Max Eberl ist nicht gerade bekannt dafür, Transfers frühzeitig zu kommentieren oder vage Äußerungen in den Medien abzugeben. Anders in dieser Wintertransferperiode: Eberl machte den Fans schon in der Weihnachtszeit Lust auf eine zweite Bescherung. Er habe da etwas vor, es handele sich um einen interessanten Spieler mit hoher Qualität, weshalb es sich noch etwas schwierig gestalte. Jeder Hobby-Cluedo Spieler oder Sherlock-Fan unter den Anhänger zückte direkt sein Notizbuch und wurde selbst zum Meisterdetektiv: Wen könnte Eberl da bloß meinen? Um welche Position geht es? Zwei Äußerungen aus Fan-Foren seien hier mal exemplarisch aufgenommen: Es wird… Stevan Jovetic… mit Kombinationsspiel und Abschluss… im Sturmzentrum! Noch ein wenig abenteuerlicher gefällig? Bitteschön: der gehandelte Neu-Ausrüster Puma sorge gar dafür, dass Mittelfeldikone und Markenbotschafter Cesc Fabregas der neue Dirigent im zentralen Mittelfeld werde. Puh, das Anspruchsdenken einiger Fans wird der gute Max erstmal wieder besänftigen müssen. Obgleich sich das Gerücht von Stevan Jovetic als neuem, anspielbaren Leader in der vorderen Reihe hartnäckig hält, dürfte eine Fabregas Verpflichtung getrost ins Land der winterlichen Fußball Fabeln verwiesen werden – zudem hat Max Eberl auf der heutigen Pressekonferenz weitere Neuzugänge mit einem großen Fragezeichen versehen.
Der Zugang steht nun aber bereits fest: am heutigen Tage kündigte Max Eberl auf der Pressekonferenz mit Neutrainer Dieter Hecking den Transfer von Sevillas Timothée Kolodziejczak (im Folgenden kurz „Kolo“ genannt) an. Mit Kolo, der laut Eberl der Mannschaft Stabilität verleihen kann, also ein Innenverteidiger aus LaLiga an den Niederrhein, der auch auf der linken Außenverteidigerposition eingesetzt werden kann. Na, wem fällts auf? Richtig, den gab es doch schonmal: Alvaro Dominguez. Welche Qualitäten Kolo, der nach der Sportinvalidität Dominguez verpflichtet wurde, mitbringt, verraten wir euch jetzt.

Eine Frage der Konkurrenz und des Trainers: Kolo, Puel und Emery

In Arras/Frankreich geboren, zog es den Sohn eines Vaters aus Martinique und einer polnischen Mutter in jungen Jahren in die Jugendakademie des RC Lens, für dessen Jugend er bis 2008 aktiv war. In Lens noch an der Seite von Gael Kakuta und unter Joachim Marx trainierend, lehnte er ein Vertragsangebot des Verein über 5 Jahre ab, in der Hoffnung bei einem größeren Verein anzuheuern – Manchester United soll ihn damals beobachtet haben. So wurde es letztlich die französische Größe Olympique Lyon, bei der er sich in Anbetracht beachtlicher Konkurrenz unter Trainer Claude Puel in den nächsten drei Jahren nicht durchsetzen konnte. Ein Highlight in seiner noch jungen Karriere war jedoch der Einsatz im September 2009, als er sein Champions League Debut als Einwechselspieler für Linksverteidiger Aly Cissokho gab.

Seinen wirklichen Durchbruch hatte der 1,85m große Innenverteidiger allerdings in der Station in Nizza, wo er sich nach seiner Unterschrift 2012 zum unangefochtenen Stammspieler entwickelte. Erstaunlich: Claude Puel, der ihn noch zuvor in Kolos erstem Jahr in Lyon ins Amateurteam geschickt hatte und unter dem er sich in Lyon nicht durchsetzen konnte, holte ihn aufgrund seiner Qualitäten und der zugegebenermaßen überschaubaren Konkurrenzsituation in der Verteidigung mit nach Nizza.  Nachdem Kolo sich in Nizzas Verteidigung in wechselnder Rolle als Innen- und Linksverteidiger festspielen konnte, wartete schon bald das erste internationale Abenteuer auf ihn. Von Trainer Unai Emery und Sportdirektor Monchi im Vorfeld der Saison 2014/2015 für marktwertgerechte drei Millionen Euro verpflichtet, konnte Kolo bereits in seiner ersten Saison auf einige Einsätze zurückblicken. In der Saison 2015/2016 erfolgte auch aufgrund von Verletzungssorgen in der Innenverteidigung der Aufschwung zum Stammspieler mit wettbewerbsübergreifend insgesamt 45 Spielen. In dieser Saison unter Trainer Jorge Sampaoli nur noch zweite Wahl, zieht es ihn nun zur Fohlenelf nach Mönchengladbach.

