TK: Lieber Frank, starten wir doch direkt ins Geschehen: Wie siehst du als Sportjournalist das Wintertransferfenster allgemein? Ist es für dich eher eine Periode der Notkäufe oder Zwischenlösungen?

Frank Lußem: Willst du dich wirklich verbessern, dann wird es teuer – auch im Winter. Spontan erinnere ich mich an einen Winter, als Bayer Leverkusen drei Spieler kaufte: Lucio, Diego Placente und Dimi Berbatov. Drei absolute Top-Spieler. Zwei Jahre später: Wieder gute Jungs mit Chris und Kaluzny. Ein kompletter Reinfall und Abstiegskampf bis zum letzten Spieltag. Es gibt kein Muster. Es gibt Klubs, die retten sich mit Wintertransfers die Ziele, es gibt welche, die geben nur überflüssig Geld aus. Allerdings sind die Vereine vorsichtiger geworden. Verpflichtet wird nur von Klubs, die in Not sind oder viele Verletzte haben. Ganz selten hast du den Fall, dass du einen Spieler, den du schon im Sommer wolltest, nun im Winter kommt wie aktuell eventuell Kiyotake bei der Hertha. Dann ist das okay. Grundsätzlich gilt: Es ist schwer, im Winter die Versäumnisse oder das Pech der Hinrunde personell aufzufangen.

Das neu formierte Gladbacher Duo Eberl und Hecking hat erst kürzlich beteuert, kein Freund von Wintertransfers zu sein. Gibt es Vorgänge, die deiner Meinung nach sinnvolle Verstärkungen im Winter besonders erschweren?

Rund 90 Prozent der Transfers sind logischerweise auf den Sommer ausgerichtet. Im Winter laufen keine Verträge aus. Ich finde es befremdlich, wenn ein Spieler wie Mergim Mavraj, der im Sommer ablösefrei hätte wechseln können, für viel Geld vom Hamburger SV verkauft wird und der einstige Hoffnungsträger für diese Position, Cleber, zeitgleich nach Brasilien geht und Emir Spahic, der gestern noch Führungsspieler war, suspendiert wird. Das alles zeigt: Es ist katastrophal gearbeitet worden, ohne Sinn und Verstand und das zwingt die Verantwortliche nun, sich neu auszurichten – was wiederum Geld kostet. Immerhin: Mavraj ist ein starker Neuzugang.

Der Gladbacher Transfer von Kolodziejczak verdeutlicht eine Problematik vielleicht ganz gut: In der Saison 2015/2016 noch Stammspieler unter Trainer Unai Emery, war er in der laufenden Saison unter Sampaoli nur noch Reservist. Bergen Wintertransfers aufgrund von wenig Spielzeit einzelner Spieler oder deren Unzufriedenheit zusätzliches Risiko?

Vereine, die kaufen, sehen natürlich in erster Linie das Potenzial eines Spielers. Wenn sie felsenfest davon überzeugt sind, dass der Spieler es wieder abrufen kann, sollen sie den Transfer machen. Aber es wäre ein Fehler, sich nicht darüber zu informieren, warum er zuletzt nicht mehr die gewohnte Leistung gebracht hat. Damit würde ein Transfer zum schlecht kalkuliertem Risiko.

Kommen wir zu deinem Spezialgebiet, dem täglichen Geschäft rund um die Vereine im Rheinland. Der Kölner Abwehrchef Mavraj verlässt das im Windschatten der Bayern segelnde Schiff. Im gleichen Atemzug holt der FC den verlorenen Sohn Christian Clemens aus Mainz zurück. Wie bewertest du diese Transfers?

Mavraj abzugeben, halte ich mindestens für riskant. Er spielte stark, war beliebt, ein Leader – auf das Geld war der FC nicht unbedingt angewiesen. Ich hielte es für ebenso riskant, ohne Ersatz in die Rückrunde zu gehen. Drei Innenverteidiger langen nicht, wenn du häufiger 5er-Kette spielen willst. Zumal kein Defensivspieler im Kader steht, der innen verteidigen kann. Clemens passt wie die Faust aufs Auge, sowohl, was die Identifikation mit dem Klub angeht als auch fußballerisch. Er ist ein guter Backup für den verletzten Marcel Risse.

