Stephan Kuhnert steht wieder einmal im Fokus. Oder besser: Endlich wieder einmal, stand er das ja zuletzt 1989, als der Torwart per Abschlag das Tor des Monats Oktober erzielte. Doch 27 Jahre später, da heißt es per offizieller Meldung von Mainz 05, denen Kuhnert stets die Treue hielt, dass dieser ,,insbesonders“ am Scouting und am Transfer des Mannes beteiligt gewesen sei, der die neue Nummer eins von Mainz werden soll: Jonas Lössl, Nachfolger vom Senkrechtstarter Loris Karius, soll zukünftig das Tor des FSV hüten. Der Einstieg fängt ja schon mal gut an. Er komme eigentlich gut zurecht, berichtet Lössl nämlich in seinem ersten Interview, ,,nur Stephan Kuhnert verstehe ich noch nicht so gut.“. Falls es nur die Sprachbarriere ist, dann ist das wohl das kleinste Problem, doch nachdem bekannt wurde, dass der Lössl-Transfer ein Kuhnert-Coup gewesen sei, da wurden in einigen Foren die Zweifel laut. Kuhnert, so heißt es nämlich, gelte scoutingtechnisch als unbegabt. Weshalb sich die Frage stellt: Ist Jonas Lössl ein würdiger Nachfolger für Loris Karius?

Kenavo, Jonas

Kolding Idraetsforening – so der klangvolle Name eines 1895 gegründeten dänischen Fußballklubs, der in der nicht weniger klangvollen Kanalsport Division, der dritten dänischen Liga, seine Spiele bestreitet. Da war es Ehrensache für Lössl, gebürtiger Koldinger, dass er seine ersten Schritte auf dem Rasen des Heimatvereins unternahm. Doch dass Kanalsport nicht das höchste aller Gefühle ist, musste Lössl nach einiger Zeit dann wohl auch bemerken und wechselte in die Jugend des national deutlich renommierteren FC Midtjyilland, wo er über die U19 in die erste Mannschaft kam, für die er im Frühjahr 2010 gegen Odense BK debütierte. In Midtjylland konnte sich der junge Torwart unter perfekt konstanten Bedingungen optimal entwickeln. 137 Spiele in sechs Jahren bestritt Lössl, nur zwei Trainer führten während dieser Zeit Regie. Nach diesem Zeitraum wagte der Keeper, der in seiner Karriere nie etwas überhastet hat (auch der Mainzer Sportdirektor Rouven Schröder honoriert das: ,,behutsam aufgebaut[e Karriere]“), erstmals den Schritt ins Ausland. Klugerweise wählte der als ruhig und äußerst professionell beschriebene Fußballer mit En Avant Guingamp einen französischen Erstligisten, der mit gut 7000 Einwohnern den Hoffenheimern Konkurrenz macht. ,,Gwengamp“ war zum Zeitpunkt der Verpflichtung Lössls gerade sensationellerweise französischer Pokalsieger geworden und hatte die Saison auch in der Liga überdurchschnittlich gut abgeschlossen. Trotzdem fand Lössl in der Bretagne ein ruhiges, familiäres Umfeld vor und etablierte sich schnell als Stammtorhüter. Nach 82 Spielen und respektablen 29 ,,clean sheets“ verabschiedet sich der Torwart also wieder aus Cotes-d’Armor. In der Nationalmannschaft, zu der er zwar schon lange gehörte und derer Jugendteams er alle durchlaufen hatte, debütierte er erst im Frühjahr 2016 – als der Abgang aus Frankreich so fern nicht mehr war. Die Abschiedsworte der Bretonen unterstreichen aber ein weiteres Mal Lössls einwandfreien Charakter: ,,Kenavo, Jonas“, heißt es von offizieller Seite, was zu Deutsch ein herzliches ,,Auf Wiedersehen“ ist. Und weiter: ,,Et tous nos voeux de success“. Ob Lössl diesen Erfolg in Mainz haben wird, kann wohl am besten eine Analyse seiner sportlichen Fähigkeiten beantworten.

Das kleiner-Torwart-Paradoxon

Während die dänische Fußballnationalmannschaft zuletzt das auf 24 Teilnehmer erweiterte EM-Turnier verpasste, spielt die Handballnationalmannschaft der Dänen regelmäßig um die Weltspitze.

Lössl erzählte kürzlich, als er gefragt wurde, ob er sich über das Verpassen der EM ärgere, er kenne so ein Turniergefühl ja noch gar nicht. Transferkritiker empfiehlt: Den Sport wechseln. Denn höchstwahrscheinlich könnte Jonas Lössl auch problemlos in der Handballnationalmannschaft Fuß fassen, legt man seinen Spielstil auf dem Fußballplatz zu Grunde. Denn seine Art, aus dem Tor zu kommen und auch auf der Linie zu reagieren, hat schon viel von einem Handballkeeper. Doch bevor wir hierauf näher eingehen, kurz die Wettkampfmaße von Lössl: 195 Zentimeter Körpergröße, 89 Kilogramm -gewicht. Modellmaße für einen Fußballtorwart – doch das Erstaunliche ist: Lössl verhält sich, als wäre er zehn oder 15 Zentimeter kleiner.