International kann Kolo auf den zweimaligen Gewinn der EuroLeague mit dem FC Sevilla sowie der U-20 Weltmeisterschaft im Jahre 2010 mit der französischen Jugendauswahl zurückblicken.

Aggressive – but leader?

Timothée Kolodziejczak kommt mit einer starken Manndeckung und Zweikampfstärke in den Borussia-Park. Dabei verteidigt er meist aggressiv und eng am Mann, welches den gegnerischen Angreifern wenig Spielräume und Bewegungsfreiheit bietet. Insbesondere in seiner Saison als Stammspieler in Sevilla hat er seine besten Spiele gegen die stärksten Angreifer der Liga gezeigt. Kolo fällt dabei weniger durch geschicktes Antizipieren und ein vorausschauendes Stellungsspiel auf, ist eher der klassische als moderne Innenverteidiger. In der Luft weiß er durchaus abzusichern, wenngleich er kein Paradebeispiel eines Kopfballungeheuers ist. Sein Spielaufbau ist ausbaufähig, hier sollte er zukünftig weiter an seinem Passspiel arbeiten. In großen Drucksituationen leistete er sich in Sevilla zudem bereits einige technische Ungenauigkeiten sowie Abspiel- und Stockfehler. In der Innenverteidigung trifft der Linksfuß, welcher auch explizit für die LIV Position vorgesehen ist, auf die Hauptkonkurrenten Jannik Vestergaard und Talent Mamadou Doucouré. Kolo scheint die Kompensationsverpflichtung für Alvaro Dominguez zu sein, vielleicht überrascht er jedoch auch und spielt sich, an Vestergaard vorbei, fest. Dann kann er mit Christensen, welcher auf der Position des RIV gesetzt ist, ein kongeniales Duo bilden: Beide kommen durch ihre Zweikampfstärke ins Spiel und verteidigen nah am Mann – eine Tatsache, die wieder so etwas wie ein Konzept in der Gladbacher Verteidigung erahnen lassen könnte.

Auf der linken Verteidigerposition eingesetzt mimt Kolo eher den defensiveren Typus, welcher seinen Vordermann auf dem linken Flügel absichert und defensiv unterstützt. Mit einer soliden Grundschnelligkeit ausgestattet wagt er sich zwar ab und zu in die Gefilde weiter vorne, läuft dann jedoch Gefahr in der Rückwärtsbewegung überlaufen zu werden. Kolo agiert hier am stärksten als ein Spieler, der nach hinten absichert, um Stabilisation auf der linken Abwehrseite zu generieren. Damit ist er ein Gegentypus zu den bisherigen Linksverteidigern im Kader, Oscar Wendt und Nico Schulz, die ihre Qualitäten eher in der offensiven Interpretation der Position aufweisen, jedoch anfällig beim gegnerischen Konterspiel sind. Insgesamt steht Kolo für eine geradlinige, schnörkellose Verteidigungsweise, die der Gladbacher Defensive nötige Stabilität verleihen und dem Stil des Trainers, Dieter Hecking, entsprechen kann.

Kolo in Gladbach: Mehr als nur Dominguez-Ersatz?

Es bleibt abzuwarten, ob Kolo ein langfristiger Kandidat für die erste Elf oder eine Verstärkung in der Breite des Kaders sein wird. Als defensiv ausgerichteter Linksverteidiger ist er durchaus eine willkommene Alternative; in der Innenverteidigung Vestergaard auf der linken Ausprägung dieser Position jedoch durchaus überzeugen können. Kolos aggressive Verteidiungsweise kann der Borussia in der Defensive gut tun, ihr gepaart mit einer klaren Spielidee Heckings Stabilität verleihen. Inbesondere seine geradlinige Zweikampfführung, die durchaus an den verlorenen Leader Stranzl erinnert, wird der Gladbacher Borussia gut zu Gesicht stehen. Mit der Verpflichtung Kolos und dem Fragezeichen hinter weiteren Transfers verpasst es Eberl jedoch zunächst, das Vakuum im defensiven Mittelfeld zu schließen und den fehlenden Zugriff auf das Spiel auf dieser wichtigen Position zu stärken. Es bleibt abzuwarten, ob Dieter Hecking diesen entscheidenden Moment aus dem Kader herauskitzeln kann…

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