangelnder Fitness und scheinbar schlechter Verletzungs-prophylaxe. Fitnesstrainer Oliver Bartlett musste in Folge dessen bereits seinen Arbeitsplatz räumen und darf jetzt sein eigenes Süppchen kochen. Um die intensive Spielweise auf drei fußballerischen Hochzeiten gleichzeitig und über eine Saison hinweg lang zu halten, ist zudem ein breiter Kader unerlässlich. Breite auf hohem Niveau befeuert den Konkurrenzkampf und vereinfacht Rotation und damit steht auch wieder eine frischere Mannschaft auf dem Platz. Doch wirklich breit war zuletzt in Leverkusen nur das Sicherheitspersonal.

Rezept zum Erfolg

Es gilt Spielertypen zu finden, die dem Rest der Mannschaft helfen ihr Potenzial wieder auszuschöpfen und die die taktischen und individuellen Schwächen sowie die leichte Unterbesetzung auffangen. Wir haben ein paar Lösungsvorschläge.

Abwehr

Nach Topraks Abgang im Sommer besteht in der Innenverteidigung dringend Handlungsbedarf! Dragovic konnte bisher eher selten überzeugen und braucht wahrscheinlich noch etwas Zeit, um eine angemessene Rolle in Leverkusen zu spielen. Aber auch auf der defensiven Außenbahn, wäre ein Spieler nützlich, der die drei Mega-Talente Wendell, Henrichs und Jedvaj an die Hand nimmt und für etwas mehr Sicherheit sorgt.

Tony Jantschke

Wäre charakterlich und spielerisch ein guter Ersatz für Leaderfigur Toprak. Er ist technisch sehr gut (hohe Spielintelligenz, gutes Stellungsspiel, guter Spielaufbau) und sehr laufstark (schnell und ausdauernd). Damit kann Jantschke den Leverkusener Spielaufbau wieder deutlich voranbringen. Durch seine antizipative Weise zu verteidigen, läuft er Räume gut zu und ist durch seine guten Beine, weniger anfällig gegen schnelle Konter. Also ein idealer Nebenmann für die Zweikampfmaschine Jonathan Tah. Er deckt außerdem gleich zwei Leverkusener Baustellen ab, da er als Innenverteidiger und Rechtsverteidiger spielen kann, wobei er die Außenverteidigerrolle eher defensiv interpretiert und Schwächen nach vorne offenbart. Durch seine Erfahrung, auch zeitweise als Kapitän, in Mönchengladbach würde er ein wichtiger Stabilisator sein und wäre mit 6 Mio. Euro Marktwert auch bezahlbar!

John Anthony Brooks

Mit 24 Jahren, zwei Jahre jünger als der Gladbacher, aber trotzdem ähnlich erfahren, auch durch etwaige Einsätze im US-Nationalteam unter Jürgen Klinsmann. Er paart die Zweikampf- und Kopfballstärke von Tah und die Schnelligkeit und Spieleröffnung von Jantschke. Zuweilen zeigen sich bei ihm aber auch technische Defizite, vor allem wenn er unter Druck kommt. Brooks bewahrt zwar eine bemerkenswerte Ruhe, ist aber doch des Öfteren für den ein oder anderen Fehler zu haben. Trotzdem ist er bereits ein sehr kompletter Verteidiger für sein Alter, würde aber wohl auch deutlich mehr kosten als Tony Jantschke.

Sime Vrsaljko

Mit Atlético Madrid warf er Leverkusen dieses Jahr aus der Championsleague, Grund genug ein Auge auf ihn zu haben. Aber er liefert noch mehr Argumente für sich. Er hat kaum eklatante Schwächen. Defensiv wie offensiv gut, also zweikampfstark, technisch sauber und immer laufbereit. Zudem hat er in Spanien Erfahrung auf internationalem Top-Niveau gesammelt und zählt mit 25 immer noch nicht zum alten Eisen. Einzig die Ablöse spricht hier gegen einen Wechsel, die könnte nämlich durchaus Sphären über 20 Millionen Euro erreichen.

Mittelfeld

Der mangelhafte Spielaufbau der Werkself, hängt auch mit Fehlern im zentralen Mittelfeld zusammen. Kevin Kampl zum Beispiel ist Motor und Unsicherheitsfaktor zu gleich. Hoher Offensivdrang und extrem hohes Pressing seinerseits, reisen Lücken im Mittelfeld um Baumgartlinger. Im Aufbau kippt er meist auf den Flügel ab und verhindert schnelles Kombinationsspiel über das Zentrum. Des Weiteren soll Diego Simeone Interesse an dem Slowenen signalisiert haben. Somit könnte auf dieser Position im Rheinland auch bald Handlungsbedarf entstehen.

Emre Can

Hat schon Stallgeruch und ist unter Jürgen Klopp in Liverpool noch einmal einen Schritt in seiner Entwicklung gegangen. Can wäre als Taktgeber offensiv wie auch defensiv der neue Motor bei Bayer 04. Man könnte ihn als offensiven Sechser bezeichnen. Körperlich robust und ein Passspiel à la Xabi Alonso. Er würde das schnelle Kombinationsspiel über die Mitte wieder in Leverkusen etablieren und dem Zentrum weitere Kompaktheit verleihen, sodass die Außenverteidiger nicht immer ein- bzw. nachrücken müssen. Es wird kolportiert, dass der Nationalspieler schon auf dem Zettel von Rudi Völler steht. Eine Verpflichtung wäre sicher keine falsche Entscheidung.

Nadiem Amiri

Passt mit seinen Attributen perfekt in die Offensivreihe bei der Werkself. Jung, bissig und talentiert, so könnte man den Spielmacher beschreiben. Der temporeiche und dribbelstarke Amiri, könnte als Bindeglied zur Offensive die Leverkusener auch bei ballorientierterem Spiel, mit einer größeren Unberechenbarkeit ausstatten. Durch sein gutes Auge für Räume hinter den Abwehrreihen, könnte auch endlich wieder das schnelle Vertikalspiel von Bayer besser zur Geltung kommen. Amiri wäre bei einer Verpflichtung ein wichtiger Faktor für jetzt und die Zukunft und ein wichtiger Ersatz, sollte Calhanoglu auch kommende Saison wieder länger fehlen.

Endlich wieder satt ausgestattet

Eine Völlerei auf dem Transfermarkt wäre für Rudi und seine Schwarz-Roten, bei diesen Empfehlungen keine Sünde. Das 5-Gänge-Menü an Transfervorschlägen sollte Leverkusens Weg an die Spitze, weiter fördern. Dann könnte die Qualität der Männer vom Rhein auch öfter als nur häppchenweise und halbgar zum Vorschein treten. Und wenn der Werksclub ganz viel Glück hat, ist vielleicht sogar jemand unter den Vorschlägen, der einen Elfmeter ins Tor schießen kann.

 

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