Vielleicht kannst du unseren Lesern noch ein bisschen mehr zur Arbeit in Köln verraten: Erkennst du bestimmte Muster in der Transferpolitik des Gespanns Schmadtke/Stöger, die den einst kriselnden 1. FC Köln stetig wieder in andere Gefilde zurückbringen? Was macht ihre Arbeit und insbesondere die Transferpolitik des Vereins derzeit so erfolgreich?

Es gibt drei Säulen, auf der diese Politik basiert: Ein Spieler muss a) fußballerisch passen, b) finanziell und c) charakterlich. Fehlt eine dieser Säulen, wird der FC ihn nicht verpflichten.

Geographisch eng an Köln gelegen, wagen wir nun einen Blick nach Leverkusen: Wo siehst du kadertechnisch Verbesserungsbedarf in diesem Winter? Chicharito wird ja beispielsweise von fast jedem Fachmagazin und Fußballportal momentan als möglicher Abgang ins Schaufenster gestellt.

Chicharito wird bleiben, Bayer wird sich ja nicht potenziell schwächen wollen auf dem Weg zurück ins obere Tabellendrittel. Unabhängig davon ist dieser Kader so stark, dass personell nichts nachgelegt werden muss. Es muss nur endlich einmal das Potenzial ausgeschöpft werden.

Kurz: Was denkst du, wer schlägt demnächst seine Zelte in Leverkusen auf?

Aktuell sehe ich keinen Bedarf. Im Sommer wird das anders. Wenn Toprak geht, muss Ersatz her. Was passiert mit Bellarabi, Tah, Leno, wenn die Champions League verpasst wird?

Wahrscheinlich ist es für dich momentan auch eine stressige Arbeitszeit. Wie kann man sich die Arbeit in der Redaktion eines so großen Sportmagazins wie des kicker zur Transferperiode vorstellen?

Es ist nicht intensiver als sonst auch. Zwei Komponenten machen die Sache schwieriger als früher: Da ist zunächst der Anspruch der Vereine, die Kommunikationsherrschaft zu erlangen und mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Sie finden es wichtig, Transfers oder Vertragsverlängerungen zuerst zu veröffentlichen – warum auch immer. Es ist ein Wettkampf, manchmal auch ganz lustig. Weniger lustig ist der Drang einiger „Experten“, sich per sozialer Medien zu multiplizieren und aus Gerüchten Fakten zu machen. Wenn ich Di Marzio und Konsorten verfolge, dann wird mir übel. Das hat häufig mit Journalismus nichts mehr zu tun. Und viele Fußballseiten fallen drauf rein und hängen sich an diese Typen, die doch einfach nur enorme Wichtigtuerei betreiben. Wenn sie Gerüchte nur streuen würden, dann ginge es ja noch. Aber sie verkaufen sie als Fakten. Eine dumme Kinderei, die viele Kollegen in Zugzwang bringt. Ich kann darüber nur lachen. Ach ja: Wenn sie tausend Gerüchte verbreiten und einmal Recht haben sollten, macht es das nicht besser.

Winterpause bedeutet ja immer auch Halbzeit im Saisonverlauf: Was sind deine Tipps für Meisterschaft, internationales Geschäft und Abstieg? Warum?

Meister werden die Bayern, Leipzig, Dortmund und Leverkusen kommen in die Champions League, Hoffenheim und Frankfurt in die Europa League, Darmstadt und Ingolstadt wird es unten erwischen, Augsburg muss in die Relegation.

Zum Abschluss eine Frage: was ist dein persönlicher Wunschtransfer für den 1. FC Köln?

Kevin Wimmer wäre eine Top-Verstärkung gewesen. Ein guter Typ, vielseitig einsetzbar, einer, der sich in Köln schon durchgesetzt hat.

 

 

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