Diese Beobachtung passt erst einmal sehr gut zur anfänglichen Behauptung des Handballstils. Lössl etwa gebart sich nämlich nicht wie die meisten Torhüter seiner Größe, wenn es an der Zeit ist, aus dem Tor zu kommen. Der durchschnittliche Hüne eilt dann nämlich möglichst schnell aus dem Kasten, die Arme links und rechts im 45° (oder größer)-Winkel vom Körper gestreckt und meistens in einer beidbeinigen Spagats-Grätsche in den gegnerischen Angreifer endend. Lössl hingegen kommt haargenau zeitlich getimt aus dem Tor, schnellen, aber sicher nicht großen Schrittes. Das würde auch gar nicht gehen, denn seine Körperhaltung ähnelt dann fast schon der einer Hocke, sodass große Schritte gar nicht mehr möglich sind. Die Arme hält er nicht so, dass die Körperfläche möglichst optimal vergrößert ist, sondern relativ eng am Körper, nur die Handflächen ausgebreitet als vergrößerndes Element. Diese Beschreibung erinnert jetzt wenig an einen Handballtorwart, dafür aber umso mehr an einen kleingewachsenen Fußballtorwart. Warum passt das trotzdem zusammen? Weil die Beschreibung nur den ersten Teil umfasst, spannender wird es beim Abschluss des Angreifers. Dann kommt nämlich Lössls eindeutig bemerkenswerte Gabe der Reaktionsschnelligkeit zum Zug: Er hält die Arme deshalb eng am Körper, um flexibler zu bleiben und, auf diese Gabe vertrauend, erst im letzten Moment zu reagieren. Dann zwar mit dem Risiko, zu spät zu sein, aber ohne das Risiko, sich allen Handlungsspielraum bereits zuvor schon genommen zu haben. Kommt der Ball flach, ist Lössl dank seiner kauernden Haltung schon in Bodennähe, um blitzschnell eines seiner langen Beine wie die Klinge eines Springmessers hervorschnellen zu lassen. Und auf der Linie werden die Parallelen zum Handball noch viel deutlicher: Relativ selten sieht man einen klassischen ,,Hecht“ von Lössl, vielmehr arbeitet der Däne mit seinen Reflexen, die dank seiner Körpergröße auch oft genug räumlich ausreichen.

Die Vorteile dieser Interpretation liegen auf der Hand. Fast nie trifft Lössl eine falsche Entscheidung, wenn er einen Ball nicht abwehrt, dann liegt das nicht daran, dass er ins falsche Eck gesprungen ist oder zu früh aus dem Kasten kam, sondern dass er minimal zu spät reagiert hat – auch bei Elfmetern gegen den Skandinavier ist das der Fall. Die Nachteile sind auch folgerichtig: Zwar ist die Gefahr des falschen Ecks kleiner, aber durch die späten Entscheidungen fängt Lössl vergleichsweise selten Bälle sicher. Zudem lässt er Angreifern beim Herauslaufen mehr Zeit, sich zu entscheiden – und mit einem Abspiel ist der Keeper geschlagen.

Seebär für nackte Damenoberschenkel

Ist Lössl also ein passender Karius-Nachfolger? Nein! Denn Karius war ein anderer Torwart, nicht nur fußballerisch, sondern vor allem charakterlich. Der Neu-Liverpooler und Homie von Justin Bieber ist ein extravaganter, extrovertierter Typ, der auch auf dem Platz eine enorme Ausstrahlung und ein deutliches Statement zum Auftritt seiner Mannschaft beigetragen hat. Lössl ist ein ruhiger Typ, der selten aus sich herausgeht. Während der Däne auf dem Willkommensfoto mit Rouven Schröder in einem Shirt posierte, das eine Schwarzweiß-Zeichnung eines Seemannes zeigte, sinnbildich für den in sich ruhenden, etwas introvertierten Torwart, zeigte das vietnamesische Nachrichtenportal Vietgiatri nach dem Karius-Transfer ein Foto des 23-Jährigen, das den Oberkörper aus der Draufsicht zeigt, zwischen zwei nackten Damenoberschenkeln und der zugehörigen Hand, die die tätowierte Brust des breit grinsenden, blondierten Torwarts streichelt.

Doch weil Lössl kein passender Nachfolger für Karius ist, heißt das noch lange nicht, dass es ein schlechter Transfer war. Sicher, 2,5 Millionen Euro Ablöse sind für einen Torwart und für den FSV eine stattliche Summe, doch Lössl ist durchaus ein sehr guter Keeper, der eben nur anders als sein Vorgänger ist. Da liegt es also an Martin Schmidt, seine Feldspieler an diesen Keeper zu gewohnen, denn der Däne wird sicher nicht mehr zum Typ Justin-Bieber-Buddy, aber das muss er ja auch gar nicht. Vielleicht findet die Scoutinggilde ein versöhnliches Kapitel mit Stephan Kuhnert, der ja auch einmal auf englisch versuchen könnte, mit seiner Entdeckung zu kommunizieren, bis diese ordentlich deutsch spricht. Ist ja nur zu seinem eigenen Vorteil.

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